Im steinigen Vorgarten des Dürrensteins : Auf den Lunzer Scheiblingstein (1622 m)

Noch ein allerletzter sonniger Herbsttag wird für diesen Nationalfeiertag prophezeit. Darum habe ich mir ein besonders schönes Quantum Ybbstaler Alpen vorgenommen, hoch über dem Lunzer See, im wilden Lunzistan sozusagen. Schon meine letzte Wanderung im einsamen Osten des Dürrensteins hat mir besonders gut gefallen, und jetzt halte ich Nachschau, ob mir sein Norden ebenso gefällt und ob er ebenso einsam ist.

Ich parke meinen felswandgrauen Vauwe am Parkplatz neben der Bundesstraße bei der Taglesbachbrücke, dort wo der Taglesbach (Daglesbach) in die Ois (spätere Ybbs) mündet. Die Unruhe am Himmel schlägt sich nicht bis in mein Gemüt durch. Ich bin guter Dinge.

Gleich am Parkplatz findet sich ein Wegweiser zu meinem ersten Ziel, die Herrenalm. Dieser Abschnitt ist Teil des Alpinwegs. Ich will aber von der Herrenalm über den nördlichen Gipfelrücken bis zur Scheibe (1602 m) zurück wandern und von dort direkt absteigen. Dieser Abstiegsweg ist unmarkiert, allerdings begangen und von Steinmännchen flankiert.

Für diejenigen, die gerne über diesen „kurzen“ Weg auf den Lunzer Scheiblingstein (1622 m) wandern wollen, sind die nächsten Fotos interessant.

Etwa 50 Meter nach dem gelben Wegweiser am Parkplatz, exakt vor diesen beiden Buchen und einem Ministeinmann…

…zweigt der Weg durch dichten Jungwald ab. Von hier trennen den Wanderer schätzungsweise neunhundert Höhenmeter und drei Kilometer vom Gipfel.

Weil eine Wetterbesserung frühestens für den Nachmittag zu erhoffen ist, gehe ich zuerst den „langweiligen“ Weg zur Herrenalm und hoffe, dass bis zur Überschreitung der Himmel aufklart. Zur Stunde schaut es dort oben noch nicht sehr einladend aus.

Den Taglesbach entlang, ins immer enger werdende Tal, führt mich der Pfad.

Lange bleibt der markierte Weg auf einer Forststraße, um bei dieser Bachquerung etwas oberhalb der Straße weiter dahin zu schlängeln.

Dabei bleibt es lange Zeit freundliches Gehgelände mit geringen Anstiegen.

Und wenn ich so dahinwandere, kann ich manche von meinen steckengebliebenen Gedanken endlich in Bewegung bringen. In wenigen Angelegenheiten komme ich nicht weiter, das eigene Denken dreht sich im Kreis. So geht es vermutlich nicht nur mir, das kennt jeder. Zum Beispiel erinnern mich die Baumstämme im Bachbett des Taglesbachs an unnötige, sperrige, abgenutzte Gedankensplitter in meinem Bewusstseinsstrom. Manche Gedanken mache ich mir immer wieder, sie ziehen einfach nicht weiter und verblocken den gesunden Gedankenfluss. Dieses Totholz unter den Gedanken, das eine regelrechte Verklausung des Denkens nach sich zieht, kann ich beim Wandern regelrecht wegspülen – aus mir hinausschwemmen. Manchen, viel klügeren Menschen, ist es nicht anders ergangen:

„Wir müssen gehen, um denken zu können. Wenn wir gehen, (…) kommt mit der Körperbewegung die Geistesbewegung. “

Thomas Bernhard (Gehen)

Der Taleinschnitt verengt sich zusehends, und der Steig beginnt sich in der Ostseite durch steilen Bergwald hochzuwinden.

Durch diesen herrlichen Buchenkorridor gewinne ich rasch an Höhe. Obwohl ich den blauen Himmel erkennen kann, habe ich das Empfinden, durch eine riesige Halle mit unzähligen grauen Stützpfeilern zu wandern.

Ein einzelnes Blatt im Geäst winkt im Wind mir zu, als wär’s die Hand vom Sommer, der zum Abschied grüßt.

Kurz vorm letzten steilen Anstieg, entlang eines Wasserfalls,

…kann ich erstmals auf den Ötscher blicken.

Es weht ein unangenehmer kalter Wind. Zu meinem Glück weitet sich jetzt die Landschaft,…

…und ich erreiche die Herrenalm (1327 m). Dieses Gebäude soll bereits seit dem Mittelalter hier stehen. Allerdings bestimmt ohne…

…diesen, mit kühlen Getränken befüllten, Brunnen. Für solche Angebote (ich nehme sie gerne wahr) habe ich immer Münzgeld im Rucksack. Nur diesmal kommt mir die Rast zu früh. Wäre ich meine Tour in umgekehrter Richtung gewandert, hätte ich jetzt bestimmt nichts gegen eine Stärkung. Aber so bleibt alles im Trog und ich wandere weiter, zum…

…höher befindlichen…

…Leonhardikreuz (1406 m). Neben dem Kreuz streckt ein Wegweiser seine drei gelben Arme aus. Hier laufen die Wege aus dem Seebachtal (Obersee), dem Taglesgraben und dem Dürrenstein (1878 m) zusammen.

Nur noch fünfhundert Höhenmeter wären es jetzt auf den Dürrenstein (1878 m). Ein andermal. Ich habe für heute andere Pläne.

So richtig beginnt meine Überschreitung und „eine der eindrucksvollsten Bergtouren der Ybbstaler Alpen“ (Baumgartner/Tippelt) hier, mit dem ersten breiten Rücken, den ich überwandere.

Ich halte mich im Almgelände immer östlich nahe an den Abbrüchen.

Den Kleinreiserkogel (1393 m) überschreite ich. Wegspuren gibt es nur dann und wann.

Vermutlich hat ein Blitz dieser Fichte die Spitze gekappt, und wie eine Eidechse ihren bei Gefahr abgeworfenen Schwanz nachwachsen lässt, hat sich dieser Baum einfach einen neuen Wipfel wachsen lassen. So etwas habe ich auch noch nicht gesehen. Überhaupt gibt es viel zu entdecken.

Abschnittsweise sieht das Gelände wie eine Meteoriteneinschlagsschneise aus. Dolinenmulden durchlöchern den Almboden.

Zwanghaft neugierig blicke ich in fast jede von ihnen. Das dauert.

Und aus der Anordnung embryonaler Berge in der Wiese versuche ich Muster zu erkennen.

Wegspuren gibt es immer wieder, aber die verlieren sich auch wieder ganz schnell. Macht nichts, ich komme auch so gut zurecht. Bald schon befinde ich mich im Anstieg auf den Hochreiserkogel.

Kurz vorm Gipfel habe ich zwischen den Bäumen erstmals Ausblick auf die Luegmauer und den darüber befindlichen Bärenleitenkogel. Die neue Forststraße führt bis zur Durchlaßalm (1497 m) und ist noch nicht einmal auf der Google Satellitenkarte zu finden.

Auch den Dürrenstein (1878 m) habe ich jetzt im Blickfeld.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hochreiserkogel (1484 m).

Den Wind atmend mache ich hier eine kurze Rast. Es ist kälter, als es auf den Bildern ersichtlich ist. Vor mir kann ich schon den Bärenleitensattel erkennen und auch die neue Forststraße. Dabei wird mein Aufstieg an der Kehre rechts vorbei führen – auf sehr deutlichen Pfadspuren.

Ich bin noch niemanden begegnet und fühle mich regelrecht in der Landschaft versteckt. Dieses weitläufige Gebiet um den Dürrenstein hat seine ganz eigene Melancholie, die gewiss auch von seinen, für die kleine Besucherzahl zu umfangreichen Ausmaßen herrührt.

Einmal bereits war ich hier. Zweitausendfünf unternahm ich die Überschreitung mit meinem Vater in einer gekürzten Version. Wir sind nicht bis zur Herrenalm gewandert, sondern direkt die Steilwiesen zum Bärenleitensattel aufgestiegen. Weitere Erinnerungsbilder dieser Tour finden sich im Epilog.

Kurt Sonnleitner sen. im Bärenleitensattel (5. November 2005)

Alles an dieser Überschreitung schätze ich, aber den nun folgenden Aufstieg aus dem Bärenleitensattel mag ich besonders.

Am Rande zum bösen Graben führt ein steiles Steiglein mit prächtiger Aussicht hoch.

Immer felsiger wird der Pfad und nicht so einsam, wie zuvor gedacht.

Eine spärliche Zahl von Wanderern kommt mir entgegen, und am Bärenleitenkogel (1635 m) treffe ich sogar einen Buddha-Hund.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Bärenleitenkogel (1635 m) mit meditierendem, völlig relaxten Buddha-Hund. Ein Siddhartha unter den Hunden. Ich vermute, dass es ein alter Hund sein muss, so ganz begierdefrei am Gipfel. Aber nein, es ist noch ein ganz junger.

Dieser Gipfel hatte schon immer eine spirituelle Seite. Zweitausendfünf sah es hier noch so aus. Ein schamanistisch aufgehübschtes Kruzifix. Irgendwie kurios aber nicht verwunderlich. In der Philosophie muss ich mich entscheiden, für das eine oder für das andere. In Glaubensdingen ist es anders. Hier finden es viele Menschen praktisch, in mehreren Religionen beheimatet zu sein, auch wenn diese inhaltlich nicht ganz zusammengehen. Ein bisserl Buddhist, ein wenig katholisch, eine Prise Schamanismus und dazu umfassend esoterisch. Sicher ist sicher. Wer weiß, vielleicht wirkt das wie eine Mehrfachimpfung, denk‘ ich mir.

Zum Hund gehört ein junger Blindenmarkter. Wir plaudern ein wenig, und weil er nett ist, schenkt er mir einen kurzweiligen unmarkierten Tourentipp in der Gegend. Davon werde ich hoffentlich auch einmal berichten können.

Jetzt allerdings gilt meine Konzentration dem Weiterweg, denn ich will noch zu diesen beiden aufgestapelten Bergen aus Dachsteinkalkplatten.

Auf meinem Weiterweg lasse ich mich durch tief hängende Äste und von vielen querulierenden Pfadspuren (Wildwechsel) vom Rand der Steilhänge weglocken.

Dabei muss ich diese riesige Doline umwandern, um danach…

…wieder ansteigend, mit etwas Gefummel im Latschen- und Ästedickicht, zum Gipfel hochzuwandern. Da hätte es bestimmt bessere Wege gegeben.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Scheiblingstein (1622 m).

„Na, dir scheint es ja zu schmecken“ sage ich zu mir, als ich noch ein Gipfelfoto machen muss, worauf ich nicht in ausladender Pracht das Gipfelkreuz verdecke. Wenn man einmal eine Figur hat, um die man nur noch von den besonders Dicken beneidet wird, ist es an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. Am meisten bekümmert mich jedoch, dass meine Bergkompatibilität mittlerweile empfindlich gestört ist. Ich müsste schon 202 cm groß sein, um Normalgewicht zu haben – tatsächlich bringe ich 178 cm auf die Messlatte. Aber es ist ja nicht nur das, denn auch meine zweite, allerdings geheime Tätigkeit, leidet empfindlich darunter:

Darüber mache ich mir ein andermal Gedanken. Mittlerweile ist es regelrecht föhnstürmisch geworden, und mir ist kalt. Also richte ich meinen Blickstrahl auf mein letztes Ziel.

Das Gelände ändert seinen Charakter völlig. Es ist sehr zerklüftet, und nur die Trittspuren am hellen Fels helfen bei der Wegfindung. Nach einem vorsichtig gekletterten Abstieg habe ich die letzte Felsbarriere vor mir. Rechts hinab werde ich später absteigen.

Die Felsen ersteigen sich einfach, und durch einen in die Latschen geschnittenen Weg erreiche ich die Scheibe.

Dieser Berg wird wegen seiner wunderschönen Gestalt von vielen Wanderern begehrt und ist auch ohne markierten Weg viel besucht. Der weitaus größte Anteil an den Besteigungen fällt auf Einheimische. Gar nicht so oft verirren sich Auswärtige auf den Gipfel. Ob ich als Waidhofner schon zu den Auswärtigen zähle, kann ich jetzt auch nicht beantworten. Die Einen sagen so, die Anderen so.

Auf der Scheibe zerpflückt der Föhnwind die Wolken und mir die Frisur. Frierend und zerzaust bleibe ich nicht lange. Ich vergesse sogar, ein Foto vom Lunzer See zu machen. Jedoch das obligatorische und unverzichtbare Gipfelfoto vergesse ich nicht: Gipfelfoto Scheibe (1602 m).

Nach einem kurzen Blick zurück auf die überschrittenen Gipfel…

…steige ich wieder ab…

…und begebe mich auf den steilen, feuchten und extremst rutschigen Pfad in der Steilwiese zwischen den beiden Scheiben-Bergen.

Schritt für Schritt taste ich mich vorsichtig hinab.

Nach annähernd fünfzig Höhenmetern entspannt sich die steile Lage.

Ein letztes Geschenk macht mir diese Tour mit einem wunderschönen Waldabstieg. Im schienbeinhoch angehäuften trockenen Laub rascheln meine Schritte wie seidenes Geschenkpapier in ungeduldigen Kinderhänden. Es duftet wohlig, und es ist präabend still.

In diesem Laubgewühl droht mir der Wegverlust, wenn nicht weiße Steinmännchen immer wieder die Richtung retten.

Diesen Abschnitt sollte man noch bei ausreichender Helligkeit beschreiten, in der Dunkelheit ist er bestimmt nicht einfach zu finden. Dieser Pfad hat etwas von einer abgelegenen Gehirnregion. Selten benutzt verlauben beide.

Dass es sich bei dieser Tour um keine Wanderschnulze handelt, geht schon allein aus den Zahlen hervor. 1220 Höhenmeter und fast sechzehn Kilometer, vieles davon in unmarkiertem Gelände, fordern den Wanderer sehr wohl. Ein wenig Erfahrung in der Wegfindung schadet durchaus nicht.

Ich für meinen Teil kehre mit schweren Beinen, so richtig sattgewandert, heim. Und den verbleibenden Nationalfeiertag werde ich, nach einem heißen Bad, in meiner Lieblings-Lounge-Hose (Baumwolljogginghose) vor dem Fernseher, mit dem von meiner Frau und mir so geschätzten Gert Scobel, ausklingen lassen.

Im Anstieg ca. 1220 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 15,8 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Steffan/Tippelt (1977): Ybbstaler Alpen. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Hauleitner (2003): Ötscher, Mariazell, Türnitz, Traisentaler Berge. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baumgartner/Tippelt (1998): Wandererlebnis Ötscher, mit Natur & Schitourenführer. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.

Bernhard (1971): Gehen, Suhrkamp Verlag, Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

EPILOG

Am 9. November 2005 unternahm ich mit meinem zweiundsiebzigjährigen Vater diese Wanderung, leicht abgekürzt, bereits einmal. Die Forststraße im Taglesgraben war noch nicht vorhanden, und der Weg führte über einige wackelige Bretterbrücken.

Irgendwann wählten wir den direkten Aufstieg zum Bärenleitensattel.

Es war ein wunderwarmer, windloser Novembertag – und schneelos.

Obwohl mein Vater viele Berge in den Ybbstaler Alpen bereits bestiegen hatte, betrat auch er bei dieser Tour Neuland.

Der Bärenleitenkogel (1635 m).

Am Rostbraun der Bäume ist bereits das Vergehen des Herbstes ersichtlich.

Ein blaues Eckerl vom Lunzer See blitzt herauf. Ganz hinten ist der Prochenberg (1123 m) mit seinem Maisberg (942 m) Satelliten zu sehen.

Das Gipfelkreuz am Scheiblingstein sah 2005 noch so aus. Ob es bereits eine Gipfelbuchkassette gegeben hat, weiß ich nicht mehr.

Viele Berichte zur Überschreitung gab es damals noch nicht, und so war die Wegfindung, hinüber zur Scheibe, eine fordernde Angelegenheit.

Damals habe ich den Lunzer See nicht vergessen.

Mit Fünfzig-Prozent-FKK-Papa am Gipfel der Scheibe (1602 m).

Bereits im Abstieg, im Steilrasen unter den Gipfelfelsen, Blick zurück. Die Freude über diese Tour stand uns noch tagelang ins Gesicht geschrieben.

FIN


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.