Mein Lieblingsduft: Rofan No. 2

Noch eine Hitzewelle in diesem so wellenreichen Sommer wollen Gabi und ich gemeinsam reiten. Uns zieht es wieder nach Tirol, ins kleine Pertisau am Achensee. Der See dient uns nur zur glitzernden Kulisse, denn unser eigentliches Ziel ist wieder einmal das östlich aufsteigende Rofangebirge.

Entschleunigte Morgenstimmung am Balkon und in den Straßen Pertisaus. Völlige Windstille auf dem See.

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Gleich der alten Lokomotive setzen auch wir uns nach dem Frühstück nur langsam unter Dampf.

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Am Anfang unserer Wanderung wartet alsbald die erste der beiden Schlüsselstellen auf uns: Die Auffahrt mit der Gondel. Dicht gedrängt stehen die Wanderer auf der kurzen Treppe in der Talstation und warten mit uns auf die langsam heranschwebende Gondel. Mit schlafverklebten Augen und mürrisch die einen, schon quicklebendig, lautspaßend und aufgedreht die anderen.

Wie bunte Parfümflakons im Badezimmerschrank werden wir vom Bahnpersonal in die Gondel geschlichtet. Die guten und weniger guten Gerüche der Wanderwilligen durchmischen sich auf undurchschauriechbare Weise. Es ist sehr eng. Zur Halteschlaufe an der Decke gelange ich nicht mehr. Mir wird der Haarzopf von Gabi zum Haltegriff in der schwankenden Büchse.

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Wie das Auftragen eines Lieblingsduftes ist unser erneutes Wandern im Rofan.

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Und wirklich, wäre das Rofan ein Parfüm, unser gemeinsames Aromaerlebnis lässt sich wie ein Duftklassiker beschreiben.

Zu Beginn teilen wir uns den Weg mit vielen anderen. Das Rofan schmeichelt bereits unseren Nasen, aber dieser Duft von grüngrauen Wänden, geschotterten Wegen und metallenen Seilbahnstützen ist noch nichts besonderes, der findet sich auch auf anderen Bergen.

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Wir wandern am Adlerweg entlang, und weil wir hier schon einmal waren, ist die Vorfreude auf die großartige Schönheit dieses Abschnitts besonders groß.

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Weil es schon so heiß ist, wird die Wanderhose gleich zu Beginn gekürzt, und die Kopfnote der Landschaft beginnt sich zu entfalten. Diese Duftnote ist für den ersten Eindruck verantworlich. Intensiv ist sie und voller Versprechen.

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Nach gelassener Willkommenskultur duftet diese Kopfnote, verbunden…

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…mit Neugier, Nähe und anstubsenden Nettigkeiten.

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Ich erwidere diese Freundlichkeiten gerne und werde prompt falsch verstanden. Ich habe die Kuh entflammt. Die Kuh will mehr.

Hinten entweichen ihr duftreiche Glücksblähungen und vorne schnauft sie schmachtend aus ihren vibrierenden Nasenlöchern. Völlig unerwartet bedrängt mich diese zur lüsternen Sinnlichkeit verwandelte Kuh. „Nicht die Zunge, bitte nicht die Zunge“ stottere ich zaghaft. Ihr Keuchen verrät allerhöchste Leidenschaft…

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…und panisch flüchte ich vor dieser lippenfeuchten Liebesmaschine. Gabi beobachtet  dieses Liebesdrama aus sicherer Entfernung, ohne einen Funken Mitleid. Wie nennt man eigentlich einen weiblichen Voyeur – Voyeuse vielleicht?

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Aber zum Glück zeichnen nicht nur liebeshungrige Kühe diese Kopfnote aus. Freundliche Steigungen auf gutem Weg gehören auch dazu.

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Am Fuße vom Spieljoch (2236 m)

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…führt der viel begangene Weg…

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…entlang stillströmender Steinkaskaden mitten hinein…

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…in eines der drei Herzen des Rofans. Links im Bild sind die Seekarlspitze (2261 m) und die Roßköpfe (2246 m) zu sehen. Danach ist der lange grüne Grat mit der Rofanspitze (2259 m) an seinem Ende gerade noch erkennbar.

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Roßköpfe im Zoom (2246 m).

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Wir gelangen nach ca. 2,5 km und 330 brutzelnden Höhenmetern zur Gruberscharte.

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Hier sind auch erstmals der steil aufragende Sagzahn (2228 m) und das Vordere Sonnwendjoch (2224 m) zu sehen. Da wollen wir hin.

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Ob wir uns über den kurzen Klettersteig durch die Nordwand trauen, wird das Bauchgefühl beim Einstieg entscheiden.

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Noch immer finden sich Duftreste der überreichlichen Sommerwiesen in der herbstmilden Luft. Diese Fotos vom Juli 2013 zeigen den Unterschied…

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…zur herbstlich ermüdeten Landschaft heute. Die Kühe sind bereits eine Etage tiefer gezogen. In anderen Jahren hat es im August auch schon einmal Schnee gegeben.

Grubasee und die Grubalackenspitze (2169 m).

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Hoch über der jetzt noch verborgenen Schermsteinalm wandern wir weiter zum Schafsteigsattel.

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Fantastisch ist der Blick zu den weißen Wolkenkratzern in den Zillertaler Alpen: Der Olperer (3476 m) im Zoom.

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Großer Möseler (3478 m), Hochfeiler (3509 m), Hoher Riffler (3231 m) und der Olperer (3476 m).

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Aber nicht nur die Schneeberge in der Ferne fesseln unser Interesse. Ebenso neugierig betrachten wir Gesteinsbrocken am Wegrand…

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…oder die nahe Rofanspitze mit ihren Besuchern. Nicht einmal hundert Höhenmeter trennen uns vom Gipfelkreuz. Aber da wollen wir nicht hin. Wir steigen zum Schafsteigsattel (2174 m) hoch…

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…und freuen uns über diesen wundervollen Anblick. Die Ostseite des Rofans mit dem Ziereinersee ist für mich das zweite Herz des Rofans. Und hier beginnt sich die Herznote zu entfalten. Die Herznote ist für den eigentlichen Charakter eines Parfüms verantwortlich, und bei Landschaften ist es nicht anders. Wohlig und heimelig empfinden wir das Wandern in dieser Weltgegend.

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Der Blick zurück zeigt unseren Weg. Links die Grubalackenspitze (2169 m) und rechts die Roßköpfe (2246 m). Dahinter türmen sich die grauen Wände und Spitzen des Karwendels auf. Selbst ein kurzer Aufenthalt im Schafsteigsattel bringt Harmonie zwischen Körper und Seele.

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Links ist das Gipfelkreuz der Roßköpfe gut zu erkennen und rechts der Bildmitte der höchste Gipfel des Rofans, die Hochiss (2299 m).

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Ein wenig nachdenklich neigt Gabi beim Anblick dieser Wand ihren Kopf. Aber weil sie im Grunde ihres Herzens unschreckbar ist, geht sie weiter. Ich bin zuversichtlich, dass nach der ersten Schlüsselstelle (Gondelauffahrt) auch die zweite für uns packbar sein wird.

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Wir verstauen unsere Stecken, befragen das Bauchgefühl, atmen einmal tief durch und klettern los.

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Der Einstieg ist nicht schwierig, aber wir wissen ja nicht, was weiter oben auf uns wartet.

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Aber auch der Weiterweg zeigt sich für uns machbar.

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Für wenige Meter verschärft sich der Anstieg,…

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…bis er schnell wieder an Schärfe verliert.

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Einzig Höhenangst wäre hier durchaus verständlich, aber eher unpraktisch.

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Und so bald wir Sicherheit gewinnen und die Angelegenheit Spaß macht, endet sie auch schon. Für eine Kugel Erdbeereis brauche ich auch nicht länger.

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Vom Ausstieg führen wenige steinige Wiesenmeter zum Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Sagzahn (2228 m).

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Bei unserm Besuch der Rofanspitze 2013 habe ich über den Sagzahn noch folgendes geschrieben: „Sirenengleich versucht uns der Sagzahn (2228 m) anzulocken. Mit geringem zusätzlichen Aufwand könnte man zu ihm und dem dahinterliegenden Sonnjoch (2224 m) weiterwandern. (…) Sein Besuch ist uns eine eigene, zukünftige Wanderung wert.“

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Der Blick in den Westen des Rofans zeigt schon eine sehr ausgeglichene bestiegen- und-nichtbestiegen-Bilanz. Morgen werden wir diese Balance zu unseren Gunsten ins Wanken bringen.

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Links im Bild ist das, auch vom Achensee sehr dominant sichtbare, Ebner Joch (1957 m) zu sehen. In der Bildmitte ragt die Haidachstellwand (2157 m) hoch auf. Am Ende der langen Mauer im Vordergrund wird uns der Rückweg noch einige Höhenmeter zum Krahnsattel führen.

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Haidachstellwand (2192 m), auch die steht noch nicht in meinem Gipfelbuch.

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Unser Weiterweg übers Sonnwendjoch ist gut zu erkennen. Allerdings werden wir den Weg verlassen, um den eigentlich höchsten Punkt (um drei Meter höher als die Stelle mit dem Gipfelkreuz) noch zu überschreiten.

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Der Blick zurück zum Sagzahn und dahinter die Rofanspitze.

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Über eine felsige Stelle im Wiesengrat geht es hoch zum…

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..fliegenumwölkten Gipfelkreuz. Fantastischer Ausblick. Einsamkeit – auch das ist im Rofan möglich, solange es nicht die Hochiss (2299 m) oder die Rofanspitze (2259 m) sein müssen.

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Viel Grund zu vielem Dank.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Vorderes Sonnwendjoch (2224 m).

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Jetzt verströmt das Rofan seine Basisnote. Das sind die langanhaltenden Eindrücke – bei Parfüms bis zu einer Woche, bei Landschaften mitunter ein ganzes Leben. Die Gerüche vieler Jahreszeiten sind hier zu Stein und Land geworden. Noch dazu finden sich in dieser harmonischen Landschaft weniger streng riechende Bergsteigerängste und mehr zufriedene Wandererglückspartikel in der Luft.

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Kramsach.

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Wir steigen in Richtung Issköpfl ab. Die ersten Abstiegsmeter sind sehr steil und verlangen unsere ganze Konzentration.

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Dort, wo der Weg von der Bayreuther Hütte einmündet, treffen wir auf drei Frauen und ihren Hund. Sie kommen vom Ziereiner See, und die Hitze hat ihnen schon sehr zugesetzt. Der Weg aufs Vordere Sonnwendjoch erscheint ihnen noch weit und zu ausgesetzt, und der Weg zur Schermsteinalm ist schwarz ausgeschildert, das verunsichert die drei. Verbal stärken wir ihr Selbstvertrauen und schlagen vor, bis zur Alm gemeinsam zu wandern. Das machen wir auch.

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Der Steig führt durch dachsteile Wiesen, weist aber sonst keinerlei Schwierigkeiten auf. Bei Nässe oder Schneeresten würde ich ihn bleiben lassen. Aber heute ist das kein Sorgenbringer. Noch dazu erweisen sich die drei als geübte Bergwanderinnen. Allerdings bei Pech hilft einem das „geübt und erfahren“ auch nicht.

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In diesem Gelände heißt Pech haben auch stolpern,…

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…und ein stolpernder Wanderer wird hier auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt.

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Wir halten gerade auf die Alm zu. Exakt über der Alm ist der lange grüne Rücken der Rofanspitze (2259 m) zu sehen. Der steile Zahn links im Bild ist die Grubalackenspitze (2159 m). Diese Landschaft ist eine riesige Glückstapete.

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Steine, die wie Murmeltiere pfeifen können, begrenzen den Pfad.

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In einen Kessel hineingeduckt und von steilen Felswänden beschirmt, liegt die bukolische Schermsteinalm auf ca. 1880 m. Wir sind uns einig, dass sich Heidi, der Alpöhi und der Geißenpeter hier sehr wohl fühlen würden.

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Und weil zum Schutz der Hütten die Felswand nicht reicht, hängt einige Meter über den Gebäuden ein riesiges Kruzifix in der Wand.

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Unsere Begleiterinnen beschließen, im Schatten zu rasten. Wir pausieren ebenfalls kurz und verlassen aber bald den idyllischen Ort in Richtung Krahnsattel.

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Der Blick zurück zeigt das überschrittene Vordere Sonnwendjoch und das Issköpfl. Jetzt entdeckt sich der Minimalmangel dieser Wanderung. Der Wiederanstieg in den Krahnsattel (ca. 160 Hm) ist bei diesen Temperaturen eine fluchwürdige Angelegenheit.

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In vielen kurzen Serpentinen zieht der Steig hoch. Im Gegenlicht ruckeln Schattenkletterer auf die Haidachstellwand (2192 m).

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Endlich im Krahnsattel (2002 m). Die bequeme Bekanntheit vertrauter Wege liegt vor uns.

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Im Jahr 2008 fanden an der Grubalacke archäologische Grabungsarbeiten statt. Dass sich hier bereits im 7. bis 6. Jahrtausend v. Chr. Jäger und Sammler aufgehalten haben, war bekannt. Jetzt versuchte man bergbaumäßige Gewinnung von Feuersteinen nachzuweisen, was aber nicht gelang. Allerdings konnte man die prähistorische Gewinnung von Radiolit (das Eisen der Steinzeit) und eine Bergkristallfundstelle nachweisen.

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Schon etwas wasserkarg liegt die Grubalacke unter den Roßköpfen. Die Hitze hat im Zusammenwirken mit den Kühen den Tümpel fast ausgesüffelt.

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Der Duftzauber verliert sich mit jedem Schritt, den wir der Seilbahn näher kommen.

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Bis zur letzten Gondel warten wir im spätnachmittaglichen Licht.

Meine Sehnsucht gehört bereits der morgigen Tour, ins dritte Herz des Rofans, auf die Rotspitze (2067 m) und die Dalfazer Wände…

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Gabis Sehnsucht gehört dem abendlichen Achensee mit seinem Vollmondgleißen, und dem Wasser überhaupt. Sie wäre eine gute Seefrau und noch bessere Kapitänin, aber mich bei meinen Wanderungen begleiten, kann sie am besten.

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Im Anstieg ca. 760 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 11,2 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Leider hat die Kompass Karte einen kleinen Fehler und die Gipfelbezeichnungen im Hauptkamm des Rofans sind nur halb zu lesen.

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Röder/Schmid (1975): Rofangebirge. AV-Führer. Bergverlag Rudolf Rother, München.

Wutscher (2013): Achensee. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Zahel (2006): Die schönsten Gipfelziele zwischen Bodensee und Wien. Verlag Bruckmann, München.

Zahel (2008): Bergseen die 70 schönsten Wandertouren in den Ostalpen. Verlag Bruckmann, München.

Im Zeichen des Erzes (abgerufen am 05.01.2016)

Tiroler früh auf der Höhe. Grabungen am Krahnsattel im Rofangebirge zeigen, dass die Hochlagen Tirols schon in prähistorischer Zeit stark genutzt wurden. Artikel in der Tiroler Tageszeitung vom 3.11.2013. (abgerufen am 05.1.2016)


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Rofangebirge (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.