Unser Verschlafen und sein Kollateralnutzen: Einsame Tour auf den Grabnerstein (1847) & Jungfernscharte (1718 m)

Wir brauchen kein Weckergeläute, um aus dem Schlaf zu finden. Wir sind Lerchen, die Frühaufsteher unter den Vögeln. Der Morgen ist unser Verbündeter, der liebste Freund unter den Tageszeiten. Wir verschlafen uns nie! Bis zum heutigen Tag galt diese Annahme, und heute ist das Unglaubliche, noch nie dagewesene, das Undenkbare passiert, wir haben uns verschlafen. Und das gleich ganz heftig. Stunden später als gewohnt, erwachen wir.

Für unsere geplante Tour am Sölkpass sind wir somit viel zu spät dran. Ich bin traurig und Gabi ist praktisch. „Gehen wir doch auf den Grabnerstein“ schlägt sie vor. Und so kommt es, dass ich, ob des hektischen Rucksackpackens und des unerwarteten neuen Tourenplans, selbst am Buchauer Sattel (861 m) noch ein wenig von der Rolle und noch langsamer als sonst bin. Flexibel und spontan bin ich nicht. Gabi ist schon lange abmarschbereit und ungeduldig.

Ich kann die Situation aber gut klären.

Vor uns verlässt nur ein einzelner Wanderer mit schnellem Schritt den Parkplatz. Unglaublich, nur wir beide sind am Weg, weit und breit ist niemand – und das am Zustieg zum Grabnerstein.

Wir halten uns nicht an die Markierung und nicht an die Forststraße. Wir bleiben auf der gut ausgetretenen Diretissima-Spur. Weil wir keine Solarpanele sind und wie Vampire die Sonne scheuen, wollen wir im Baumschatten möglichst schnell viele Höhenmeter zurücklegen.

Und das gelingt uns gut. Wir sind mehr so Shadow-Panele, denke ich mir, …

…als wir den ersten Ausblick auf die Grabneralm genießen können.

Die Hälfte des Aufstiegs ist hier schon geschafft, und für den zweiten Teil der Wanderung ist uns die Sonne jetzt sehr willkommen.

Den Umweg über die Grabneralm wandern wir erst gar nicht. Schon ein gutes Stück vorher biegen wir von der Forststraße, auf deutlichen Steigspuren, ins Gelände ab.

Bald schon sind wir auf Höhe der Alm (1395 m) und gelangen…

…zum markierten Weg. Der Pfad ist abwechslungsreich, und wir sind gut gelaunt.

Neugierig betrachten wir die Jungfernscharte in der zerfurchten Kalkwand über uns.

Hoch oben, über die Felsenstirn, verläuft der Steig vom Grabnerstein zur Jungfernscharte.

Nur die diesige Aussicht, Gabi und die…

…Blumen. Das muss einem erst einmal passieren am meistbewanderten Berg in den Haller Mauern. Kein Wunder, dass er so viel besucht wird, wenn ein Auskenner wie Herbert Raffalt in seinem Buch Steirische Almen über den Grabnerstein schreibt:

„Unbedingt zu empfehlen ist ein Ausflug auf den Hausberg der Grabneralm, den Grabnerstein (1847 m), den erklärterweise schönsten Blumenberg der Steiermark. Der Admonter Benediktinerpater Gabriel Strobl registrierte bereits im 19. Jahrhundert in seinem Buch über die Flora des Gebiets 899 Arten. Neben Frauenschuh, Arnika, Lilien, Nelken, Alpen-Küchenschelle u.v.m. wachsen hier auch Narzissen bis auf eine Höhe von 1800 Metern.“

Schön langsam bekommt uns die Tageshitze in ihre klebrigen Finger. Wie Honig verpickt sie mir die Haare unter dem Stirnband. In solch einer Situation ist uns diese Tränke sehr willkommen: Hilfreich, weil kühlreich!

Wir wandern an einem älteren Herren vorbei, der ruhend in die weite Landschaft blickt. Er schaut so zufrieden aus:

Beneidenswerte Menschen, die ihr keine größeren Glücksgüter und Ehrenstellungen benötigt, um glücklich zu sein! (Kyselak)

Zuerst wage ich nicht, Gabi die ganze Wahrheit zu sagen und tue es dann doch, ganz ohne prüde Weitschweifigkeit: Dass diese von ihr so bewunderten Blumen und Blüten…

…ja doch nur die Geschlechtsorgane von Pflanzen sind.

Aus Pflanzensicht ist dieser Berg ja das St. Pauli, die Reeperbahn, der Hallermauern. Überall locken Zumpferl und Mumus in allen Farben und Formen.

Es sind die wunderschönen Kokotten der Evolution. Regenbogenbunt, wohlriechend und wollüstig.

Dahintorkelnde Schmetterlinge und andere, zumeist brummende Insekten bringen leichtfertige Zerstreuung in die Wiesen unterhalb des Grabnersteins.

Bevor jetzt ein völlig verschweinter Blogeintrag daraus wird, widme ich mich wieder dem Weiterweg. Wir wandern am verfallenen Alm-Versuchsstall vorbei…

…und steigen bald schon zum Gipfel hoch. Die Reste eines Flug-Beobachtungsstands aus dem Zweiten Weltkrieg können wir nicht mehr ausmachen.

Obligatorisch und unverzichtbar – für Gabi und mich nicht zum ersten Mal: Gipfelfoto Grabnerstein (1847 m).

Im September 2003 waren unsere jüngeren Versionen schon einmal hier:

Es war ein nebliger, kalter 15. September. Ein bisschen wehmütig macht mich die Erinnerung jetzt schon. Seitdem ist viel geschehen.

Nicht alles, was wir in der Zwischenzeit durchgemacht haben, ist aus unseren jetzigen Gesichtern abzulesen. Aber manches bereichert unsere Gesichter doch – verleiht ihnen unverwechselbaren Ausdruck. Wie Fenster, die Einblick in unser Verborgenstes gewähren, auf das Licht und die Schatten, die das Leben in der verflossenen Zeit auf unseren Seelen hinterlassen haben.

Heute liegen wir in kurzen Hosen und unseren „ausdrucksstarken“ Gesichtern im warmen Gras und erfreuen uns…

…an den Tiefblicken und…

…Aussichten. Mit dieser Tour füllen wir ein stark wirkendes Frustschutzmittel in unsere Seelentanks.

Das Gipfelkreuz des wuchtigen Mittagskogel (2041 m) im Zoom.

Die hoch über dem Seeboden aufragende Rauchmauer (1853 m).

Im Gratverlauf blicken wir auf Hochturm (1686 m), Leckerkogel (1742 m) und Großes Maiereck (1764 m).

Wir stehen am Bug dieses Bergschiffs vor den grauen Wogen der Berge im diesigen Frühsommerlicht.

Wieder einmal verlinke ich auf Alpenpanoramen.de, zu einem beschrifteten Panorama von Gerd Eidenberger. Einfach ins Bild klicken:

Viel zu gut kennt der Grabnerstein die Zeiten des Andrangs. Heute allerdings nicht. Mit uns sind nur diese beiden Gamsbeobachter am Gipfel.

Nach einer langen Rast schieben wir die Stecken zusammen, um die Hände frei zu haben. Wir wollen über die Jungfernscharte zum Admonter Haus (klettern?) wandern.

Der Grabnerstein ist für seinen Narzissenputz weithin bekannt. Die Blüte ist zwar schon lange vorbei, und trotzdem finden wir sie. Es sieht so aus, als würden sich diese überstandigen Narzissen aus Furcht zu missfallen von uns abwenden wollen. Das brauchen sie nicht. Wie unter den Menschen gibt es auch in der floralen Welt Frühblüher und Frühverblühte oder eben wie hier, Späterblühte.

„Ein dem Schwindel Unterliegender dürfte hier schwerlich Vergnügen finden“ (Kyselak) und…

…sollte von diesem Vorhaben Abstand nehmen.

Wegduckende Latschen erlauben uns den Blick zur Grabneralm.

Der Steig, der kein Klettersteig im herkömmlichen Sinn ist, beginnt der Felswand entlang zu fallen…

…und drängt immer mehr in den schuttrig felsigen Aufbau hinein.

So ein gerölliger Klettersteig ist mit der Sanktionierung unerwünschter Bewegungen und ungebührlichen Verhaltens vermutlich schnell bei der Hand.

Darum bewegen wir uns sehr konzentriert und in den ausgesetzten Abschnitten aufs Seil konditioniert.

Ich folge Gabi und versuche immer in ihrer Nähe zu bleiben. Jedoch nicht so nahe, dass ich ihr mit losgetretenen Steinen gefährlich werden könnte.

Eigentlich will ich in dieser heiklen Passage ihr Schutzgeist sein und könnte selber einen brauchen.

Wir haben den ersten Teil geschafft. Wir sind in der Scharte (ca. 1718 m) angelangt. Es muss hier irgendwo auch ein Schartenbuch geben. Auf das Buch und einen Eintrag darin vergessen wir völlig.

Ein größerer Kontrast zu den bunten Wiesen im Anstieg ist gar nicht denkbar. Nirgends Blumen. So unmöglich und widersprüchlich es scheinen mag, aber die Frage stellt sich: Kann eine Jungfernscharte defloriert sein?

Das ist fast schon ein Koan (Zen Rätsel, eine unlösbare Frage, die Zen-Meister ihren Schülern stellen.) Wir haben jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Das ist kein Gelände, um schwere geistige Operationen durchzuführen. Jeder Schritt, jeder Griff verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit.

Auf jeden Aufstieg folgt…

…auf der anderen Seite ein Abstieg.

Nicht immer ist das Stahlseil gut zu greifen, und Gabi entschließt sich für eine eigene, ungesicherte Variante.

Solche Selbstermächtigungen meiner geliebten Frau bescheren mir jedesmal ein mentales und physisches Unbehagen, zumindest so lange,…

…bis die Sache gewonnen ist.

Well done.

Beim Blick in den Seeboden können wir aufatmen.

Wegweiser am Grabnertörl vorm Admonter Haus.

Noch gibt es Sonne auf der Terrasse des Admonter Hauses. Bevor ich mir ein gut temperiertes Gipfelbier aus dem Fass gönnen kann, benötige ich noch einen Gipfel. Darum steige ich zuvor auf die Admonter Warte. Gabi verzichtet gerne, denn der mit dem Gipfelvogel bin ja ich. Diese Schutzhütte ist die höchstgelegene in den Ennstaler Alpen. Sie wurde bereits 1895 eröffnet und verfügt bis heute weder über eine Zubringerstraße noch eine Seilbahn.

So weit ist es ja nicht (ca. neunzig Höhenmeter).

Im halben Anstieg kann ich auf eine kleine Gruppe im Jungfernsteig sehen. Die sind uns kurz vorm Admonter Haus entgegengekommen. Dieses Foto verrät die abweisende Mächtigkeit der von uns durchstiegenen Felsen und deren Ausgesetztheit.

Einen der Wanderer sieht man links der Bildmitte im Zoom (ins Bild klicken). Über seinem Kopf kann man auch die weiterführende Markierung sehen. Dass wir da „gewandert“ sind, kann ich jetzt gar nicht fassen.

Der Weg auf die Admonter Warte ist ebenfalls sehr steinig und geröllig. Aber auf eine persönliche Inaugenscheinnahme des Gipfelkreuzes kann ich nicht verzichten.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Admonter Warte (1804 m). Von Gabi mit Handyzoom fotografiert…

…und aus der Nähe.

Unter mir das Admonter Haus und…

…die Grabneralm (1391 m).

Blick zum Hexenturm (2172 m)…

…und Grabnerstein (1847 m).

Immer mehr Wolken schleichen sich an uns heran. Bis zum Abend werden es so viele sein, dass die geplanten Sonnwendfeuer, wie hier am Admonter Haus, nicht mehr stattfinden können. Im Abstieg erreicht uns zarter Sprühnieselregen, der aber schnell auch wieder vorbei ist. Mit jedem Schritt steigen wir in die Hitze hinein. Kein Wunder, es ist heute der wärmste Tag des Jahres, mit über dreißig Grad.

Und beim Durchwandern des Großfeldbodens sind sie wieder da, die Blumen des Grabnersteins.  Neuerlich habe ich mit meinem Kopf zu kämpfen. „Denken sie nicht an einen Rosa Elefanten“

 

 

 

 

 

 

 

…ist ebenso unmöglich, wie meine Übung beim Anblick der Blütenpracht: „Denke nicht an Geschlechtsorgane“…

…nicht an Geschlechtsorgane denken…

…denk‘ einfach nicht dran!

Endlich erreichen wir die Grabneralm. Immerhin dauert der Abstieg vom Admonterhaus hierher eine ganze halbe Stunde.

Diese Alm wurde von Dr. Paul Schuppli, dem Direktor der landwirtschaftlichen Fachschule Grabnerhof in Weng, zwischen 1915 und 1925 errichtet und als „Schule für Alpwirtschaft“ geführt. Somit hat sie bald hundert Jahre auf dem Dach und ist jünger, als das Admonter Haus.

Bier gibt es leider nur aus der Flasche, jedoch für das empfehlenswerte Verhackerte mit frischen Zwiebeln nehmen wir uns gerne Zeit, und dabei entwickeln wir wiederum die notwendige Toleranz fürs Flaschenbier.

Von der Grabneralm gäbe es einen anderen Weg zum Buchauersattel (Alter Grabneralmweg). Den muss ich mir einmal ansehen und den Weg aus dem Seetal auch aufs Admonter Haus. Also werde ich wiederkommen. Bestimmt.

Wir treffen wieder auf den selben Anblick, den wir frühmorgens hinter uns gelassen haben.

Der Kollateralnutzen unseres Verschlafens war ja dein doppelter: Einmal, weil wir von Hypnos, dem Gott des Schlafes, einen Tag zugewiesen bekommen haben an dem so wenige diesen Berg besuchten und zum anderen waren wir topfit, weil ganz und gar ausgeschlafen.

Im Anstieg etwa. 1085 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 14,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3 © Christian Dellwo.

Aus einer Mail von Lisa, zu einem meiner Blogeinträge, habe ich mir den „Kollateralnutzen“ ausgeborgt. Diese Typizität musste einfach in meinen Blog.

Raffalt (2008): Steirische Almen: 88 genussvolle Alm- u. Hüttenwanderungen. Verlag Styria, Graz.

Heitzmann (1989): Gesäuse. Landesverlag, Linz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frischenschlager et al. (1996): Ennstal – Vom Dachstein bis zum Gesäuse. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Auferbauer (2001): Gesäuse mit Eisenerzer Alpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Buchenauer (1976): Bergwandern in der Steiermark. Tyrolia Verlag, Innsbruck.

Heß/Pichl (1966): Gesäuseführer. Verlag Adolf Holzhausens Nfg., Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kyselak (2009): Skizzen einer Fußreise durch Österreich. Jung und Jung Verlag, Salzburg.

Kren (2011): Tourenbuch Gesäuse Wege, Hütten, Gipfel. Schall Verlag,Alland.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

EPILOG

 

An einem heißen 10. Jänner im Jahr 2009 war ich mit Reinhard und Tourenskiern ebenfalls am Grabnerstein.

Diese Impressionen dienen zu meiner Selbsterinnerung – bitte nicht hinschauen!

Wir waren nicht allein am Gipfel.

Meine Verkleidung…

…trage ich heute noch. Na ja, die Haube nicht mehr.

Der Zustieg zur Grabneralm ist für alle möglich. Auf der Forststraße sogar ohne Schneeschuhe. Da lässt sich schon ein schöner Wintertag verbringen.

F I N


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Ennstaler Alpen (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.