Nöhwilassi Prochenberg

Wintereinbruch in den Ybbstaler Alpen. Der Schneefall war vorhergesagt, aber diese luftigenSchneemengen habe ich nicht erwartet. Der jährliche Prochenberglauf fand vorige Woche noch im aperen Gelände und mit Läufern in Turnschuhen statt. Über die Nachtstunden hat es aber ausgiebig geschneit, und beim Blick aus meinem Fenster entscheide ich mich gegen die Eisenerzer Alpen (dort wollte ich ursprünglich hin) und besuche den Prochenberg mit Schi. 

Sogar für eine hohe Lawinenwarnstufe 4 reicht es an diesem Sonntag. Es ist schon ein wildes Gebirg‘, diese Ybbstaler Alpen.

Auf der Straße von Ybbsitz nach Maria Seesal, an den Welser Werken vorbei, gelangt man zur Ungermühle bzw. dem Gasthaus Tatzreiter.

Auf die Idee, heute den Prochenberg zu besteigen, sind auch andere Tourengeher gekommen.

Vom Parkplatz gehe ich auf der Straße einige Meter die Schwarze Ois bachaufwärts, bis zu dieser schmalen Brücke.

Es gibt schon eine breite Spur, und darüber bin ich gar nicht böse. Denn bei dieser Schneehöhe und dem weichen Schnee ist das Spuren Knochenarbeit. Ein Dankeschön an die Unermüdlichen vor mir.

Auf den Bäumen liegt nicht nur Schnee, sondern vom dahinter liegenden Kuhstall auch warmer Stallgeruch, und statt Vogelgezwischer wie im Frühling, höre ich ob des warmen Stalles, behagliches Muhen.

Weniger behaglich schaut es außerhalb der geschützen Räumlichkeiten aus. Jetzt kann meine Alleskönner-Outdoor-Verkleidung beweisen, dass sie jeden Euronen, den ich bezahlt habe, auch wert ist.

Ich gelange zur Schlüsselstelle des Anstieges. Es wird schmal, steil und glatt. Weniger geübte Tourengeher werden von diesem Schupferl regelrecht abgeworfen. Ohne Hilfe der Bäume rundum wäre die Schitour für so manchen hier jetzt zu Ende.

Wenn man die Schlüsselstelle aber bezwingen kann, geht es sehr freundlich über Wiesen und durch den Wald weiter, ein kurzes Stück sogar parallel zur reichlich mit Schnee bedeckten Straße. Diese Straße wird ein Stück weiter oben gequert.

Hinter dieser undurchsichtigen Schnee- und Wolkenwand könnte sich auch ein Viertausender verbergen. Ich bin froh, dass es der Prochenberg ist, denn damit habe ich die Möglichkeit zum Mittagessen wieder daheim zu sein.

Gut eingepackt (meine Funktionskleidung funktioniert) bewege ich mich wie in einem schalldichten Raum. Kein Geräusch dringt durch die geflockten Dämmschichten des Schnees.

Am Hang oberhalb der Hofzufahrt erreiche ich das Bauernhaus Modelsberg.

Jetzt führt mich die Spur, in direkter Linie an Obstbäumen vorbei, bis auf Höhe der Haselsteinmauer.

In meiner Wanderbeschreibung vom 27.11.2011 ist dies die „verwachsene Forststraße“ unter der Modelwiese.

Ich bin schon geraume Zeit ganz alleine unterwegs. Noch immer ist der Berg in eine  hörbare Stille getaucht.

Die Bäume des Festplatzes (alljährlich Bergmesse und Blasmusik) verdecken die dahinter aufragende Haselsteinmauer mit dem Heimkehrerkreuz (904 m).

Nur ein kurzes Stück des bisherigen Aufstiegsweges führte durch Wald. Jetzt ändert sich das Bild. Bis zum Gipfel gibt es keine Weideflächen mehr. Nur ein großer Schlag bietet noch eine größere Freifläche.

Der Blick zurück gleitet in weiße Trübnis ohne Horizont.

Die Schispur führt den markierten Sommerweg entlang bis zur Forststraße mit den gelben Wegweisern.

Hier führt über den Schlag der direktere Anstieg zur Prochenberghütte.

Im Winter wird zumeist nicht der Gipfel, sondern nur die Hütte besucht. Ich will aber zuerst zum Kreuz und bleibe daher auf der Forststraße.

Welcher Jahreszeit der Februar zuzurechnen ist, wird mir sehr eindrücklich vor Augen geführt.

In Gipfelnähe stürzt die Sichtweite auf nur wenige Meter ab. Daraus resultiert die mostviertler Bezeichung für voller Nebel = „Nöhwilassi“.

Die Straße zieht zwischen Gipfelkreuz und Hütte hoch, und jetzt ist es für mich an der Zeit, die Hüttenzufahrt in westliche Richtung zu verlassen.

Es ist nicht weit, und ich spure bis zum Gipfelfelsen. Auf dem Felsen kann ich das Kreuz schon erkennen.

Und für diese wenigen, zugegeben steilen Meter, brauche ich zwanzig Minuten. Durch meterhoch eingewehten, grund- und bodenlosen Schnee wühle ich mich hoch. Alles nur, um zu diesem Foto zu gelangen. Gipfelfoto Kreuzkogel (Prochenberg) 1123 m.

Es ist kalt da oben, sehr kalt. So eile ich fluchtähnlich zur nahen Prochenberghütte.

Der kleine Winterraum ist offen. Ich trinke meinen nur noch lauwarmen Tee und esse meine Schitouren-Manner-Schnitten.

ProchenbergSchi10022013_059 (CC)

Zu Beginn meiner Abfahrt geht es durch einen Baumslalom. Für einen Riesentorlauf stehen die Bäume zu eng.

Sehr bald erreiche ich wieder die Modelwiese. Diese fahre ich fast in direkter Linie ab, weil einfach zuviel Schnee liegt und ich nach zwei Schwüngen fast steckenbleibe.

Ich erreiche das Bauernhaus Modelsberg, und weil die nächsten Hänge auch nicht besser zu fahren sein werden, bleibe ich auf der Straße. Diese hat sich in eine wunderbare Skipiste verwandelt, und ein kurzes Stück bleibe ich auf ihr. Nur den letzten Hang „surfe“ ich wie auf einer Welle bis zum Strand bzw. zur Brücke.

Ich setzte meine Eroberung des Nahen weiter fort…

 

Im Anstieg ca. 745 Hm und zurückgelegte Strecke ca. 9 km.

Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Baumgartner (1996): Wanderparadies Voralpen Zwischen Mostviertel und Mariazeller Bergland, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.

Pöll (1978): Zwischen Enns und Erlauf, 40 Rundwanderungen, Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.

Steffan/Tippelt (1977) Ybbstaler Alpen, AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Tippelt (1995): Wanderführer Ybbstal & Ötscherland, Ennsthaler Verlag, Steyr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Epilog

Erinnerungsfotos eines Schitourennovizen vom 28. Jänner 2006 .

Es gab noch eine alte Holzbrücke in der Nähe des Gasthauses.

Dieses Teilstück geht man jetzt mit geschulterten Skiern auf der Straße. Das Brücklein ist ca. 150 Meter weiter vorne.

Aber danach ist alles gleich, sofern der Schnee es zulässt und der Erstspurer sich an den „richtigen“ Verlauf erinnern kann.

Ohne Worte.

Die „Schlüsselstelle“ gleicht einer Bobbahn. Ich hatte ganz schön zu kämpfen, so ganz ohne Erfahrung und Technik.

Offensichtlich war dieser Tag im Jänner angenehm warm.

Der Ötscher grüßt mich mit einem unsichtbaren Nicken. Ich verspreche einen baldigen Besuch.

 

FIN

 

 

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.