Zuzweiensein am Törlstein (Hochstein) 1860 m

Ich liebe die Eisenerzer Alpen. Schon lange vor dem Stent haben sie Platz in meinem Herzen gefunden. Wie ein großer Garten liegen sie freundlich und einladend zwischen dem Gesäuse, den Niederen Tauern und dem Hochschwab. Dem einfachen Wanderer sind ihre Berge ebenso zugetan wie dem pulverschneesüchtigen Tourengeher. Denn unter den grünen Matten schlägt ein kupfergoldenes Herz, und wirklich jeder ist willkommen.

An diesem heißen Juniwochenende besuchen zigtausende Menschen das weltweit größte Motorrad-Offroadspektakel am Erzberg. Wir wollen wenige Kilometer davon entfernt den Törlstein (1860 m) besteigen. So kommt es, dass die wuiden Buam, in der Ecke am großen Sandhügel mit ihren Mopeds spielen und wir am anderen Ende des Gartens ein wenig balancieren.

Drei gezackte Achtelmonde glänzen grau schimmernd über unseren Köpfen: Törlstein (1860 m), Stadelstein (2070 m) und Schwarzenstein (1953 m). Unersteiglich wollen sie aussehen, sind es aber nicht. Sogar vergleichsweise einfach lassen sie sich erwandern.

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Wir parken in der Galleiten. Bisher eine ausschließliche Winterbekanntschaft, überrascht mich jetzt die Breite dieser vierspurigen Forststraße.

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Obwohl ein Zwicklfreitag, steht nur ein zweites Fahrzeug am Parkplatz. Ein heißes Wochenende kündigt sich an. 30 Grad und mehr sollen es werden.

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Meine wohlduftende Gabi genießt den schattenreichen Zustieg. Noch ist alles grau in blau und ein bisschen rosa. Gelegentlich schwappt Hubschraubergeknatter vom Erzberg bis zu uns, Motorradlärm aber nicht.

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Keine zwei Kilometer wandern wir bis zum Wiesengrund und der Augenweide auf der Schafferalm.

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„Schaut, wie abgetragen unsere Haut schon ist“ scheinen der Törlstein und ich zu sagen.

„Bis wir ebenso so zerfurcht aussehen, wird hoffentlich noch viel Zeit ins Land gehen“ meinen Gabi und der Stadelstein.

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Oberhalb der Schafferalm verlässt die Markierung die Forststraße. Am Steig krabbeln abertausende Ameisen übereinander. In einer buddhistischen Anwandlung wandern wir, jedes einzelne Ameisenleben achtend, neben dem Weg. Besonders weit vorausschauende Menschen nennen das Karma-pimpen.

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Im grünen Rondo zieht der Steig durch Jungwald hoch. Der Zustieg im Winter ist nicht anders.

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Der Törlstein legt vergnügt eine unübersehbare Präsenz an den Tag.

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Links im Bild ist der eigenwillig benamste Gipfel „Auf der Stang (1716 m)“ zu sehen. Wir sind hoch genug, um über der Einsenkung zur Hohen Lins (2028 m), den Eisenerzer Reichenstein (2165 m) und das Reichensteinhaus erkennen zu können.

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Noch gehen wir direkt auf den Schwarzenstein zu. Der Schwarzenstein (1953 m) wird über den Nordgrat (rechte Seite) von der Hochalmhütte kommend, erstiegen.

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Eine unglaublich schöne Tour breitet sich unter unseren Wanderschuhen aus. Durch Wiesenwald, entlang an Latschen bis zu diesem Brunnen.

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Nach einer kurzen Rast queren wir eine Forststraße und den Abzweiger zum Niedertörl.

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Staub, der wie Rauch aufsteigt, verdüstert den Blick zum Erzberg.

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Diese wassergeschlagene tiefe Furche unter dem Stadelstein wird im Laufe der kommenden zweihundert Jahre wie ein Reißverschluss den grünen Almboden öffnen und wegklappen. Auf diese Weise abgedeckt wird nur noch ein mausgrauer Schutthang überbleiben.

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Der Steig macht jetzt einen Schwenk und zieht durch Latschen und lichtgrünen Lärchenwald in Richtung Hochtörl.

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Wieder kommen wir zu einem Brunnen. Das Zyklopenauge der Sonne schwebt ohne zu blinzeln über uns. Windstill staubt es immer dichter am Erzberg. Als würde sich der ganze Berg in die Luft heben wollen. Motorenlärm hören wir immer noch nicht.

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Mopeds und Motorräder waren nie so meine Sache. Ich hatte nicht einmal ein eigenes Gefährt. Einmal unternahm ich als Sechzehnjähriger mit eines Freundesmoped eine Probefahrt. Prompt wurde ich von der Polizei Gendarmerie angehalten: „Fahrzeugkontrolle und Papiere“ lautete die knappe Anweisung. Mir zitterten die Hände, denn Papiere hatte ich keine dabei. In meiner unsäglichen Aufregung und weil es auch meine  Verkehrskontrollenpremiere war, brachte ich nur diesen einen Satz zustande: „Des Freind g’hört mein Moped“. Bis heute habe ich ihn nicht vergessen – und meine Freunde auch nicht.

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An den Spitzen der Sonnenstrahlen ist es wie an den Spitzen der Kerzen am heißesten. Weil ich die ganze Zeit ohne Kopfbedeckung wandere, fühle ich mich schon bald wie…

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…unsere Kerze daheim, im Sonnenschein, am Fensterbrett. Mein Gehirn beginnt sich zu verflüssigen.

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Und die Moral von dieser Geschicht´, vergiss die Kopfbedeckung nicht.

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Ob diesen riesigen Felsen der Gletscher hierher getragen hat, oder ob er selber den Hang herabgestolpert ist?

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Direkt im Sonnenstrahl können wir die Silhouette des Gipfelkreuzes ausmachen. Ob wir da wirklich hin gelangen können? Momentan sieht es mir jedenfalls nicht so aus.

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Wir kommen zum Hochtörl und zur Abzweigung zum Niedertörl (1652 m). Dieser Weg umgeht den Törlstein nördlich. Wir wandern aber zur Einsenkung zwischen Törlstein und Stadelstein weiter.

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Der erste Blick in den Süden zeigt das Gößeck (2214 m), den Arnikariedel (1758 m) in der Bildmitte und viele sanfte Wölbungen, Flächen und Senken.

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Auch den splitterknochigen Aufbau des westlichsten Gratturms am Törlstein.

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Es ist ja nicht mein erster Versuch, den Törlstein zu besteigen. Am 24.3.2012 war ich auf Schiern bereits einmal hier. Dem instabilen, nassen, schweren Schnee im steilen Hang schenkte ich damals kein Vertrauen, und so blieb ich im Hochtörl „stecken“.

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Heute sieht es natürlich ganz anders aus. Etwas unterhalb zieht ein zwar unmarkiertes aber unübersehbares Steiglein an Blumen…

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…unter vielzahligen Felstürmen und Felstürmchen…

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…und grau melierten Schneefeldern vorbei.

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Selbst die im Winter stark überwechtete, schneereiche Einsenkung zwischen Speikkogel (2040 m) und Stadelstein (2070 m) ergrünt schon langsam.

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Unser Weg quert lange den steilen Hang und zieht erst spät hoch. Noch sind wir die letzten Meter nicht geklettert,…

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…noch kennen wir das Gipfelgeheimnis nicht.

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Dass wir schon am Kopf des Berges wandern, ist bereits bloß aus dem Wegverlauf ersichtlich. Wie eine lange graue Gehirnwindung wickelt sich der Pfad hoch und umgeht dabei alle steinernen Hindernisse bis zum Gipfel.

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Nur noch wenige Meter trennen Gabi vom höchsten Punkt. Weil ihr mittlerweile die Geduld für mein Fotografieren fehlt,…

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…wartet sie erst wieder am Gipfel auf mich.

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Man muss sich die Orte des Glücks, seines Glücks, schon selber suchen. Und hier ist so ein Ort. Als hätten wir den Fuß eines Regenbogens erreicht.

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„Auf der steilsten Höh‘ der Tagesreise steht die Sonne jetzt – und auch wir!“ (angelehnt an Shakespeares Romeo und Julia)

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Törlstein bzw. Hochstein (1860 m).

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Wir sitzen auf der Spitze eines Turmes. Dieser Gipfel gehört uns ganz alleine. Er ist eine Mischung aus Balkon, Loge und Separee…

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…und lädt zu einer sanften Verschwendung der Zeit ein.

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Ein Hubschrauber schwebt über dem Staubberg. Wie ein böses, metallenes Insekt stößt er immer wieder zornig hinab, um ebenso schnell feige zu flüchten.

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Die Eisenerzer Alpen bestehen aus Berghybriden. Gesäuse und Niedere Tauern vereint in einer Landschaft. Ein Hauch Hochschwab ist auch dabei.

Im Süden ist der felsige Rücken der Rauchkoppe (1836 m) und der Verbindungsgrat zum Linseck (1983 m) mit dem Mooshals zu sehen. Darunter der grüne Boden mit der Moosalm (1533 m).

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Der östliche Blick zeigt direkt am Weg den Zwölferkogel (1740 m). Das Niedertörl ist gerade nicht mehr am Bild.

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Darüber erhebt sich nach dem felsigen Abschnitt das Linseck (1983 m) und dahinter die Hohe Lins (2028 m). Auf der Stang (1716 m) befindet sich am grünen Verbindungsgrat zur Hohen Lins. Im Bildhintergrund ist der Eisenerzer Reichenstein (2165 m) und das Rössel zu sehen (1855 m).

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Im Anschluss daran baut sich gegenüber der Pfaffenstein (1871 m) auf. Weiter nördlich finden sich der Hochblaser (1771 m) und die Kaltmauer (1929 m). Der Leopoldsteinersee bleibt verborgen.

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Nordwestlich dominiert die Kaiserschildgruppe mit Kaiserschild (2084 m) und Hochkogel (2105 m) das Bild. Der grüne Rücken unterhalb ist die Donnersalpe (1539 m).

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Schon ganz nah ragt der Schwarzenstein (1953 m) auf…

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…und noch näher der Stadelstein (2070 m) und der Speikkogel (2040).

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Das Gipfelbuch weist unverdient wenige Eintragungen auf. Wenn überhaupt, wird der Törlstein bei der Überschreitung vom Eisenerzer Reichenstein zum Admonter Reichenstein „mitgenommen“. Ein schlimmer Fehler. Nach diesem Besuch gehört er mit zu unseren liebsten Gipfeln in den Eisenerzer Alpen.

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Der Abstieg ins Niedertörl ist steinig, schrofig-rutschig. Überhaupt fällt das Gelände steil ab. Höhenangst ist im Abstieg zum Niedertörl nicht erlaubt.

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Soviel schöne Gegend…

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…so nah beieinander. Ein Schöne-Gegend-Konzentrat. Von der Moosalm führt ein nicht markierter Steig hierher.

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Ein Blick zurück auf Gipfel und Gipfelkreuz.

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Wer glaubt, dass man mit GPS auf elektronischen Schienen unterwegs ist, irrt sich gewaltig. Wir verlieren die Markierung und den Pfad.

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Und weil gemeinsame Ratlosigkeit nicht wirklich tröstet, kommt es in Gabis Gesicht zu einer Begeisterungsflaute. Eine ausgeschnittene Latschengasse sieht sehr vielversprechend aus, und diese wandern wir weiter. Der Weg beginnt anzusteigen…

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…und bringt uns hundert frische Höhenmeter ein. Aber unsere Glücksdepots sind derart aufgefüllt, dass selbst diese zusätzliche Mühe als willkommene Abwechslung gesehen wird. Wir gelangen wieder auf den Anstiegsweg und wandern ihn zurück.

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Dieser fantastosymphathischgroßartige Tag braucht noch einen würdigen Abschluss. Darum begeben wir uns zum Almgasthof im Talschluss. Im Schatten eines riesigen Sonnenschirmes, schmelzen wir Vanilleeis, Schokoladeneis, Erdbeereis in unseren  überhitzten ausgetrockneten Mundhöhlen. Diese inwendige Erquickung, dieses Freudenfest im Goscherl, rollt uns wohlige Schauer über den Rücken und die Zehennägel an den schuhlosen Füßen auf.

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Von den geborstenen Felsen am Hochkogel (2105 m) und Kaiserschild (2084 m) sieht uns die blau-nackte Hitze flimmernd, aber diesmal von einem sauköpfigen Kindereisbecher entmachtet, zu.

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Im Anstieg ca. 935 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 9,3 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Frischenschlager et al. (1999): Mürztaler Berge (Rax, Schneealpe u. Hohe Veitsch), Hochschwab, Eisenerzer Alpen. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Hödl (1989): Bergerlebnis Steiermark. Verlag Styria, Graz.

Mokrejs/Ostermayer (2009): Bergwander-Atlas Steiermark. Schall Verlag, Alland.

Peterka (1982): Eisenerzer Alpen. AV Führer, Bergverlag Rother, München.

Scharfetter/Buchenauer (1978): Eisenerzer Alpen, Bergwandern, Klettern, Schifahren. Verlag Styria, Graz.

Zeller (2006): BergErleben Bd. 2, Eisenerzer Alpen, Hochschwab West. Verlag Gertraud Reisinger, Spielberg.


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.