Kampermauer (1394 m) und das gelegentlich Gefährliche beim Bergwandern

Hier berichte ich über das gelegentlich Gefährliche beim Bergwandern, welches von hinaufstürzenden, schuttrigen, ungesicherten Pfaden ausgeht und meine Antwort auf eine Frage, die mir meine Frau bei der morgendlichen Verabschiedung zum Glück nicht gestellt hat: „Ist deine Tour heute gefahrvoll?“ Meine Antwort hätte gelautet: „Ja schon, die heutige Tour ist ein wenig heikel, und ich weiß nicht, ob ich mutig genug bin, um bis zum Gipfel zu gelangen.“

Wieder steht ein herrlicher Vorsommertag in den Startlöchern, und ich mache mich endlich auf den Weg, eine schon oft geplante, aber immer wieder verschobene Tour zu wandern. Die Kampermauer am Hengstpass ist mein Ziel. Herrlich ist’s: Gil Evans & Sting im CD-Player (Little Wings: „Well she’s walking through the clouds…“), und durch das heruntergelassene Autofenster verwirbelt der Fahrtwind den Duft von frischgemähtem Heu um mich.

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Ich parke mein felswandgraues Auto knapp unterhalb des Hengstpassscheitelpunktes und wandere zuerest einen alten Ziehweg,…

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…danach auf der Forststraße zur Menaueralm auf 1125 m.

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Wie ein Knusper-Häuschen-Dampf-Boot ankert das alte Obdach in der algengrünen Grassee.

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Daran vorbei, steige ich die Forststraße (mich rechts haltend) bis zu diesem kuhzertretenen Schlag hoch. Ungefähr in der Mitte des Schlags, am rechten Waldrand, findet sich…

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…ein Zaunüberstieg, und ein unmarkierter Pfad nimmt seinen wuseligen Anfang.

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Schon bald lockt mich diese Tafel vom Weg ins namentlich benannte Ungewisse. Nur geringe Steigspuren leiten mich bis zum angekündigten Ausblickfelsen nah‘ einer Zirbe.

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Am wild gezackten Grat kann ich links der Bildmitte…

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…das Karlkreuz erkennen. Darunter den oberen Teil des abschüssigen Rumpelmayrsteigs, welcher von der Puglalm heraufzieht. Ich werde allerdings in Bälde über den Grat zum Kreuz gelangen.

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Ganz nahe scheinen die gegenüberliegenden Mitterberge zu sein.

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Ich wandere wieder zur Tafel zurück, am unmarkierten Weg weiter, bis ich an eine  Wegdreiteilung gelange. Eine Pfadspur zieht rechts hinab (wie ich jetzt weiß, zu einem ungesicherten Aufstieg aufs Karlkreuz), eine links weg (die umgeht die Schrofen), und die mittere Spur führt  hinein in die Felstürme – und die nehme ich. Wenig später komme ich zum ersten Felsaufschwung. Ich klammere mich an fest verankerte Eisenteile…

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…und gelange direkt über den gezackten Grat zum Karlkreuz. Proktologisch. Von hintenherwärts sozusagen.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Karlkreuz (1220 m).

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Die herrliche Kulissenwand der Hallermauern steht direkt vor mir. Dazwischen fällt noch der vor vor allem im Winter vielbesuchte Hochsur bzw. Schafkogel (1550 m) besonders ins Auge.

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Tief unter mir befindet sich das schmale Asphaltband der Hengstpassstraße. Wie Nabelschnüre zweigen Forststraßen ab und versorgen die Landschaft mit Bauern, Holzknechten und Wanderern. An der kürzersten Schnur hängt die Puglalm.

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Neben mir ragt ein dolomitiges Gebirg in die Höhe. Ob ich wirklich den unmarkierten Weg auf den Gipfel finden werde? Mir kommen bei diesem Anblick Zweifel. Jetzt könnte ich „little wings“ ganz gut vertragen. Erst im September 2016 hat sich ein riesiger Felsblock gelöst und zwei, zugegebenermaßen, sehr stimmig benannte Kletterrouten zerstört. „Russisches Roulette“ und „Kamikazeriss“ gibt es nicht mehr.

W. Heitzmann schreibt in seinem Führer: „Dem Schwarzkogel südl. vorgelagerte, aus Hauptdolomit und Plattenkalk aufgebaute Felsbastion mit einem Labyrinth von Zacken, Türmen, Rinnen und Schluchten (von denen die beiden Stallgrabenschluchten am wildesten sind!). Ein Hochgebirgsstock im „Miniaturformat“ (…) Wandhöhen bis zu 300 m, sehr brüchig (…). Herrliche Aussicht, prachtvoller Tiefblick.“

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Ich wander-klettere den Grat zurück,…

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…und es kommt mir jetzt leichter vor als beim Herkommen. Schwierig ist dieser gesicherte Grat nicht, aber schwindelfrei sollte man auf jeden Fall sein.

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Der Weiterweg führt hinter die gezackten Felsen, hinter die steinernen Kulissen. Über den Almwiesen der Menauer Alm, immer im Wald, gehe ich auf einem nur mittelprächtigen Steig weiter. Bis zum Gipfelaufstieg bleibt man den Felsschrofen fern.

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Die Abzweigung zum Kampermauergipfel wird nirgends angezeigt. Erst am gefühlten Ende der Felsschrofen sehe ich jemanden auf einem der hohen Zacken stehen. Im Zoom kann ich sogar die Gipfelbuchkassette erkennen – aber kein Gipfelkreuz.

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In die Schrofen hinein, hoch über diese Schlucht, führt der Schlussanstieg…

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…über garstige, schmale, ungesicherte…

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…Schotterbänder. Das ist jetzt technisch gar nicht schwierig, nur sehr unangenehm. Und wie berechtigt das Unwohlsein in diesem Bereich ist, zeigt ein trauriger Vorfall: Hier wird zwei Wochen nach meiner Besteigung ein tödliches Unglück passieren. Ein 61-jähriger Bergwanderer stürzt 150 Meter in die felsdurchsetzte Steilrinne, vor der ich mich gerade so fürchte. (OÖ-Nachrichten)

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Mehr erleichtert als obligatorisch und unverzichbar: Gipfelfoto Kampermauer (1394 m). Wie einen grünen Reliquienbehälter betrachte ich glücklich die Gipfelbuchkassette.

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Hier stand auch schon einmal ein Gipfelkreuz, das wurde offensichtlich entfernt. Der Gipfel ist lediglich von Himmel und Schluchten umgeben und selten besucht, das Gipfelbuch stammt aus dem Jahr 2004.

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Noch in den achtziger Jahren sollen Adler in den schrofigen, abgelegenen Abbrüchen gehorstet haben (Heitzmann W.).

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Der Blick auf meinen Weiterweg zum Schwarzkogel. Irgendwo im oberen linken Viertel des Bildes werde ich zum Kamm aufsteigen. Den Übergang zum Hieflerstutzen will ich dort oben aus der Nähe betrachten.

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Ich bleibe nicht lange auf der nur tischtennistischgroßen Gipfelfläche und mache mich völlig konzentriert und mit vorsichtig vorantastenden Füßen an den Abstieg. Sogar ein kleines Stoßgebet verrirrt sich auf meine Lippen.

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Auch der Abstieg ist technisch nicht schwierig, gefällt sich aber darin, keinen Fehler zu verzeihen. Hier kann stolpern töten. Es sind wenige Meter schottrige Unbarmherzigkeit bis zum lichtwaldigen Weiterweg.

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Dieser Weiterweg ist jetzt dafür ungefährlich und von den Blättern der Bäume weich gepolstert, ich könnte hundertmal straucheln, ohne mir dabei weh zu tun. Und ganz gegen Karl Valentis Devise: „mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut“ tue ich es auch – nur weil ich es endlich können darf.

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Ich wandere am vermutlich allerletzten Hintergebirgeschneefleckenpatzl vorbei,…

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…hoch über der Almwiese der Menaueralm. Hier gibt es einen Zaunüberstieg, und hierher könnte man auch ohne Felsberührung herwandern, um meinen Weiterweg über den Schwarzkogel zu gehen.

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Das Gelände steigt stark an. Der Weg weicht unzähligen bleichen Baumskeletten aus…

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…und führt auf den Kamm des Schwarzkogels.

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Kurz vor dem Erreichen des Kamms schwenke ich rechts weg. Ich will mir den Übergang zum Hieflerstutzen aus der Nähe ansehen.

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Vom östlichsten Punkt des Schwarzkogelkamms blicke ich auf den „Weg“ zum Hieflerstutzen. Da gilt es etwas abzusteigen und einige Steilschrofen zu umgehen. Das scheint mir aber machbar. Bereits weiter unten zu queren hat Helmut unternommen, in einem Bericht beschrieben – und davon abgeraten.

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Der Grat zum Gipfel des Hieflerstutzens schaut schon sehr interessant aus. Ich stopfe ihn in meine Gipfelvorratsdose. Wenn der Herbst, der Pyromane unter den Jahreszeiten, die Wälder im Hintergebirge flammengelb und blutrot niederbrennt, ist das ein lohnendes Ziel für mich.

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Ich steige zum Kamm und staune wieder einmal über die malerische Mächtigkeit der Haller Mauern.

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Gemachsamer geht es am Kamm weiter.

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Hoch über ausgeleuchteten Waldtälern und Aug‘ in Aug‘ mit felsdurchsetzten Waldbergen erreiche ich den höchsten Punkt des heutigen Tages und immerhin zweithöchsten des Reichraminger Hintergebirges. Nur der Doppelgipfel des Größtenbergs (1724 m) ist höher.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Schwarzkogel (1554m).

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Nördlich vom Gipfel fällt der Grünplangraben steil in den Holzgraben hinab. Weiter westlich schließen sich der Staudenplangraben und Glegplangraben nicht weniger steil an.

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Nochmals der Blick zum Hieflerstutzen.

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Auf der gegenüberliegenden Seite habe ich im November 2012 einen lichtkurzen Tag mit der Überschreitung vom Quenkogel (1254 m) über die Trompetenmauer, den Wasserklotz (1505) m bis zum Astein (1419 m) verbracht.

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Dem immer so leicht daherkältelnden Wind weiche ich auf einen kleinen Wiesenflecken, gleich südlich neben dem Gipfel aus. In meiner, den alten Römern abgeschauten, ausgezeichneten Jausenhaltung, an der nichts zu verbessern ist, verbringe ich eine lange Gipfelruhung.

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Auch wenn es gut tut, zumindest für Stunden nicht zu wissen, was andernorts geschieht, muss ich diesen Zustand doch seinem unausweichlichen Ende zuführen.

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Schon bald nach dem Schwarzenstein erreiche ich den Wintergipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Tannschwärze (1533 m).

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Auf wackeligen Skiern stand ich vor 14 Jahren zum ersten Mal auf diesem Gipfel, der im Grunde seines Seins einsam ist – nur an schönen Wintertagen nicht.

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Berge betrachtet man am besten von einem hochgelegenen Punkt.

Die Fotomotive ähneln sich zu allen Jahreszeiten: Hallermauern und der Hochsur bzw. Schafkogel (1550 m) im Sommer…

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…und Hallermauern und der Hochsur bzw. Schafkogel (1550 m) im Winter.

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Ich bleibe nicht lange am Gipfel und steige zum Spitzenbergriedel ab. Hier führt auch…

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…die Skitouren- und Schneeschuhroute auf den Berg.

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Ich wandere an der Abzweigung zum Hengstpass vorbei…

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…und besuche noch den Spitzenberg (1285 m).

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Der unscheinbare Berg neben mir ist der Zeitschenberg (1433 m). Der hat mir mit seinen winterlichen Mirabilien eine märchenhafte Skitour bereitet. Er ist auch mit Schneeschuhen gut zu gehen – und das möchte ich wirklich empfehlen.

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Ich steige gleich direkt über eine Wiese und steiles Waldgelände zu dieser Forststraße…

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…und von dieser Forststraße wiederum durch Wald zur Spitzenbergeralm ab.

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Hier bietet sich mir ein grandioses Schauspiel. Kuhurlauber treten ihre Sommerfrische auf der Alm an. Sie stürmen aus ihren Bussen und überschlagen sich fast im paradiesischen Grün, und manche…

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…hüpfen und springen nach einer unbekannten Melodie. Andere (vermutlich die, die Almpremiere haben) bleiben wie angewurzelt staunend stehen und wissen offensichtlich gar nicht, wie ihnen geschieht.

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Ich bleibe noch ein Zeiterl auf der Alm sitzen und höre dabei zu, wie jede einzelne Kuh in ihren Eigenheiten, dem Halter „vorgestellt“ wird.

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Die meisten Kühe kennt er allerdings schon, und an jedes einzelne Individuum kann er sich mit allen seinen Besonderheiten erinnern. Diesmal ist eine Integrationskuh dabei – auf die muss er sein besonderes Augenmerk richten. Diese Kuh hat es nicht so mit Herde und kuhsozialer Interaktion und steht von Beginn an abseits. Vielleicht will sie auch einfach nicht angebaggert werden.

Anmache

© Gary Larson.

Was für Isabelle Eberhardt in „Sandmeere“ gilt, gilt auch heute für mich:

„Mit tiefer Ruhe im Geist und mit Augen ohne Härte kehre ich zu meinem Auto zurück. Die nächsten Tage werde ich mein Leben in ruhigen Zügen atmen können.“

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Im Anstieg ca. 745 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 9,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.3    © 2007 Christian Dellwo

Die OÖ Nachrichten zum tödlichen Absturz. (abgerufen am 29.6.2017)

Helmut Seiringer und sein Besuch bei der Kampermauer. (abgerufen am 29.6.2017)

Helmut Seiringer und sein Besuch des Hieflerstutzens. (abgerufen am 29.6.2017)

CoverHeitzmannReichramingerHintergebirge

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

CoverSieghartsleitnerWandernrundumdenNationalparkKalkalpen

Sieghartsleitner(2000): Wandern rund um den Nationalpark Kalkalpen. 45 sorgfältig ausgewählte Familienwanderungen. Ennsthaler Verlag, Steyr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

CoverHeitzmannHarantOberösterreichischeVoralpen OEAVFührer

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

EberhardSandmeereBd2ImSchattendes Islam

Isabelle Eberhardt (1981): Sandmeere „Im heissen schatten des Islam“. Verlag März bei Zweitausendeins.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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