Schitour Edelfeld (2308 m)

Die Raumfahrt nennt es ISS, und es handelt sich dabei um eine ständig bewohnte Raumstation in der Umlaufbahn der Erde.  Für mich ist der Schallerwirt  an der Tauernsüdseite im Krakautal auch so ein Ausgangspunkt für meine Missionen in den Weiten der Niederen Tauern.

Wie bereits vor zwei Jahren, nächtigen wir wieder in einem herrlichen Lärchenholz- Appartment beim Schallerwirten. Hoch über uns schwebt wie ein weißer Mond der Preber (2740 m). Gehe ich vor die Tür, kann ich ebenso zur Tockneralm (2357 m) blicken. Sie wäre unser erstes Ziel gewesen, aber der Schneemangel verlangt bereits 400 Höhenmeter Schitragen. Darum verjahreszeiten wir diese Tour in einen anderen Winter.

Es riecht schon ganz anders. Das ist keine Allerweltsmorgenluft wie sonst, wenn ich zur Arbeit muss. Diese Krakauer Morgenluft lockt, verspricht und will tief eingeatmet werden.

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Josef, der Schallerwirt, hat uns informiert, dass der Schranken zum Etrachsee für dieses Wochenende geöffnet wird und somit Touren ausgehend vom See (1368 m) möglich sind. Im Frühjahr wird die Zufahrt oftmals gesperrt, da die Schneeschmelze die Straße aufweicht und schwere Fahrzeuge diese dann beschädigen. Wir haben uns für einen Besuch des Edelfelds entschieden, die Tafel hilft uns dabei nicht wirklich.

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Christoph und Angelika reisen in diesen Morgenstunden von Wien an. Wir treffen Sie in der Nähe der Ulrichskirche an der Seezufahrt. Ich kann Angelika ansehen, dass sie noch die körperwarme Tuchent vermisst und sich wieder einmal die Frage stellt, wie  jeder Schitourengeher nach einer kurzen Nacht und langen Autofahrt: Warum tue ich mir das an? Brauche ich das wirklich um glücklich zu sein? Diese Aufzählung lässt sich wirklich endlos fortsetzten, ich weiß aber nicht, ob das Internet dafür groß genug ist, und darum lasse ich es bleiben.

Aber dieser wunderschöne Ausgangspunkt legt mit seinem See und dem darin sich spiegelnden Dürrenberg (2241 m) sogleich ein tut-gar-nicht-mehr-so-weh-Pflaster über Angelikas Wunden der kurzen Nacht. Fast unglaublich mutet an, dass dieser See kraft Urväterwillens vor vierhundert Jahren als Hochwasserschutz für das Krakautal künstlich angelegt wurde.

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Wir Glücklichen, nur einen halben Kilometer müssen wir unsere Schi tragen. Es ist ein sehr warmer Morgen, der Schnee ist feucht.

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Irgendwo in die Nähe dieser durchzackten Landschaft wollen wir hin. Das passiert mir oft, dass ich beim Weggehen nicht auf das Ziel zeigen kann. Ein erster einheimischer Tourengeher kommt uns schon entgegen. Prächtige Verhältnisse meldet er. So kann Geburtsrecht auch aussehen, denke ich mir noch.

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Diesen Winter habe ich meine Schi viel zu wenig gebraucht, und darum sind sie ganz hungrig nach Bewegung.

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Immer auf der Forststraße, an der Spreitzerhütte und der Moarhütte vorbei, geht es in einer wirklich sanften Steigung in den Talschluss. Hier ist die Abzweigung zur Grafenalm und Rudolf-Schober Hütte (1667 m).

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Wir erreichen die Schöttelhütte und achten bereits auf eventuell vorhandene Aufstiegsspuren. Der Anstieg soll an der Oberen Schöttelhütte und dem Grübelsee,  westlich vorbei führen.

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Abfahrtsspuren finden sich, Aufstiegsspuren nicht, und so beschließen wir an dieser Kehre die Forststraße zu verlassen. Zuvor verklebe ich meine linke Ferse noch vorsorglich, die ist nämlich eine Mimose und sehr empfindlich. Dieses Prinzesschen braucht einige Schitouren, um ausreichend dickhäutig zu werden.

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Wir steigen einen hellen Lärchenwald in bestem Schitourengelände hoch, und an dessen höchsten Punkt…

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…tut sich das weite Gelände der Hubenbaueralm vor unseren Augen auf.

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Der mächtige Rücken mit Tockneralm (2357 m), Karlhöhe, Hemmerfeldeck (2443 m) und Grüneck.

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Im Hintergrund die lange Schneide vom Feldkögerl (2203 m), Feldeck (2480 m), Brennerfeldeck (2507 m), Arfeld (2491 m), Rupprechtseck (2591 m) und Dachleiteck (2463 m) .

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Wir weichen von der üblichen Route ab und werden unser Glück über die Westflanke versuchen. An schnee- und windreichen Tagen nicht empfehlenswert (lahnig), aber heute gut möglich.

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Der Blick ins Tal hinaus, ganz links ist mit dem Gstoder (2140 m) bereits unser morgiges Ziel auszumachen.

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Bevor es jetzt wirklich steiler wird, versichert sich unsere Gruppe (wie Primaten es gerne tun) gegenseitig ihre Zuneigung und Loyalität. Dies braucht es, damit im Falle einer Lawine auch alle schnell graben und nicht einer nur halbherzig Schnee schnaufelt. Oder gar noch welchen darauf häuft, weil er gerade böse auf den Verschütteten ist. Christoph dürfte bei Angelika Nachholbedarf haben, und sein werbender Blick soll das unter anderen Umständen viel vorteilhaftere Lausen ersetzen.

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Wir ziehen über das tief verschneite Almgelände der Hubenbauernalm. Die Einladung zum Slalom müssen wir leider ablehnen.

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Noch gehen wir exakt am Sommerweg auf das breite Hubenbauerntörl (2051 m) zu (Bildmitte).

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In etwa auf Höhe dieses steinernen Hirtenunterstandes steigen wir die Westseite des Edelfelds hoch.

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Die Rinne neben uns lassen wir unberührt. Eingeweht und mit reichlich Schnee gefüllt, will sie uns locken, aber noch widerstehen wir. Zwar schätzen wir die Steilheit des Hanges „nur“ auf 30°, aber trotzdem sind wir vorsichtig.

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Meine Kamera besitzt offensichtlich auch eine Wegzoomfunktion. Oder ist der Hang wirklich so endlos weit und Reinhard so schnell? Wie ein Schneesatellit zieht er ober unseren Köpfen seine Bahn. Dort wo es blau wird, hört er hoffentlich auf.

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Auch Christoph wird von der Majestät des blauen Himmels magisch angezogen.

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Am Tauernhauptkamm ist alles ein wenig größer und ernster. Und obwohl wir uns schon fast auf 2250 Meter bewegen, werden wir rundum überragt.

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Reinhard in satellitenungewohnter Ruheposition, er wird doch nicht das Ende seiner Anstrengungen gefunden haben – den Gipfel? Hat er doch! Und in seiner freundlich angelegten Spur erreiche auch ich das Edelfeld.

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Auf festem Grund, nicht auf einer Schneewechte, obligatorisch, unverzichtbar und windsekkiert: Gipfelfoto Edelfeld (2308 m).

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Christoph kommt ebenfalls auf einen kurzen Gipfelstopp vorbei und zieht gleich zur unbenannten Erhebung östlich weiter.

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Auf diesen Punkt, in der Karte mit 2235 m verzeichnet, will Christoph noch. Ob das links im Bild der Flederweißspitz (2386 m) ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Rechts davon sind das Dachleiteck oder Haarlocken (2463 m) und das Rupprechtseck (2591 m) zu sehen.

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Vom Gipfel überblicken wir das Kleine Sölktal (Untertal). Rechts im Bild ist das weißmächtige Gjoadeck (2525 m) zu erkennen. Davor die niedrigere Zeile mit den Ohrenecken. Vorderes Ohreneck (2154 m), Schoberspitze (2217 m) und Hinteres Ohreneck (2290 m).

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Windschnurspitze (2451 m), Predigtstuhl (2543 m) und Seekarspitze (2500 m)

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Angelika genießt und lässt sich Zeit. Da uns der Wind am Gipfel einen längeren Aufenthalt verleidet, fahren Reinhard und ich Angelika entgegen. Diese ist wohlgemut, sie will Christoph folgen – und tut es auch.

Eingezwängt zwischen dem Gamsleiteck (2489 m) und Kircheleck (2414 m) sind die Zacken der Siebenkircheln gut zu sehen.

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Tockneralm (2357 m), Hemmerfeldeck (2443 m) und Gamsleiteck (2489 m)

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Reinhard und ich wählen die passive Abfahrtsvariante. Wir schwingen am Aufstiegsrücken neben der schneebefüllten Rinne wieder zum Almboden zurück. Christoph und Angelika schätzen die Rinne anders ein und jubeln mit großem Abstand nacheinander im feinen Schnee hinab.

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An der neuen Jagdhütte auf der Alm kommt es zu einer beachtlichen  Interessensfusion. Rastbedürfnis, Hunger, Durst  und Wärmewunsch finden hier punktgenau ihre Erfüllung. Wie bunte Käfer auf einer Baumrinde tanken wir Vitamin D in großen Mengen.

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Noch immer sitzen wir wie Insekten in der Sonne, dabei werden wir von zwei Tourengeherinnen in „unserer“ Anstiegsspur angesprochen. Die beiden waren Stunden zuvor auf der gegenüberliegenden Seite in Richtung Hikarscharte unterwegs. Sie haben uns beobachtet und wollen jetzt als Zugabe auch noch aufs Edelfeld – konditionsstarke Streberinnen, denke ich mir noch neidvoll.

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Von unserem Rastplatz kann ich sogar ein paar unserer Abfahrtszöpfe heranzoomen.

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Die wenigen Wolken malen mit ihren Schattenpinseln milde Konturen in die hügelige Schneelandschaft.

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Auch dieses Sonnenbad muss einmal enden. Nahe unserer Aufstiegsspur setzten wir unseren Abstieg fort.

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Ein gutes Stück bleiben wir nahe am Aufstiegsweg. Danach queren wir den Etrachbach…

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…und weiter geht es gemütlich durch lichten Wald.

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Danach solange auf einer Forststraße (leichter Gegenanstieg), bis der Schnee endgültig aufgegeben hat.

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Auf diesem Bild kann man sogar unsere Abfahrtsspuren auf dem weißen Rücken rechts der Bildmitte erkennen.

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Der Schatten hat den Etrachsee vor uns erreicht. Mit großem Behagen und verflogener alter Müdigkeit freuen wir uns schon auf die neuerliche Ermattung in der warmen Gaststube bei einem guten Essen. Zu den schwierigen Angelegenheiten dieser Tour gehört die richtige Kleidungswahl: Von schweißtreibenden Aufstiegsstunden zu gipfelkalten, windgequälten Gipfelminuten, bis zu den badehosentauglichen tropischen Temperaturen auf der Hubenbaueralm war heute alles dabei.

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Natürlich geht es beim Schallerwirten an einem Samstag Abend nicht ohne Musik ab. David, der auch das Jazzpiano studierende Neffe, knöpfelt uns auf seiner Harmonika eine Take-Five-Version, dass es nur so in unseren Ohren wurbelt und applaudiert. Mit Kennermine meine ich „Ah, Dave Brubeck – fein, fein“ und schon deckt mich Reinhard mit meinem Fünftelwissen (nicht einmal zum Halbwissen reicht es) auf, denn der Saxophonist Paul Desmond ist der Kompositeur. Aber das tut dem schönen Abend nichts (ich bin es ja gewohnt), und bis zur Bettruhe klopfen meine Gehörknöchelchen im 5/4 -Takt.

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Im Anstieg ca. 985 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 13,8 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

Auferbauer (2004): Schitourenparadies Steiermark. Verlag Styria Pichler, Graz.

Buchenauer (1987): Höhenwege in den Niederen Tauern. Verlag Bruckmann, München.

Buchenauer(1975): Verliebt in die Heimat. Leykam Verlag, Graz.

Frischenschlager  et al. (1994): Oberes Murtal Von Predlitz bis Bruck. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Hödl (1998): Vom Dachstein ins Weinland: Neue prachtvolle Touren am Dachstein, in den Tauern und zu den hohen Almen. Verlag Styria, Graz.

Holl (1972): Schladminger und Radstädter Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Zeller (2010): BergErleben Bd. 3, Wölzer Tauern, Rottenmanner Tauern, Schladminger Tauern. Verlag Gertraud Reisinger, Spielberg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Epilog

Weil ich S/W Bilder so schön finde, gibt es noch eine ganz und gar nicht farblose Zugabe:

Blick vom Edelfeld zu Gamsleiteck (2489 m), Siebenkircheln und Kircheleck (2414 m).

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Blick vom Edelfeld zu Predigtstuhl (2543 m).

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Blick zum Flederweißspitz (2386 m).

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Die Ostseite des Kleinen Sölktales mit dem Gjoadeck (2525 m).

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FIN


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.