Gesäuseeingang die Zweite: Haindlmauer (1435 m)

Nach dem Himbeerstein (1222 m) ist vor der Haindlmauer (1435 m). Den niedrigeren und einfacher zu besuchenden „Palastwächter“ Himbeerstein (1222 m) habe ich ja vor drei Wochen besucht. Heute wartet mit der Haindlmauer (1435 m) sein höheres und schwerer ersteigliches Gegenüber auf mich. Diese Wächterin des Gesäuseeingangs ist mit ihren 1435 Metern keine Mauer mehr, sondern bereits eine stolze „Bergin“, und ihre Besteigung stellt erhöhte Anforderungen an das körperliche und mentale Geschick eines Bergwanderers.

Im Anstieg zur Planspitze in Richung Gesäuseeingang fotografiert. (2015)

In meiner Einleitung zur Himbeerstein-Besteigung habe ich ein wenig über den Gesäuseeingang erzählt und wie gerne dieses Motiv gemalt und fotografiert wird. Dazu gibt es noch einen besonderen Linktipp: „Im Gseis“ aus dem Sommer 2020. Auf den Seiten 34 und 35 findet sich ein Beitrag von Ernst Kren, mit vielen Abbildungen des Gesäuseeingangs, die so im Internet nicht zu finden sind.

Einfach ins Bild klicken:

In meiner Eigenschaft als Laienbergwanderer ist die Besteigung der Haindlmauer mit ihrem felsigen Haupt am oberen Rand meiner Möglichkeiten angesiedelt. Sollte es mir nicht gelingen, gibt es noch andere gute Gründe, die Nordseite des Reichensteins zu erkunden.

Ich bin noch nie den Gofergraben hochgewandert und habe auch die 1929 errichtete Goferhütte (976 m) noch nicht besucht. Dabei dient sie als Ausgangspunkt für schwierige Klettertouren auf den Admonter Reichenstein und das Sparafeld und ist eine Schutzhütte, in der wahrlich Bergsteigergeschichte geschrieben wurde. Für Wanderer ist sie der eigentliche Endpunkt im Gofergraben mit herrlichem Blick zum gegenüberliegenden Buchstein (2224 m). Zumindest die Hütte möchte ich besucht haben.

Das Wetter ist mittelprächtig, als ich meinen felswandgrauen Vauwe…

…neben der Bushaltestelle am Eingag des Gofergrabens parke.

Auf der anderen Straßenseite leitet ein Weg hinab zur Enns, der zur Gofer Einstiegsstelle führt.

Nach einem Schranken führt die Forststraße den Graben entlang.

Das nebenbei verlaufende Bachbett verhält sich bei anhaltender Trockenheit tadellos. Nach anhaltendem…

…Regen möchte ich jedoch nicht hier stehen. 

Mit dem Himbeerstein (1222 m) im Rücken wandere ich…

…auf den Admonter Reichenstein (2251 m) zu.

So habe ich mir das jetzt auch nicht vorgestellt. Durch helles steiles Waldgelände…

…in vielen Schlingen führt die Forststraße hoch. Gerechnet habe ich mit felsigen Abbrüchen, jedoch nicht mit Bäumen, die gleich einen ganzen Wald machen. Dabei hat dieser Wald Geschichte. Er trägt die Bezeichnung Haindlmauerwald oder auch Haindlmühlwald, und in Mappenskizzen aus dem Jahr 1865 ist hier auch eine Haindlmühle überliefert.

Die Wolken über dem Hochtor (2369 m) versuchen sich in Drohgebärden. „Die wollen nur spielen, die beißen nicht“ versichere ich mir selbst. Davon lasse ich mich nicht einschüchtern.  

Vor mir wird der felsschöne Admonter Reichenstein (2251 m) immer mächtiger.

Bevor ich die Goferhütte erreiche, zeigen mir Steinmännchen (Bildmitte) einen Abkürzer an.

Den gehe ich auch, aber er ist nicht die Mühe wert. Der Straßenweg zur Jagdhütte oberhalb der Goferhütte ist nur wenig länger und einfacher. 

Die Hintergofer Jagdhütte (1970 aus dem Langgrieß hierher übertragen) ist ein wichtiger Orientierungspunkt und der Einfädler…

…in den wichtigen Steig durch die Schrofen unterhalb der Haindlmauer. Gleich hinter der Jagdhütte beginnt das unübersehbare, wertvolle Steiglein und ein überraschend wilder, wunderbarer Wegabschnitt.

Zuerst geht’s durch steiles Waldgelände…

…und in Schleifen, zwischen Felsen, Schrofen und …

…hoch aufragende Felswände entlang.

Allein schon dieser Pfad…

…ist seine Begehung wert. Da bräuchte man gar kein Ziel darüber hinaus.

Dieser kräftige, mutige, alte Pfad wird jedoch mit einem Mal schwächer und braucht dann sogar Steinmännchen,…

…bis auch diese den Geist aufgeben.

Das passiert aber erst kurz vorm Erreichen der Einsattelung. Die letzten hundert Höhenmeter sind auch ohne Pfad einfach zu gehen.

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Bei dieser Hütte, sie ist in meinen Karten nicht verzeichnet, erreiche ich den grünen Rücken mit der Vordergoferalm. Der in den Karten verzeichnete Sender liegt südlicher, und wie sich noch herausstellen wird, gibt es noch eine dritte Hütte.

So bald man sich hier auf dieser Einsattelung zwischen Herrenwartkogel (1631 m) und Haindlmauer (1435 m) befindet, ist die Orientierung wieder sehr einfach. Ein guter Steig führt mich in die Schrofen der Haindlmauer. Und ja, zum Glück gibt es auch hier Steinmännchen. Das ist so lange einfach für mich, bis ich…

…vor diesem Felsaufbau stehe. Keine Farbpunkte, keine Steinmännchen und schon gar keine Steighilfen helfen weiter. Zumindest diesen Felsaufbau traue ich mir zu. Ich will wissen, wie es danach weitergeht. Ich lasse meine Wanderstecken zurück und klettere hoch. Das ist noch nicht schwierig.

Auch der Weiterweg ist machbar. Griffe und Tritte sind reichlich vorhanden. Den Weg muss ich mir jedoch selbst suchen. Ich halte mich eher links am bröckelnden Steingrat, und das ist richtig.

Dann stoße ich doch auf eine Hilfestellung. Eine Subvention in Seilform. Das ist über einem schmalen Band und dem darunter befindlichen Abgrund gespannt. Ohne Seil wäre hier Schluss für mich. Denn der Felsen buchtet ordentlich aus und drängt mich ab.

Jetzt bin ich so weit gekommen und hoffe, die finale Schwierigkeit gemeistert zu haben.

Der Berg hat mich mit seinen ansteigenden Schwierigkeiten regelrecht angefüttert und zieht jetzt schön langsam die Schrauben an.

Die Schlüsselstelle folgt nicht viel später. Wegspuren führen, völlig überraschend, zwei unangenehme Meter steil hinunter, es gibt keine gute Möglichkeit sich festzuhalten. Hinter mir stürzt der Fels fünfzig oder hundert Meter ab, und vor mir…

…tut sich diese drei Meter hohe Wand auf – und ich bin ratlos. Hinauf käme ich vielleicht mit Ach und Krach, aber herunter niemals. Ich muss ja auch immer den Abstieg mitdenken, und damit ist hier für mich Schluss. Diese gar nicht hohe, für mich aber zu schwierige Mauer lässt mich in einem kurzen brutalen Akt scheitern. Ein Hohn auf all meine Anstrengungen, hierher zu kommen. Total enttäuscht blicke ich mich um und…

…entdecke die rettende Felskombination. Links, gleich neben dem Wandl, bin ich an einem Felsschlurf vorbeigestiegen. Hier liegen zwei riesige Felsblöcke so nah nebeneinander, dass ich in einer Minikaminkletterei unschwierig hochsteigen kann. Eigentlich ganz einfach, wenn man es nicht übersieht. Hier der „Minikamin“im Rückblick.

Danach geht es einfacher weiter. Zumindest so lange,…

…bis er wieder schmäler wird, der Fels.

Rückblick aufs Aufstiegsgelände und das Sparafeld.

Über diese schmale Stelle geht es überraschend einfach,…

…und dieser Steinmann verrät schon…

…den Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Haindlmauer (1435 m).

Unter mir befindet sich der erst unlängst besuchte Himbeerstein.

Neben und über mir das Hochtor.

Vor mir der Buchstein…

…und hinter mir der Admonter Reichenstein.

Weil die Gipfelfläche gar karg bemessen ist, findet sich einen Meter unterhalb diese Rastbank…

…und noch einmal einen Meter darunter das Gipfelbuch.

Egal wo, rund um den Gipfel, die Rastbank und das Gipfelbuch dominiert die Bodenlosigkeit.

In der Gipfelbuchkassette befindet sich ein „Gipfelheft“, das am 31.10. 2009 von Dr. Helmut Prevedel, Verfasser des „Skitourenführer Steiermark“ wie ich vermute, an seinem 70. Geburtstag hinterlegt wurde. Er dürfte barfuß aufgestiegen sein.

Obwohl das Hefterl seit mehr als zehn Jahren hier heroben liegt, ist es nicht einmal zur Hälfte vollgeschrieben.

Sonderlich viel Mühe mit dem Grüßen hat man an solchen Bergen nicht. Aber ich kann es verstehen. In der Wegfindung und von den Anforderungen ist das längst kein Wanderberg mehr. Markierung gibt es keine und auch keine Farbpunkte am Felsen. Und für die Bergsteiger finden sich rundum doch ein paar andere Möglichkeiten.

So richtig gut rasten und lungern lässt es sich doch erst, wenn man die Schwierigkeiten hinter sich gelassen hat. Vorm Abklettern habe ich noch gehörigen Spund. Das möchte ich noch hinter mich gebracht haben. Darum lasse ich mein Gipfelbier stecken und mache mich an den Abstieg. Blick zur Vordergoferalm und den Sendemasten. Dort erst kann ich mir eine erste Rast vorstellen.

Das könnte spannend werden. Weil man die Trittspuren von oben nicht sieht und das Gelände zerklüftet ist, weiß man nicht genau, wo man aufgestiegen ist – ein altes, immerwährendes Problem. Ich habe mir’s aber gut gemerkt, wo ich hochgeklettert bin und muss nur darauf achten, den richtigen Abstieg nicht zu verstolpern, wobei hier stolpern sowieso eine ganz schlechte Idee ist.

Ziemlich schnell bin ich wieder an der seilgesicherten Stelle. Es geht mir sehr leicht von der Hand, und das hat vielleicht eine ganz prosaische Ursache. Ich bewege mich schon geraume Zeit auf den Felsen über den Abstürzen, und das führt zu einer Art Gewöhnung. Dieses Phänomen nutzten wir als „Trick“ beim Turmspringen.

In den siebziger Jahren war Turmspringen in Waidhofen/Ybbs ein beliebter Sport, und ich sprang schon als Achtjähriger mit. Die Höhe forderte immer ihren Respekt, vor allem, wenn man einen neuen Sprung zum allersten Mal versuchen wollte. Ein Weg, um die Entfernung zum Wasser weniger dramatisch zu empfinden war, vor dem Sprung auf den nächst höheren Turm zu klettern, dort eine Zeit lang hinabzublicken und danach auf den darunter befindlichen Standpunkt zurückzusteigen. Wie lächerlich niedrig der auf einmal schien. Man traute sich dann Vieles. Ist der Sprung misslungen und man schlug mit dem Rücken, der Seite oder mit dem Bauch auf dem harten Wasser auf, hat es trotzdem verdammt weh getan.

Vermutlich zu Beginn der 1970er Jahre. Monsieur Peter bei einem Sprung vom Dreimeter.

Abgeklettert und wieder heraus aus den Schrofen, gehe ich an diesem gewaltig gespechteten Baum vorbei,…

…aber nicht bis zum Sender und der Vodergoferalm, die ja nur  eine Holzhütte unter einem Baum ist.

Bei diesem Senderhäuschen (es ist in der Karte eingezeichnet) suche ich Wegspuren und finde keine. Somit steige ich die hundert Höhenmeter zum Steig „freihändig“ ab, dank GPS ist das kein Problem.

Ein letzter Blick zurück auf die Zacken der Haindlmauer,…

…und bald schon bin ich wieder auf dem wunderbaren Pfad, der mich durch den steilen Wald geleitet hat. Ortswechselndes schnelles Geraschel hält vor mir mitten am Weg an, und lässt sich mit dem…

…endgültigen Verschwinden viel Zeit.

Anschließend rollt ein Stein zauberisch bergauf, und erst abfallende Raschelblätter enthüllen dieses Fröschlein.

Habe ich schon erwähnt, dass es mir dieser Steig besonders angetan hat?

Wieder bei der Jagdhütte angelangt, nehme ich nicht den Abkürzer, sondern gehe die Forststraße über den Geröllfluss zur Goferhütte.

Hier mündet der Geröllstrom der Goferschütt, das ist dort, wo der Reichenstein von Regen und Wind gemörsert wird, in den Gofergraben ein.

Die Goferhütte steht etwas abseits und oberhalb des Schuttstromes.

Vor 91 Jahren wurde die Hütte errichtet…

…und die Höhe noch mit 1020 m angenommen. In den aktuellen Karten wird der Standort mit 976 m angezeigt. Sie wurde auf Anregung von Hubert Peterka errichtet und erhielt bald schon den Beinamen „Peterkas Eigenheim unter dem Reichenstein“. Dazu später mehr.

Es ist ein guter Platz. Der Reichenstein steht scheinbar gleich hinter den Bäumen, nah an der Hütte,…

…und der Große Buchstein erhebt sich gebieterisch auf der anderen Ennsseite.

Neben der Hütte ist auf einem Stein die Gedenktafel angebracht, die an den Bergsteiger erinnert, der sein ganzes Können und sein ganzes Herz der Erschließung dieser Berge gewidmet hat: Hubert Peterka (1908 – 1976).

Von seinen 520 Erstbegehungen im Alpenraum hat er im Gesäuse 55 neue Routen eröffnet. Allein am Admonter Reichenstein waren es 8. Im Buch „Gesäuse-Pioniere“ findet sich dazu folgende Passage: „Ausgerechnet dieser Gipfel hat ihm einst übel mitgespielt, Steinschlag zertrümmerte ihm die Vorderglieder des Ringfingers! Kurz entschlossen biss er sich die hinderlichen Reste ab…“

Für uns Nachgeborenen sind die von ihm verfassten Alpenvereinsführer, Beiträge und Monografien in der ÖAZ noch immer von unschätzbarem Wert. Vielleicht wird ja sein bis heute unveröffentlichtes Manuskript „Erschlossener Gesäusefels“ doch noch in Buchform veröffentlicht.

Im Alpinwiki findet sich ein Interview mit dem Bergsteiger Magazin aus dem Jahr 1972. Einfach ins Bild klicken:

Und jetzt erlaube ich es mir – das längst verdiente Innehalten. Und für kurze Zeit, sie halten nie lange, reihen sich ein paar Momente der Allzufriedenheit aneinander.

Wer jetzt vermutet, diese Tour ist für Bergwanderer eine erratische, in sich geschlossene Angelegenheit, ohne weitere Tourenideen, irrt sich: Zum Beispiel soll vom Gofergraben (Information aus dem Jahre 1924) „ein Steig links vom Wege zur Goferalm über den niedrigsten Turmsteinsattel und das aufgelassene Koderalpl bis in den Langgriesgraben, der in die Johnsbacherstraße mündet, führen.“ Den könnte ich suchen und mit einer Besteigung des Turmstein (1082 m) verbinden.

Oder ich könnte den Anstieg zur Oberst-Klinke Hütte versuchen. Der führt über den Nordanstieg des Reichensteins bis in den zwischen Sparafeld (östl.) und Kalbling (südwestl.) befindlichen Speikboden. Bei unserer Riffelspitz-Kreuzkogel-Wanderung haben wir den Speikboden überwandert und uns die Haindlmauer (1435 m) schon sehr genau angesehen:

Kurz vorm Riffelspitz (2106 m) in Richtung Gesäuseeingang fotografiert. (2016)

Die nun folgende Stunde auf der Forststraße spürt sich viel kürzer an. Weil ich so freudig bin. Weil auch ich ins Gelingen ein wenig verliebt bin. Für alle Nachwanderer möchte ich meine Eindrücke so zusammenfassen: Die Orientierung sollte im pfadlosen Gelände gut funktionieren, vor allem im Fels. Man darf keine Höhenangst haben und sollte bis zum Schwierigkeitsgrad I+ klettern, und vor allem abklettern können. Das braucht es für eine Besteigung der Haindlmauer.

Im Anstieg etwa 835 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 13,4 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Ennstaler Alpen (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Kompass Logo Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.

Zur zeitlichen Orientierung:

Auf parcs.at hat 2006 Josef Hasitschka folgenden Beitrag veröffentlicht: Josef Hasitschka: Die Geschichte der Goferalmen (abgerufen am 7.10.2020) 

Zur optischen Orientierung: 

Am Großen Buchstein (2224 m) habe ich dieses Foto vom Gesäuseeingang mit dem Himbeerstein (1222 m) und der Haindlmauer (1435 m) gemacht:

Vom Großen Buchstein in Richtung Gesäuseeingang fotografiert. (2012)

Bücher die sich besonders zur Orientierung eignen: 

End (1988): Gesäuseberge. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.


Berge (1994): Das internationale Magazin der Bergwelt. Gesäuse. Kalkmauern über der Enns. Heft Nr. 68. Olympia Verlag, Nürnberg.


Kren (2019): Stichwort Gesäuse. Eigenverlag. Admont.


Schwanda (1990): Das Gesäuse: Von der Alpenstange bis zum VII. Grad. Bergverlag Rother, München.


Kren (2008): Gesäuse-Pioniere. Schall Verlag. Alland.

FIN