Erste Reihe fußfrei in den Eisenerzer Alpen: Donnersalpe (1539 m) und Tulleck (1412 m)

Weil die Welt nun mal so ist, wie sie ist, gibt es zu meinem Glück auch Orte wie diesen: Hohenegg (970 m), eine kleine bäuerliche Streusiedlung im Herzen der Eisenerzer Alpen. Hier macht das alltägliche Zeitungs- und Fernsehgrauen Pause, hier kann ich durchatmen und mich für kurze Zeit von den unzähligen Unglücken der Welt davonstehlen.

Ich will die Donnersalpe (1539 m) nochmals, und das Tulleck (1412 m) erstmals besteigen. Diese Wanderung könnte man auch am Hauptplatz in Eisenerz beginnen. Am Schichtturm vorbei, sind zusätzliche dreihundert Höhenmeter bis hierher zu bewältigen. Ich fahre allerdings mit dem Auto zu den letzten Häusern am Hohenegg.

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Noch ist nur wenig Schnee zu sehen. Dennoch befestige ich meine Schneeschuhe am Rucksack und mache mich neugierig auf den Weg.

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Mitten in dieser friedlichen, vogeldurchzwitscherten Morgenstimmung explodiert die Welt:

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Mein Körper reagiert mit Herzrasen, und die Schneeschuhe klappern wie Kastagnetten am Rucksack. In mir schreit es: „Was war das?“ Ein Megaknall, wie ich ihn noch nie gehört habe. Noch steht alles um mich herum – das überrascht mich jetzt.

Nach einer kurzen Beruhigungsphase finde ich die Anwort selbst. Am Erzberg wird gesprengt, zumindest noch so lange, wie ein paar Meter (gegenwärtig sind es 1465) von diesem Berg übrig sind. Und weil ich auf Ohrenhöhe bin, war das jetzt so enorm laut. Die Donnersalpe hat ihren Namen offensichtlichhörbar nicht grundlos.

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Der Weg wurde neu ausgeschildert und markiert und führt gleich hinter den Bauernhäusern mitten hinein in blühende Krokuswiesen.

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Das ist jetzt wieder so eine verflixte Multioptionswanderung. Soll ich mich an den Krokussen erfreuen und die Aussicht links liegen lassen, oder umgekehrt?

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Wer kann, der kann, und ich entscheide mich für beides. Dafür verzichte auf eine Besteigungsrekordzeit. Wobei mir diese sowieso nicht gelungen wäre, denn nur drei Tage vor mir bestieg Christian Stangl, seines Zeichens Gipfelaufiwetzer und Skyrunner, die Donnersalpe.

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Die Krokuswiesen finden ein jähes, kaltes Ende. Im bewaldeten Abschnitt kommt, was um diese Jahreszeit kommen muss. Weicher, weißer, sulziger Schnee.

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Rasch finden meine Füße in die klug-einfache Bindung der Schneeschuhe, und schon schwebe ich über den wässrigen Schnee. Allerdings nur für ein kurzes Stück. Der Pfad mündet in eine breite, schneefreie Forststraße.

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Eindrucksvoll bauen sich Törlstein (1860 m), Schwarzenstein (1953 m) und Wildfeld (2043 m) vor mir auf. Der Stadelstein (2070 m) wird vom Schwarzenstein vollständig verdeckt.

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Diese Forststraße führt in die heiße Südseite, am Weißenbachl Bründl vorbei, an die Donnersalpe heran.

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Hinter dem bewaldeten Ostgipfel versteckt sich mein eigentliches Tourenziel. Schnee ist genug vorhanden. Ohne Schneeschuhe könnte ich jetzt umdrehen.

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Unterhalb des Tullecks und der Hohlsteinmauer quere ich diese große Weidefläche in Richtung des Jostromtörls. In meiner Ignoranz und meinem Unverstand habe ich mich weder mit Sonnenschutzmittel eingecremt noch eine Schirmkappe mitgenommen. Mein Gesicht fühlt sich mittlerweile wie auf eine heiße Herdplatte gepresst an. Dazu kommen die salzigen Schweißtropfen, die mir überreichlich aus den Poren treten. Jeder einzelne wird in meinem Gesicht zur Linse und bündelt das Sonnenlicht zusätzlich. In Garstufen gedacht, werde ich nicht einmal „medium“ den Gipfel erreichen, sondern ganz bestimmt well-done.

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Irgendwo unter dem Schnee soll hier auch noch die Trasse der einstigen Erzbahn erkennbar sein (Buchenauer/Scharfetter).

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Der Anstieg steilt zunehmend auf. Für Beobachter vom Erzberg bin ich nur ein mühsam keuchender, schwitzender Punkt in dieser weiten weißen Pracht.

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Der Markierung folgend, stapfe ich zum Nordostgrat und werde mit einem ersten Blick zum Kaiserschild (2084 m) weiter hochgelockt.

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In weiten Kehren ziehe ich meine Spuren im Gipfelhang. Diesen Hang habe ich im Februar 2011 bereits einmal mit Tourenskiern begangen. An einem kalten Februartag sind wir von der Großfölz hergewandert.

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So schaut das heute aus. Fantastische Fernsicht und ein gut durchgebratenes Eroberer-Gesicht am Weg zum Gipfel.

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Oben am runden Rücken der Donnersalpe spüre ich jetzt doch den kühlen Atem der Eisenerzer Alpen. Wind erfasst meinen erhitzten Körper und kühlt mein glühendes Gesicht so gut, dass das Pochen darin nachlässt und ich mir Jacke und Haube überziehen muss.

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„Well done“ im doppelten Sinne. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Donnersalpe (1539 m).

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Die Bezauberungsmaßnahmen dieses Gipfels kriegen jeden.

Ganz nah ist das Kaiserschild (2084 m), und dahinter sieht der Hochkogel (2105 m) hervor.

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Der Blick in den Norden reicht vom Hochblaser (1771 m) bis zum Rössel (1855 m).

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Der ganze Hauptkamm der Eisenerzer Alpen liegt vor mir.

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Bei Bergen ist es noch öfter als bei Menschen so, dass Außenseiter eigentlich Innenseiter sind…

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Im Westen ragt der Zeiritzkampel (2125 m) dominierend auf.

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Von Reichenstein zu Reichenstein kann ich hier mit einer Drehbewegung meines Körpers wandern.

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Die Donnersalpe ist nicht mein erster Gipfel in den Ennstaler Alpen, welchen ich mit Christian Stangl (Skyrunner) teile. Allerdings bin ich so zeitlos (schnell) unterwegs, dass ich im Anstieg gleich einen ganzen Tag aufgeholt habe. Heute ist der 31.3.2016 und nicht der 30.3.2016.

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Für die Gipfelrast verlasse ich den Gipfelgrat und schaffe mir im Windschatten eine feine Schneekuhle.

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Spurloser Schnee zwischen mir und meinen nächsten Zielen. Nämlich der…

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…Hohlsteinmauer (1405 m) und dem Tulleck (1412).

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Nach einer gutzigen Rast grabe ich mich wieder aus meiner windschattigen Gipfelkuhle. Nach letzten Blicken zurück, steige ich am Anstiegsweg ab.

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So spurlos ist der Schnee gar nicht, hier war ich ja heute schon.

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Ich verlasse im Jostromtörl meine eigene Spur und steige ohne Orientierungsprobleme den Grat zur Hohlsteinmauer hoch.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hohlsteinmauer (1405 m).

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Das Wandern am schneegerundeten Grat,…

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…immer weiter in Richtung…

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…Tulleck, ist jetzt besonders vergnüglich.

Aufwändige Forstarbeiten haben den Wald entfernt und dafür eine Forststraße gepflanzt. Es wird schon eine Zeit dauern, bis der Tulleck-Eintrag im AV-Führer Eisenerzer Alpen wieder stimmt:Tulleck, 1412 m. Rückfallkuppe im Höhenzug    Donnersalpe – Hohlsteinmauer, völlig bewaldet, touristisch unbedeutend, kann über R 567 weglos erstiegen werden.“

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Von wegen touristisch unbedeutend. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Tulleck (1412 m).

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Das Tulleck ist kein hoher Gipfel, bietet mir aber mehr, als ich erwartet habe. Baumfrei ist der Ausblick grandios. „Darum, es schadet nicht, es kann im Gegenteil sehr bekömmlich sein, sein Bild vom greifbaren Glück ein wenig niedriger zu hängen“ (Dreyfus, Alles was leuchtet).

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Jetzt bin ich dem Erzberg etwas näher gewandert, und sofort bieten sich ganz neue Ausblicke.

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Der Blick zurück zur eben erst verlassenen Donnersalpe.

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Meinen Weiterweg habe ich bis zu einer Forststraße unterhalb des Tullecks geplant.

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Ich stapfe in die steile Nordseite hinab, um auf den „Forststraßenzubringer“ zum nächsten, viel niedrigeren Gipfel, zu gelangen. Reichlich Schnee und darunter verborgenes Gehölz verlangen große Aufmerksamkeit. Und der Schweiß fließt wieder. Ich gelange zur Forststraße und bin rasch am unscheinbaren Punkt.

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Diese Erhebung ist jetzt mehr so eine Statistikerfreude. Ein Gipfelsammlergipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Mitterriegel (1150 m).

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Auf der östlich verlaufenden Forststraße geht es mit Unterbrechungen und Gegenanstiegen zurück nach Hohenegg.

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„Kein anderer Berg hatte je so viel Bedeutung für die Steiermark, und kaum einer wird jemals so viel für sie bedeuten, wie der Erzberg bei Eisenerz. (…) hat auch das Gesicht der Landschaft geprägt: durch die Stadt, die sich um den Berg herum entwickelt hat, aber auch durch die Riesentreppen des Tagbaues, die wie an einer Pyramide zum Gipfel führen.“

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„Wenn es eine Schönheit der Technik gibt – am steirischen Erzberg ist sie zu empfinden. Viel dazu beitragen mögen wohl die Farben des Berges: gelb, rötlich, rot- und dunkelbraun, bis ins Blaue und Graue schimmernd, wie es bei eisenhältigem Gestein eben ist“ (Liselotte Buchenauer „Wandern in der Steiermark“).

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Diese Tour ist suchtgefährdend, subkutan und invasiv. Bestens geeignet für Einsteiger in die Eisenerzer Alpen, aber auch bedingungslose Eisenerzer-Alpen-Gutfinder. Man hat von der Donnersalpe einfach den besten Rundblick über eines der schönsten Gebirge der Steiermark, ach was, der Welt!

Im Anstieg ca. 820 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 11,4 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Buchenauer (1971): Wandern in der Steiermark. Tyrolia Verlag, Innsbruck.

Peterka (1982): Eisenerzer Alpen. AV Führer, Bergverlag Rother, München.

Scharfetter/Buchenauer (1978): Eisenerzer Alpen, Bergwandern, Klettern, Schifahren. Verlag Styria, Graz.

Zeller (2006): BergErleben Bd. 2, Eisenerzer Alpen, Hochschwab West. Verlag Gertraud Reisinger, Spielberg.

Hoppe (2012): Paradiese, Übersee. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

Dreyfus/Kelly (2014): Alles, was leuchtet. Ullstein Verlag, Berlin.

Friedrich Cerha in Ö1 Tonspuren am 14.2.2016 (Außenseiter sind eigentlich Innenseiter).

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.2    © 2007 Christian Dellwo.

 

 


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.