Im Gruppenrudel auf den Almspitz (2188 m)

Dass ich liebend gerne als Individualrudel oder im Dualrudel auf Berge steige, ist ja hinlänglich bekannt. Selten, ganz selten kann es aber auch vorkommen, dass ich als Teil eines Gruppenrudels wandere. Weil die heutige Tour unmarkiert auf einen Zweitausender führen soll und verirren bei meinen gemeinsamen Tourenplanungen mit Reinhard immer eine Option darstellt, werden noch Stefan und Waltraud vom möglichen Abenteuer angelockt.

Wir fahren auf der Mautstraße (sechs Euro, nicht unbedingt in Münzen, Automat ist gierig genug und nimmt auch Papiergeld) zur Edelrautehütte. Neben der Mautstraße befinden sich unzählige Parkverbotsschilder, und wir getrauen uns nicht, unser Auto vorm Schranken zur Forststraße Schobermoos abzustellen (gelb eingekreist). Dort würde unsere Wanderung idealerweise beginnen.

Wir parken also am großen Parkplatz bei der Edelrautehütte und beginnen unsere Tour mit einem Abstieg. Stefan und Waltraud…

…und Reinhard sind mein Gruppenrudel.

Bei manchen Touren werden durch Zwischenabstiege bereits errungene Höhenmeter wieder genullt, das mag ich gar nicht, aber es kommt vor. Eine Bergbesteigung im Abstieg zu beginnen, ist dagegen nicht so häufig. Wir kommen also gleich einmal gehörig ins Höhenmeterminus sozusagen. Fast dreihundert dieser wertvollen Maßeinheit werden wir verlieren, bis der finale Anstieg auf den Schafriedel beginnt. Allerdings erhalten wir diesen Verlust Meter für Meter im „Abstieg“ rückerstattet.

Wir wandern die Mautstraße nicht bis zum Schobermoos zurück, sondern biegen gleich auf die Forststraße zur Kotalm ab.

Mit seinem Mobiltelefon hängt Stefan wie an einer unsichtbaren Leine an beruflichen Alltagsgrauslichkeiten. Als Freiberufler ist es für ihn nicht immer einfach, genügend Zeit freizuschaufeln. Später gelingt es ihm dann doch.

Der Blick zur Bösensteingruppe bleibt uns noch verborgen.

Im Bereich des Hölleralmmoos drängt eine Quelle direkt aus dem Boden.

Wo Forststraßen sich befinden, befindet man sich nicht in der Gewalt der Natur.

Darum sind wir auch überhaupt nicht aufmerksam. Es ist sogar so unterhaltsam, dass wir auf einer Forststraße weiter wandern, die es in unserer Planungskarte noch gar nicht gibt. Diesen Blick zur Hölleralm und zur Forststraße, auf der wir hergewandert sind, kann es darum auf dem beabsichtigten Kurs gar nicht geben. Fehler erkannt, Fehler gebannt heißt es wieder einmal. Dieser Zwutschgerlverhauer schlägt sich in der Endabrechnung mit zusätzlichen einskommazwei Kilometern und siebzig Höhenmetern nieder. Das ist leicht verkraftbar.

Unser Talent zur nicht ganz einwandfreien Tourenplanung und Durchführung haben wir somit wieder einmal bewiesen. Gute Tourenplanung ist eine Klugheitsleistung. Für einen kurzen Moment fühlen wir uns ertappt.

Dort, wo die Forststraße einen deutlichen Knick macht und anzusteigen beginnt, darf man einfach nicht mitmachen. Nur weiter geradeaus gehen. Wo Stefan jetzt steht, ist es richtig.

Und schon bald können wir erstmals unser Ziel sehen.

Der Landwirtschaftskammer Steiermark sind wir für diese Warnung dankbar: Dass das „Betreten (…) von Hunden“ nur auf eigene Gefahr möglich ist, war uns bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.

Noch vor der Jagdhütte, unter dem Schafriedel, überschreiten wir den gar nicht so schmalen Bach. Waltraud war gerade erst in Norwegen wandern und ist im Bachüberschreiten noch gut geübt. Darum folge ich ihr. Reinhard und Stefan versuchen es weiter oben und haben es dann ein wenig nasser.

Zweihundert Meter nach der Bachüberquerung steigt eine, wiederum in den Karten nicht verzeichnete, Forststraße in Richtung Lugstein bzw. Schafriedel an. Die wandern wir hoch.

Bei diesem Jagdstand mündet die Forststraße in eine herrliche Wiese. Und am Ende dieser Lichtung…

…beginnt der wirklich zauberhafte, nicht zu verfehlende Aufstieg…

…auf den Schafriedel.

Bald schon ist der lange Rücken zum Almspitz erreicht, und die Landschaft klappt regelrecht auseinander. Sogar das Gipfelkreuz kann ich schon erkennen.

Es ist dort viel schöner…

…als es auf meinen Bildern aussieht.

Die Landschaft ist schon ein wenig angeherbstelt…

…und der Weg unverfehlbar.

Die verlässlich grundgutgelaunte Waltraud macht noch ein Foto von mir…

…und eilt dann davon. Die sind alle so schnell, als hätte jeder einen Speedy Gonzales zum Frühstück gegessen.

Weil ich auch mit erhöhter Anstrengung nicht nachkomme, fällt mir ein Isabelle Eberhard Zitat aus „Sandmeere“ ein: „Es muss in diesem Puppentheater des Lebens auch Figuren wie mich geben, die mit schwächeren Fäden bewegt werden.“

Stefan hat bereits den Gipfel erreicht.

Man kann es auch übertreiben mit der Kondition.

Allerdings kann man es auch untertreiben.

Ich brauche schon um einiges länger…

…da hinauf.

Ich bin ja nicht gerade eine Seifenblase.

Aber dann gilt auch für mich: Berg aus! Das Gruppenrudel hat bereits einen windstillen Jausenplatz gefunden und ist nicht willens, wieder aufzustehen.

Das hindert mich allerdings nicht, das obligatorische und unverzichtbare Gipfelfoto anzufertigen: Gipfelfoto Almspitz (2188 m).

Was für ein herrliches Platzerl haben wir uns da ausgesucht.

Stefan zelebriert in höchster Umsicht die lebensbereichernde Zeremonie der Magenruhigstellung. Er verwöhnt uns mit liebevoll-selbstgekauftem Mohnkuchen…

…und verwandelt sich in eine Italienische Mostviertler Kaffeemaschine – hoch über dem Grünen See.

Heißen Kaffee ganz ohne Trinkhalme schlürft Monsieur Peter im Schatten seiner blauen Perlonpalme.

Es ist fast windstill. Mein Gesicht wird trotz Schattenspender sonnengebrandet. Die Immobilisierung gefällt mir ausgesprochen gut.

Stefan allerdings nicht. Nach erfolgter Essensausgabe packt er seine sieben Zwetschgen zusammen und macht sich auf den Weg: Er will über die Schafzähne zur Hochhaide, den Dreistecken, die Große Rübe zur Edelrautehütte wandern. Dort wollen wir wieder zusammenfinden.

Allerdings ist das Gelände nicht unheikel: In den Jahren  2011 und 2012 hat es zwei Todesstürze gegeben.

Direkt vom Gipfel steigt Stefan einige Meter hinab in die Rahmkochscharte, und dann weiter, über einzelne Gratzacken und an Gendarmen vorbei, zur Hochhaide.

Wie heißt es so schön: „Denn seine Taten sind aus dem Stoff meiner Wünsche gemacht.“

Bald schon verlieren wir ihn aus den Augen und widmen uns der berglichen Umgebung, dafür war ja bis jetzt keine Zeit.

Zu Bergtouren in der Pölsensteingruppe konnte ich manch alte Besteigungsbeschreibungen ausgraben. Unter anderem in „Jäckles Führer durch die Östlichen Niederen Tauern“ von 1927. Sogar eine Spezialkarte nach Angaben der Gendarmerie, Stand 1923, hat mir geholfen. Das Gebiet rund um die Hochhaide habe ich aus dieser Karte abgebildet. Interessant ist zum Beispiel, dass in alten Beschreibungen und auch auf dieser Karte der Almspitz noch mit Bacher Koppen (2189 m) bezeichnet wird.

Dreistecken (2382 m) und Mitterstein (2039 m).

Die Kammüberschreitung von der Seekarspitze zum Großen Rüben im November 2015 war eine meiner schönsten Touren in diesem Jahr: Herzzerfleischend schön: Gefrorener See und Seekarspitze (2115 m) und Große Rübe (2093 m).

Vom Großen Rüben habe ich damals dieses Foto vom Almspitz gemacht.

Nahebei ist es auch nicht unerfreulich. Sogar ein wenig rätselhaft. Ich kann diesen Enzian einfach nicht exakt bestimmen.

Selbst die Halbvogelperspektive dieses nicht ganz so hohen Berges ist eindrucksvoll.

Abgelegen und selten besucht: Grüner See (1950 m). Wer den Ruf dieser Landschaft nicht hört, muss schon ein schwerhöriges Herz haben.

Nach mehreren verunglückten Versuchen gelingt es uns endlich doch, den Gipfel zu verlassen.

Die gewaltig schöne Landschaft über dem G(e)mein See (1949 m).

Ein grüner Sturzbach überschüttet die Landschaft.

Blick in den Osten. Die Besteigung des Triebensteins war auch so eine feine Tour in dieser feinen Weltgegend: Von Riff zu Riff – Soma Bay und Triebenstein.

 

Was schreibt meine so geschätzte Liselotte Buchenauer zu diesem Anblick: „Ist doch der Ausblick zu den hellen Kalkfelsen des „Kleinen Gesäuses“, wie man die Gruppe des Admonter Reichensteins, Kalblings und Sparafelds nennt, von nirgendwo interessanter, als aus dem dunklen Urgebirge um den Pölsenstein! Es verschlägt einem fast den Atem, wenn man nach längerem einförmigen Aufstieg wie mit einem Schlag die seltsam aufgereckten Schwurfinger des Reichensteins und die breiten Wandblöcke von Sparafeld und Kalbling vor sich sieht, gehoben und getragen vom waldigen Grün der Vorberge. Ein dankbares, immer wieder fotografiertes Motiv!“

Am Forststraßenweg zurück wird uns wie erwartet, jeder Höhenmeter rückerstattet. Kein Zentimeter wird uns vorenthalten. Stefan wartet auf der Edelrautehütte schon auf uns. Entweder haben wir wirklich viel Zeit am Gipfel vertrödelt, oder Stefan hat es ganz einfach übertrieben. Wir werden es nie erfahren.

Im Anstieg ca. 1100 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 17 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Nicht extra bezeichnet sind Fotos von Stefan und Waltraud in diesem Blogeintrag. Vielen Dank dafür.

Das Individualrudel habe ich mir von Reinhard P. Grubers Hödlmoser ausgeborgt. Dort heißt es: „(…) unerwartet schnell formiert sich jedoch ein köflacher großrudel aus dem gruppenrudeln, dass das individualrudel hödlmoser zermalmt. „für köflach bin ich zu individuell“, bemerkt hödlmoser (…)“

 

Jäckle (1926): Führer durch die Östlichen Niederen Tauern. Sektion Edelraute d. Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Wien.

Spezialkarte (mit Waldaufdruck. Wegmarkierungen in den Originalfarben nach Angaben der Gendarmerie, Stand 1923.

 

 

 

 

 

 

 

Buchenauer (1976): Bergwandern in der Steiermark. Tyrolia Verlag, Innsbruck.

Buchenauer (1971): Wandern in der Steiermark. Tyrolia Verlag, Innsbruck.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

Zeller (2010): BergErleben Bd. 3, Wölzer Tauern, Rottenmanner Tauern, Schladminger Tauern. Verlag Gertraud Reisinger, Spielberg.

 

 

 

 

 

 

 

 

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Hödl (2008): Bergerlebnis Wölzer, Rottenmanner, Triebener Tauern und Seckauer Alpen. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gruber (2006): Aus dem Leben Hödlmosers. dtv Verlagsgesellschaft, München.

Eberhard (1981): Sandmeere. Im heissen Schatten des Islam. Verlag März bei Zweitausendeins, Frankfurt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Rottenmanner Tauern (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.