Rinsennock von der Turracher Höhe

Nach vierzehn Sonnenstreiktagen und vermutlich gewerkschaftlich organisierten Wolkenversammlungen in ganz Österreich, soll es zu einem eingeschränkten Sonnenbetrieb im Süden von Österreich kommen. Darum wollen wir für ein paar Tage in die Nockberge, nach Bad Kleinkirchheim. Erster Stopp für eine kleine Welcomewanderung ist die Turracher Höhe.

Ganz haben sich die Wolkenversammlungen noch nicht aufgelöst. Kalt ist es, viel kälter, als wir angenommen haben. Überrascht sind wir von den vielen Menschen, die hier heroben herumwuseln. Gabi zieht sich ihre wärmere Wanderhose an und bemitleidet die vorbeigehenden kurzhosigen Holländer. Aber um die braucht man sich nicht sorgen, die sind nordseeerprobt.

Die Anwesenheitsursache der vielen Touristen mit ihren Kindern ist schnell ausgemacht. „Willkommen, und ab geht’s … mit der spektakulären Ganzjahres-Alpen-Achterbahn. Bahn frei … für den Nocky Flitzer auf der Turracher Höhe. Kurvig und mit Speed beginnt es auf 2000m Seehöhe (…)“ So tönt es aus Fremdenverkehrsprospekten und dem Internet.

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Wir schlendern an dieser Touristenkugelbahn vorbei und schlagen den Barbara-Weg ein. Wir wollen zur Kormulde und von dort auf den Südostgrat des Rinsennocks hinausqueren.

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So bald wir nur wenige Meter vom Rummelplatz wegkommen, wird es ruhiger. Und der Berg gehört ganz seinem wuchernden, bunten Bewuchs. Im Hintergrund ist der von uns angestrebte Grat zu erkennen.

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Weit oberhalb der Straße wandern wir an meterhohen Lawinenverbauungen vorbei. Manches mal verortet ein Motorradmotor oder ein aufheulender Sportwagensechszylinder den Straßenverlauf.

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Die/der …………………. war hier in einer Hochphase ihrer/seiner Schaffenskraft. (Je nach persönlicher Annahme einsetzen: Evolution oder Kreator).

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In ihrer Formenvielfalt gleicht die Hauswurz…

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…den Korallenbänken im Indischen Ozean (Weihnachtsbaum-Würmer auf Steinkoralle).

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Ob entweder fest an den Berg geschmiegt oder neugierig den Blütenkopf hebend, überall,…

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…wo sich ein Stein findet, findet sich dieses eigensinnig schöne Steinbrechgewächs.

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Mir fallen die vermehrten Blicke meiner Frau in mein Gesicht auf. Ja ich weiß, ich sehe ziemlich gut aus, aber ihre Blicke sind sorgenvoll – „Ist mir dir alles in Ordnung, geht es dir gut?“  lautet schon bald ihre Frage. Denn es stinkt. Es stinkt gewaltig. Ich stinke gewaltig. Ich kann sie beruhigen, mir geht es gut. Schuld an diesem penetranten, extrem kräftigen, stechenden, eines Skunks würdigen Gestanks, ist mein fast neues, natürlich gründlich gewaschenes Kunstfaserleiberl.

Wenn nur wenige Tropfen frischer, ehrlicher Schweiß mit ihm in Berührung kommen, führt das zu einer Gestanksexplosion. Es kommt zur sensorischen Totalüberlastung. Moleküle werden in die Luft geschleudert und reiben mir und mir Nahestehenden sehr schnell meine Körperlichkeit auf sehr dramatische Weise unter die Nase.

Das Problem ist bekannt. Die 30° Wäsche ist für viele Bakterien maximal eine Einladung zu einem Schläfchen. Und frischer Schweiß ist der Weckruf, der Sonnenaufgang für die Stinkbakterien. In einigen neuen, schnelltrocknenden Kunstfasershirts fühlen sie sich besonders wohl. Nach vielen Fehlversuchen konnte ich doch eine Lösung zur Entstinkung und damit Rettung meiner geliebten T-Shirts finden. Man muss den Bakterien Saures geben. Essigsaures nämlich. Ein 48-stündiges Bad in einer Essiglösung hilft (nicht am Essig sparen).

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An Seelachen und einer großen Herde Mutterkühe vorbei, durchqueren wir die Kormulde.

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Karte und Landschaft wollen bei diesen beiden Damen aus Düsseldorf nicht zusammenkommen, als hätte der Tourismusverein auf gut Glück die Wanderwege eingezeichnet.

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Sie stehen mit einer Wanderkarte des Tourismusverbandes da und wissen nicht weiter. Ein Hauptproblem sind die verwendeten Bezeichungen in diesen Prospekten. Diese Fantasienamen finden sich oftmals auf keiner Karte und in der Landschaft schon gar nicht. Für Flachlandbewohner, die solch ein Gelände nicht einschätzen können, ist das eine kleine Katastrophe.

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Gleich hinter der verfallenen Korhütte (Knappenhaus?) zeigt sich in den Fels geschlagen…

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…der verschlossene Eingang zu einem ehemaligen Bergwerk. Zinnober (Quecksilber) wurde hier aus geringmächtigen Zinnoberadern gewonnen.

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Während des Zweiten Weltkrieges wurde wieder für kurze Zeit mit der Gewinnung begonnen, und die…

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…noch vorhandenen Abraumhalden stammen aus dieser Zeit. Wie auf diesem Foto zu sehen ist, haben wir den Barbara-Weg verlassen und befinden uns schon einige Meter über der Kormulde. Auch die Abraumhalden sind nicht zu übersehen. Immer noch nicht überwachsen, obwohl sie schon vor 68 Jahren aufgeschüttet wurden.

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Blick zurück zu unserem Ausgangspunkt – dem Turrach See.

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Gegenüber kann ich das Gipfelkreuz des Schoberriegels (2208 m) erkennen. Dahinter könnte der Wintertaler Nock (2404 m) zu sehen sein – aber nicht mit Gewissheit.

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Auch die Bergstation der Kornockbahn, und somit der Kornockgipfel, ist zu erkennen.

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Aggressives Grün flutet die Hänge und unsere Körper. Nur 250 Meter unter dem Gipfel…

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… durchschreiten wir einen gut gekämmten, ganz eigenwilligen Abschnitt des Aufstiegsweges.

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In diesem Bereich wurde die Wegführung nach oben verlegt, weil der alte Pfad abrutschte und in sehr steilem Gelände endete.

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Wir erreichen die Rinsennock-Schulter, ohne weiteren Menschen begegnet zu sein. Eigentlich unglaublich. Hier kommt uns jetzt ein italienisches Paar…

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…mit Hund entgegen. Wir denken an die Unfälle mit Mutterkühen in den letzten Wochen und warnen sie mit viel Gestik (meine Zuckungen gleichen mehr einem Ausdruckstanz). Die beiden haben von „Kuhübergriffen“ noch nie etwas gehört und bedanken sich für die warnenden Worte. Etwas später treffen wir auf ein Pärchen mit zwei großen Hunden. Denen erzählen wir ebenso von den Mutterkühen, aber der Hundehalter meint geringschätzig: „Ich weiß schon, was ich tue, ich habe einmal einen Hund gehabt, der hat es mit einer ganzen Herde aufgenommen“. Passt schon, denken wir uns und gehen weiter. Mit solchen Behauptungshäuptlingen geben wir uns nicht weiter ab – das bringt nichts. Aber zumindest ein kleines Horn im überheblichen Hinterteil wünsch‘ ich ihm doch.

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Jetzt ist uns bewölkte Aussicht in allen Richtungen gegeben, und am Gratrücken wandern wir weiter.

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Gegenüber führt der Barbara-Weg leicht bergauf zur Bergstation der Kornockbahn.

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Ich freue mich, denn im Gipfelbereich hat eine Unbekannte offensichtlich dieses Herz für mich hinterlassen. Das führt zu einer Diskussion mit meiner Frau. Denn sie meint, ein Unbekannter hätte das Herz für sie gelegt. Eine Einigung ist in dieser Angelegenheit nicht in Sicht.

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Obligatorisch und unverzichtbar und noch dazu voller Freude, wieder in den Nocken zu sein: Gipfelfoto Rinsennock (2334 m).

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In der Bildmitte ist der Gregerlnock (2296 m) und links davon der Koflernock (2277 m) zu sehen. Rechts davon dürfte der Zug mit dem Großen Königsstuhl (2336 m) zu erkennen sein.

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Für eine lange Rast ist es zu kühl, und so wandern wir am breitgetretenen Pfad zum Kornock weiter.

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Blick den Grat zurück.

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Tiefschau zur Winkleralm. Am liebsten würde ich gerne überall gewesen sein. So einladend ist das sanfte Gewölbe dieser sanften Berge.

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Dieses Foto zeigt, wie berghungrig und wolkenwurschtig wir schon waren.

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Wir zögern das Ende der Wanderung so gut es nur irgendwie geht hinaus…

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…und hinaus.

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Zirkelgebilde dienen als Orientierungsgeber.

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Der Gipfel des Kornocks (2193 m) untertrifft unsere Erwartungen mühelos.

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Ein letzter Blick zurück zum soeben überschritten Buckel des Rinsennocks.

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Der Berg schenkt auch heute noch den Menschen Arbeit und Einkommen. So viel hat sich zu vergangenen Zeiten also nicht geändert. Früher wurde unter Tage nach Erzen und  Gewinnen geschürft. Mühsam wurde auf kleinen Wägelchen das Erz und der Abraum aus dem Bergwerk befördert. Heute wird im Tagebau Touristenspaß und Urlaubervergnügen abgebaut. In kleinen bremsbaren Wägelchen geht es ins Tal, und jeder Kreischer und Lacher der Feriengäste lässt die Kasse klingeln. Passt schon so.

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Unser Besuch auf der Hochschober Almzeit Hütte (1968 m) lässt  sich gut an. Windgeschützt wird hier nach den Weiten der Nocken enger zusammengerückt,…

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… und weil als Hintergrundmusik das Blaue Album der Beatles gespielt wird, bleiben wir lauschend und plaudernd noch ein wenig länger sitzen.

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Jetzt wollen auch wir rollen, aber die Warteschlange für die Bahn ist uns zu lange. Gerne wären wir mit unseren Rucksackairbags und den Stöcken zum Anschieben die letzten Höhenmeter ins Tal gekugelt. So wandern wir lediglich entlang der Bahn hinab.

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Eine lustige Frage stellt sich uns noch. Warum steht eine Straßenwalze in der Wiese? Vielleicht gibt es für gewalzte Wiesen und Weiden einen speziellen EU-Fördertopf?

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Im Anstieg ca. 555 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 7,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Buck (1997): Die Nockberge Natur und Kultur. Verlag Carinthia.

Lehofer (2003): Nockberge, Nationalpark und Gurktaler Alpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Nockberge (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.