Durchs Treppenhaus auf die Drachenwand (1176 m)

Mein analoges Leben drängt in diesen Wochen mein digitales Leben gehörig ins Abseits. Dieses analoge Leben ist eine echte Plage: Wandern, Reisen, Schnorcheln, Lieben, Lesen, Essen, Schlafen, Konzerte besuchen, Gastgarten sitzen. Diese Dinge sind alleinig offline möglich, und darum tröpfeln meine Blogeinträge zur Zeit nur in homöopathischen Mengen ins Internet. Wie dieser zum Beispiel:

Die Drachwand am Mondsee lockt uns schon lange. Und weil wir nur unvermeidliche Klettersteige „nehmen“ und auf die Drachenwand ein Normalweg führt, steigen wir einfach diesen Zustieg hoch. Für Klettersteigler ist es der Abstiegsweg. Wir wollen nicht nur das Gipfelkreuz (1060 m) am Ausstieg des Steigs besuchen, sondern auch am höchsten Punkt der Drachwand (1176 m) stehen. 

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Drachenwand mit dem Mondsee im Vordergrund, Gemälde von Hans Fredrik Gude, 1870 (Wikipedia).

Vom Parkplatz beim Gasthaus Drachenwand blicken wir hoch. „Ja, da will ich hinauf“ sage ich zu Reinhard. „Gemma“, sagt er.

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Aber dieses „Gemma“ haben auch viele andere am Parkplatz gehört, und so…

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…macht sich eine kleine Karawane auf den Weg. Wie das Klirren des Zaumzeugs der Kamele die Karawane verrät, kündet das Scheppern des Klettersteigzeugs schon von Weitem von der Entschlossenheit der Steigaspiranten.

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Wir täuschen offene Schuhbänder, unfertige Rucksäcke und verstellte Wanderstöcke vor, um hinter der laut-wuseligen Karawane bleiben zu können. Fotografiert habe ich aber tatsächlich. Hier im Zoom das Drachenloch, durch das wir heute noch in die Tiefe blicken werden.

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Schon bald nach der Theklakapelle…

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…zweigt der Zustieg zum Klettersteig ab. Hier verengt sich auch für den Normalgeher die Schlucht,…

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…und über einen Stiegen und Stufen durchsetzten Steig geht es hoch.

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Sofort steigen Bilderinnerungen in uns auf, und wir fühlen uns wie die leibhaftigen  Treppensteiger in einem M. C. Escher Bild.

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Warm ist es bereits in den Vormittagsstunden. Und schon bald bringt mir jeder Griff ans Halteseil die Schweißdrüsen meiner Achselhöhlen in Nasennähe. Gerade noch kann ich mit einem rettenden Luftzug eine narkotische Ohnmacht abwenden. Die Bakterien in meinem Kunstfaser T-Shirt sind wieder voll am Stinken. Ich erinnere mich an meine Rinsennock-Besteigung vor zwei Jahren. Da habe ich das Problem und seine Lösung so beschrieben:

Ich stinke gewaltig. Schuld an diesem penetranten, extrem kräftigen, stechenden, eines Skunks würdigen Gestanks ist mein fast neues, natürlich gründlich gewaschenes Kunstfaserleiberl.

Wenn nur wenige Tropfen frischer, ehrlicher Schweiß mit ihm in Berührung kommen, führt das zu einer Gestanksexplosion. Es kommt zur sensorischen Totalüberlastung. Moleküle werden in die Luft geschleudert und reiben mir und mir Nahestehenden sehr schnell meine Körperlichkeit auf sehr dramatische Weise unter die Nase.

Das Problem ist bekannt. Die 30° Wäsche ist für viele Bakterien maximal eine Einladung zu einem Schläfchen. Und frischer Schweiß ist der Weckruf, der Sonnenaufgang für die Stinkbakterien. In einigen neuen, schnelltrocknenden Kunstfasershirts fühlen sie sich besonders wohl. Nach vielen Fehlversuchen konnte ich doch eine Lösung zur Entstinkung und damit Rettung meiner geliebten T-Shirts finden. Man muss den Bakterien Saures geben. Essigsaures nämlich. Ein 48-stündiges Bad in einer Essiglösung hilft (nicht am Essig sparen).

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Am ersten Tiefblick zum See, bei der Hildesrast, pausieren auch wir.

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Gegenüber, das muss der Almkogel (1030 m) sein. Den wollen wir heute auch noch besuchen.

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Diese vielen Stufen haben sich jetzt in meinem Kopf festgetreppt: Stufenschnitt, Stufenhöhe, Stufenregal, Stufenbarren, Stufenplan, Stufenleiter, Stufenfolge, Stufengebet, Stufenjahr…

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Wir gelangen zu einem Felsgrat mit Blick auf den Klettersteig und steigen von hier…

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…wiederum 80 Höhenmeter zum Bach im Klausgraben ab. Dieser gar nicht nette  Abstieg mit Gegenanstieg wird auf Schildern: „die Rache des Drachens“ genannt.

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Aus diesem Schnitt ins Gebirge haben wir einen guten Blick auf den Klettersteig. Im Kamerazoom kann ich den Klettersteiggehern beim Schwitzen zusehen – aber ihren schweren Atem und ihr keuchendes Stöhnen höre ich nicht.

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Durch einen hellen Buchenwald geht es auf einem feinen Waldsteig wieder hoch. Bis zu dieser Stelle am Grat. Hier zweigt auch der nicht markierte Weiterweg zum echten Gipfel ab. Dazu später mehr.

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Wir folgen der Markierung zum Kreuz.

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Herrlich ist dieser Abschnitt hoch über dem Mondsee. Und schon erreichen wir das Drachenloch.

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Wären wir zehn Monate früher heraufgewandert, hätte ich meinen Lieblingsnachbarn über dem Felsenfenster fotografieren können. (Dieses Foto habe ich mir von „seinem“ Facebook ausgeborgt.)

MeinenLieblingsnachbarn

Die wenigen Schritte bis zum Kreuz sind pures Vergnügen.

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Das Kreuz steht an der Ausstiegsstelle (1060 m) des Klettersteigs und ist das angestrebte Ziel der Klettersteiggeher. Das ist jetzt noch nicht der Gipfel der Drachenwand, aber wo ein Kreuz steht, fotografiere ich in meiner zwänglerischen Art. Obligatorisch und unverzichtbar.

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Wir können die ganze Welt sehen, wie sie sich ausbreitet – zumindest bis zum Irrsee.

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Südöstlich ragt der Schafberg (1783 m) unverkennbar in den diesigen Himmel.

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Manche Klettersteiggeher sind völlig erschöpft und sitzen jetzt mit leeren Augen am Gipfel. Wir dagegen sind noch schwitzfrisch und planen den Weiterweg. Falls man „irgendwie den Grat entlang bis zum Gipfel“ planen nennen kann.

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Und im Abstieg wollen wir auf Helmut Seiringers Spuren diese Waldschluchten durchwandern.

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Wir wandern immer an den Felsabbrüchen zurück…

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…bis zum Punkt, an dem der Anstiegsweg den Grat erreicht. Hier zieht ein unübersehbarer Steig ein kurzes Stück weiter.

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Das Gelände ist so steil, dass sogar die Bäume umfallen. Und weil die Drachenwand auch bei den Base-Jumpern eine heiße Nummer ist, haben…

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…sie ein Seil in die erdrutschigen Wiesenschrofen gepflanzt bzw. am Baum befestigt.

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Sobald diese Stelle überwunden ist, folgt nur noch Gehgelände.

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Viel einfacher als erwartet ist der Zustieg zum Gipfel. Und über einer kleinen Lichtung, lediglich holz- und steinverziert, befindet sich der höchste Punkt. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Drachenwand (1176 m).

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Wir knotzen uns in die Wiese und verbringen die Rast am Gipfel mit Spekulationen über den möglichen Weiterweg zur Schatzwand (1264 m) und zum Schober (1328 m). Geplant haben wir heute anderes, aber eine Überlegung ist die Überschreitung allemal wert.

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Am Rückweg schauen wir uns den Absprungfelsen der Basejumper genauer an. Zuvor kommen wir an diesem Erinnerungsstein in Wingsuitanmutung vorbei. Ein 22-jähriger ist hier bei einem Sprung tödlich verunglückt. Er ist aber nicht der einzige Tote an der Drachenwand, und so erinnert dieser Stein irgendwie auch an die anderen verunglückten Springer.

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Auf diesem Felsen über dem Abgrund zu stehen, verursacht mir Schwindelgefühle, und die Angst zu stürzen steigt in mir hoch.

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Ich verweile trotzdem und versuche mich hineinzufühlen, in diesen goldenen Moment des Absprungs. So ein Basejump ist ja auch eine Lebensparabel und steht für das lebensrettende Glück, aus einem Absturz wieder ins Fliegen zu kommen.

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Karel Bejšovec tut jetzt nicht nur so, als ob – der ist tatsächlich gesprungen:

Im Bildvordergrund ist der heute überschrittene Felsen mit dem Gipfelkreuz zu sehen, vielleicht im Zoom…

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…doch besser erkennbar.

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Wir steigen mit Seilhilfe wieder ab und…

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…finden es mehr spannend als schwierig, hoch über dem Mondsee dahinzukraxeln.

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Wir gelangen zu unserem Aufstiegsweg und verlassen diesen sogleich wieder. Hinter einem Wegweiser zieht ein unmarkierter, aber gut sichtbarer Steig in südwestlicher Richtung zu einer Forststraße.

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Auf dieser Straße kommt es zu einer unheimlichen Begegnung. Was macht Numerobis, Kleopatras bester Architekt, im Salzkammergut? Natürlich,…

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…er hat eines seiner ewigschiefen Gebäude besucht. Ich amüsiere mich prächtig und schildere Reinhard auch die anderen unvergesslichen Figuren aus dem Goscinny und Uderzo Universum. Wer kann denn schon einen Ginfiz, oder Sekretaris oder gar Schraubenzieris vergessen?

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Jetzt kommt der weniger amüsante Teil der Wanderung, ein Forststraßenanstieg mit fast 250 Höhenmetern. Zuerst noch flach entlang des Naturschutzgebietes…

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…Wildmoos…

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…bis zum Eibensee. Dieser See wird gerne in einer feinen Runde von Fuschl aus, entlang des Eibenseebaches, erwandert. Danach in steter Steigung bis zu einer…

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…beschilderten Abzweigung. Diese weist zu unserem nächsten Gipfelchen. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelchenfoto Maisenkögerl (1074 m).

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Ich persönlich glaube ja, dass Berge Pheromone produzieren. Diese beiden sind das beste Beispiel. Fast schon unwiderstehlich locken uns Schober (1328 m) und Schatzwand (1264 m). Darum kommen sie in meine Gipfelvorratsdose. Unbedingt. Irgendwann. Hoffentlich.

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Auch die Drachenwand ist unübersehbar.

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Wir wandern auf der immer ansteigenden Forststraße weiter, bis das Gipfelzeichen…

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…des Almkogels sichtbar wird. Nur wenige steile Felstufen trennen uns noch vom Kreuz.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Almkogel (1030 m).

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Den Gipfelbucheintrag lasse ich von meinem Sekretaris vornehmen.

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Blick zu Drachenwand und Schober. Noch immer sind viele Klettersteiggeher in der Wand. So ein Klettersteig besitzt offenbar auch bei jüngeren Menschen großen Magnetismus, denn im Anstieg zur Drachenwand sind uns viele glatthäutige Menschen begegnet, wie kaum noch auf anderen Bergen. Manche davon die „gnadenlose Verkörperung von Gesundheit, Jugend und blühender Schönheit.“ (V. Nabokov)

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Der Abstieg vom Almkogel zieht sich, und wer nur diesen Gipfel besuchen will, darf die anstrengende Steilheit nicht unterschätzen. Die Tour auf die Drachenwand, in der sogenannten Höllkargruppe, zwischen Fuschl- Mond- und Wolfgangsee, wird auf Schildern und Beschreibungen nur für Geübte empfohlen. Das finde ich jetzt ein wenig übertrieben. Wer Treppen steigen kann (viele Treppen), kann diese Tour auch machen.

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Im Anstieg ca. 1060 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 13,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Hauleitner (2010): Salzkammergut West, zwischen Salzburg und Bad Ischl. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Loderbauer/Luckeneder (2012): Wandern & Bergsteigen Oberösterreich. Kral Verlag, Berndorf.

Helmut Seiringers Runde über Drachenwand und Almkogel (abgerufen am 22.7.2016)

Eibenseerunde von Fuschl aus. „Runde für Besinnliche“ Im Standard von 2008 beschrieben (abgerufen am 22.7.2016)


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.