Rote Wand und Hoher Stein

Heute, am 1. November, besuchen wir die Wachau, denn uns hat die Wachau noch nie im Herbst gesehen, und das wollen wir ändern. Der Nebel sitzt dem Ybbstal noch in jeder Runse. Wie wird es da erst an der Donau ausschauen, fragen wir uns. Und dann staunen wir über diese verkehrte Welt. Maria Taferl strahlt in der Sonne, und immer öfter finden sich blaue Tupfer im Nebelmeer. In Melk zerreißen azurblaue Himmelsflecken die graue Nebelwand. Als wir endlich unser Auto in Oberarnsdorf (Rollfähre) abstellen, ist der Himmel gletscherblau. 

Immer wenn ich in der Wachau bin, kommt mir der heimatlaunige Geographieunterricht meiner damals schon alten Lehrerin in den Sinn: Sie erzählte ausdauernd und wiederkäuend von den Lössböden unter pannonischem Klima und von der rundgeformten Venus von Willendorf (für mich Respektlosen war das immer die Ehefrau des Michelin-Männchens). Die Römer, von denen sie auch erzählte, stellte ich mir immer weißgewandet und in Sandalen vor, aber nur so lange, bis ich meinen ersten Asterix-Band gelesen hatte. Aber wirklich packend waren für mich Buben die Rittergeschichten um die Kuehringer und vor allem den gefangenen Prinz Löwenherz. Es gab sogar Bastelbögen der Burgen Aggstein und Dürnstein. Schaurig und unergründlich schien mir der Dunkelsteiner Wald, in dessen Gefilden wir heute wandern wollen.

Am Beginn unserer Wanderung findet schier ein Fest für die Augen statt. Die Wachau trägt Goldbrokat. Diesen treffenden Eintrag werden wir heute noch im Gipfelbuch der Roten Wand lesen.

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Noch eine Burgruine. Am anderen Donauufer zerbröselt schön betulich die Burg Hinterhaus.

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Bei diesen ganzen Geschichten um Burgen und Burgfräuleins würde es mich jetzt nicht wundern, käme uns ein ritternder Reiter aus dem morgendlichen Zwielicht entgegen.

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Nur solche Landschaften gebären zuerst Knappen und folglich auch Rittersleute.

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Ein kurzes Stück verlassen wir die Straße und gehen auf einem guten Steig aufwärts. Aber nur, bis wir wieder auf eine Forststraße und diesen Wegweiser treffen. Zuerst wollen wir zur Roten Wand.

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Bis zum Ende der Forststraße wandern wir weiter. Wir haben unser erstes Ziel fast erreicht. Eigentlich ist es nicht wirklich ein Gipfel, sondern mehr ein besonderer Aussichtspunkt über dem Donautal.

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Kurzärmelig erreiche ich das große Plateau mit seinem „Gipfelkreuz“.

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Obligatorisch und unverzichtet: Kreuzritter mit Burgfräulein und Rote Wand (592 m).

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Dieser Aussichtspunkt ist die geringen Mühen zu seiner Ersteigung vielfach wert. Der Blick ins Waldviertel endet zwar beim Jauerling, aber…

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…der Tiefblick aufs herbstliche Spitz und das bedächtige Wasserband der Donau  besänftigen jede Seele.

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Es ist fast windstill und unglaublich warm für einen Novembertag.

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Immer wieder finden wir in Gipfelbüchern zeitnahe Einträge Bekannter. Diesmal sind es drei Kolleginnen von Gabi, die sich erst vor wenigen Tagen eingeschrieben haben.

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Nach einer aussichtsstarken und genussreichen Rast wandern wir in Richtung Hoher Stein weiter.

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Zwischen den Ästen gelingt uns bereits ein vorgeschmacklicher Blick auf unser nächstes Ziel. Ruinenhaft und unersteiglich schaut es aus.

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Der Weg dahin lebt von riesigen Laubmengen am Boden und Lichtspielen über unseren Köpfen.

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Wir wandern ein kurzes Stück des Abschnitts 10 zwischen Aggsbach Dorf und Hofmarnsdorf (ca. 16 km und 850 Hm) am Welterbesteig Wachau entlang.

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Noch wissen wir nicht, ob diese grauen Steinmonumente auch für uns zu ersteigen sind. Aber um das festzustellen, müssen wir jetzt die Forststraße verlassen und auf einem kurzen Waldanstieg zu ihnen hochwandern.

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Der erste Felsen ist etwas prüde und gibt sich für uns unnahbar. Dabei haften wie hellwandige, bewegliche Talgdrüsen halbnackte Kletterer an seinen Schrunden.

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Der höhere Felsen nebenbei ist anders, er bietet eine fast schändlich anmutende Besteigungsmöglichkeit.

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Zwei Leitern müssen „bezwungen“ werden und danach noch ein drahtseilversicherter  Aufschwung (B-Stelle). Dieser fordert zumindest etwas Geschick.

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Und schon befinden wir uns am Gipfelkreuz. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelkreuzfoto Hoher Stein (725 m).

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Das Gipfelbuch befindet sich eingeklemmt unter dem großen Gipfelstein in einem verrosteten, angejahrten Verbandskasten.

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Auf seiner Reise durch die Wachau verfasste Joseph Victor von Scheffel ein Gedicht zu diesem Platz, das vor allem wegen seines illustrierten Schlusses auf KISELAK bekannt ist:

…Schwer empört schau ich das wilde Denkmal wilder Menschenart. Sieh – da winkt versöhnlich milde auch ein Gruß der Gegenwart: Schwindlig ob des Abgrunds Schauer ragt des höchsten Giebels Zack, und am höchsten Saum der Mauer prangt der Name – KISELAK!

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Auf warmen Stein, umgeben von Schwerkraft, mit bewunderungswürdiger Aussicht sitzen wir wie festgeklebt und wollen gar nicht mehr weiter.

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Nur das leise Klimpern der Karabiner und Scheppern der Expressschlingen verrät uns die Anwesenheit der Kletterer am Nachbarfelsen.

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Schweren Herzens ist es nach einer Stunde auch für uns an der Zeit, abzusteigen.

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Der Abstieg fordert größere Geistesgegenwart.

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Ich steige die Leitern abwärts, fotografiere den gegenüberliegenden Kletterfelsen und erschrecke ganz heftig:

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Zwängt sich doch zwischen meiner Leiter und dem Felsen eine schrillbunte (fantastisches 80er Jahre Outfit) Klettermutter im Vorstieg. Der Klettermutternachwuchs hintennach. Sie ignoriert mich (vermutlich schämt sie sich für mich elendiglichen Leiterbenutzer). Ich dagegen frage mich, ob sie dieses Dachl wirklich meistern kann?

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Wieder am Waldboden angelangt, beschließen wir, die Runde über das Türkentor weiterzuwandern.

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Ein letzter Blick zurück zum soeben bestiegenen Felsen.

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So schaurig und unergründlich ist er doch nicht, der Dunkelsteiner Wald.

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Wer viel wandert, kann alleine am fehlenden Waldaroma erriechen, dass es sich um keine Frühjahrs- oder Sommerwanderung handelt.

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Eine echte Entdeckung können wir noch verzeichnen. An der Konstruktionsweise leicht zu erkennen, haben wir einen IKEA-Jagdstandprototypen entdeckt. (Bei Autos nennt man so einen geheimgehaltenen Prototypen Erlkönig).

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Wir wandern am Türkentor (Überrest einer mittelalterlichen Befestigungsanlage aus dem 16. Jahrhundert) vorbei, und erreichen wieder…

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…die blattvergoldeten Weinreben.

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Wer den ganzen Tag soviele Weinreben betrachtet hat, fragt sich auch, wie deren Früchte munden würden. Wir gelangen wieder zu unserem Fahrzeug und fahren das kurze Stück zum Weingut Hick, um dieser Geschmacksfrage auf den Gläsergrund gehen. Sofort fällt mir wieder ein, was Wanderungen in der Wachau so unterscheidet und abhebt von allen andern Wanderzielen: Steinfeder, Federspiel und Smaragd heißt der große Unterschied.

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Im Anstieg ca. 605 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 14 km.

Senf dazu? Sehr gerne

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Hauleitner (2005): Wachau mit Waldviertel. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.