Sengsengebirge zweiter Tag

Alle haben wir gut geschlafen. Das vom Föhnsturm verursachte Biwak-Schüttelintermezzo wurde von meinen Mitschläfern gar nicht bemerkt. Wir haben offenbar so gut geschlafen, dass wir uns sogar sputen müssen, um den Sonnenaufgang um 7 Uhr nicht zu versäumen. Ich habe schon mit Wolken und was weiß ich noch gerechnet, aber das Wetter zeigt sich gnädig und mild. Wolkenloser, rot eingefasster, dunkelblauer Himmel über weißen Nebelbächen lässt mich freudig aufatmen. 

Georg und Christoph haben es eilig, auch Claudia will keine Zeit verlieren. Da es auf dem engen Raum unmöglich ist, zu viert zeitgleich minimale Morgengenhygiene zu betreiben, den Rucksack zu packen und die Schuhe anzuziehen, klinke ich mich aus und zelebriere mein oftmals hilfreiches Lebenscredo: Gemach, gemach.

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Ich streife ums Biwak und mache noch Fotos vom anbrechenden Tag. Es ist sehr warm, und nicht einmal eine Jacke benötige ich. Unten im Tal ist es bestimmt kälter.

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Nach dem sich die Drei verabschiedet haben, mache ich mich ebenfalls wanderfertig. Mit einem letzten prüfenden Blick verlasse ich das Uwe-Anderle-Biwak. Ich habe doch einiges Gewicht aus dem Rucksack herausgegessen und weggetrunken, und trotzdem kommt mir mein Rucksack nicht viel leichter als gestern vor. Aber heute sind viel weniger Höhenmeter zu absolvieren, und zusätzlich hoffe ich auf den Gewöhnungseffekt. (Die Selbsttäuschung ist mir schon bewusst: Gewöhnungseffekt ist eine dummoptimistische Annahme mit gleichzeitiger Ignoranz der gestrigen Höhenmeter in den Beinen). Aber was soll’s.

Nicht weit vom Biwak, am Fuße des Gamskogel, erreiche ich die „Luckete Mauer“. Die weißen Nebelflüsse im Tal strömen noch.

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Gleich bei der Lucketen Mauer mündet der unmarkierte Steig von der Kogleralm ein. Das ist der kürzeste Zustieg zum Biwak, zum Hochsengs und zum Gamskogel.

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Obwohl ich noch nie hier gewesen bin, empfängt mich vertrautes Gelände. Zumindest der Anstieg zum Gamskogel funktioniert ähnlich wie der Weg bis zur Biwakschachtel. Felsige Passagen wechseln sich mit mannshohen Latschengassen ab. Über Wurzelwerk und Steine, an kleinen Lärchen vorbei, zieht der Steig hoch.

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Der Hochsengs und das Uwe-Anderle-Biwak in der Rückschau.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Gamskogel (1710 m) Westgipfel und zur Sicherheit…

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…Gipfelfoto: Gamskogel (1710 m) Ostgipfel. In alten Beschreibungen wird der Gamskogel auch Schafkogel genannt.

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Ich fühle mich von dieser Waldlandschaft beschützt. Immer wieder bleibe ich stehen und staune über ihre Weitläufigkeit. Ein Gefühl der luftigen Ausgesetztheit kommt durch die Latschen und den Wald erst gar nicht auf.

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Leere, Stille, unbehauste Welt.

Zumindest am Beginn des Tages haben meine Schuhe und der Weg Freundschaft geschlossen. Abwechslungsreich führt der Steig oft nahe an die Nordabbrüche heran.

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Immer wieder leitet er über kurze, felsige Passagen bis zur…

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…schmalsten Stelle am ganzen Grat. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Überhaupt ist für meine unwilde Existenz diese Überschreitung eine belebende Abenteuerinfusion.

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Diese grüne, milde, stille Wildnis trifft bei manchem Zeitgenossen auf Unverständnis. Fad und eintönig wird sie beschrieben. Welch ein Irrtum. Es gibt sie, die großen spektakulären Felsgestalten, wie das Kaisergebirge zum Beispiel. Das Kaisergebirge ist für mich der Songcontest im Konzert der Berge. Etwas zu laut, zu schrill, zu grell, überinstrumentalisiert und viel zu viele Menschen. Dagegen gleicht das Sengsengebirge einem in einer schmalen Seitenstraße versteckten Jazzclub. Wunderbare Musik in kleiner Besetzung mit echten Liebhabern im Publikum.

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Wieder kann ich ein Mosaiksteinchen meiner Größtenberg-Gipfelsammlung hinzufügen. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Rohrauer Größtenberg (1810 m).

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Blick zurück zu Gamskogel und Hochsengs. Sogar das Schillereck blinzelt noch hervor.

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Vor mir liegen jetzt einige Meter im Abstieg, bevor ich die finalen Höhenmeter zum Nockplateau hochsteigen kann. Südlich und nördlich von mir, aber vor allem in östlicher Gehrichtung, breitet sich der Nationalpark aus und wird im Hintergebirge zu den Waldalpen. Es ließe sich keine zutreffendere Bezeichnung finden.

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Über dem Einschnitt des Rottales (links) die bewaldete Vorhut des Größtenberges: der Brettstein (1437 m).

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Abstieg in den Rottalsattel über einen Schotterhang. Bei Nebel wird in solchen Abschnitten die Orientierung im Sengsengebirge sehr schwierig. Dazu kommt noch, dass das Gebirge im Nordstau der Alpen liegt und somit ein Wetterfänger und sehr niederschlagsreich ist. „Auch wenn die Gipfelhöhen knapp unter 2000 m bleiben, zeigt das Sengsengebirge durch sein raues Klima hochalpinen Charakter“ (Heitzmann, 1985).

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Erst im Rückblick werden die abgestiegenen Höhenmeter so richtig ersichtlich. Die Rückschau zeigt aber nur den Vorgipfel des Größtenberges.

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Echt spannend ist die Wegführung ab dem Rottalsattel. Pfadspuren verlieren sich, und ohne Markierung (in diesem Bereich spärlich) oder im Nebel, ist man schnell orientierungslos.

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Jetzt ist es doch passiert. Die Vorboten der Wetterverschlechterung sind für mich zwei Stunden zu früh eingetroffen. Der Aufstieg zum Schneeberg führt mich bereits in immer dichteren Nebel. Ich achte nun besonders auf die Wegführung und die jeweils nächste Markierung. Vierhundert Höhenmeter trennen mich jetzt noch vom höchsten Punkt der Überschreitung.

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Meine Sichtweite nimmt immer mehr ab. Ich weiß nicht, wie er das macht, aber der Wind weht durch den Nebel hindurch. Die Luft ist nassgrau und fühlt sich schwer an. Ich glaube, dass für unerfahrene Wanderer die Situation sich jetzt schon sehr bedrohlich anfühlen würde.

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Noch dazu gleicht jetzt die Wegführung einem labyrinthartigen Zickzackkurs. Da ich nichts erkennen kann, fühle ich mich bereits im Kreis gehend. Aber ich vertraue „blind“ dem markierten Weg, und das ist gut so, denn immer wieder komme ich an steilen Abbrüchen vorbei.

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Meine Bergneugier verliert sich am Gipfelplateau vollends. Gar nichts kann ich rundum erkennen. Dabei habe ich mich auf den Blick ins Hintergebirge, auf viele bereits von mir besuchte Berge, schon sehr gefreut. Dazu kommt noch die Inkontinenz des wassersatten Nebels. Ich bin mittlerweile pitschnass.

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Zumindest ein Foto ist obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hoher Nock (1963 m).

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Ich verschiebe meine schon längst überfällige Rast und mache mich auf die Suche nach dem  Abstiegsweg. Ich schreite das Plateau ab und hoffe eine Tafel oder Markierung zu finden. Nichts davon kann ich im Nebel erkennen. Mit GPS-Unterstützung finde ich dann doch Spuren am Plateaurand. Über eine Steilstufe führen sie hinab. Ob es der Weg ist oder nur ein Wildwechsel, weiß ich die ersten Meter nicht. Dann atme ich durch – ich bin richtig. Den felsigen Aufbau lasse ich schnell hinter mir, um mich etwas später, von feuchten Latschen geschützt, zu stärken.

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Eigentlich wollte ich die Gamsplan (1902 m) besuchen, aber in diesem Nebel finde ich es nicht klug, den markierten Steig zu verlassen. Von Schrofenpassagen und Schuttfeldern sowie begrasten Steilflächen (Senft, 1999) ist nichts zu erkennen. Somit erreiche ich ohne auch nur drei Meter weit gesehen zu haben, den unteren Rand der Nebelgrenze und das Merkensteinbründl.

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Die Abzweigung zur Koppenalm versäume ich ebenso. Damit bleibt der Hagler (1669 m) von mir unbesucht.

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Aber für Schönheiten bin ich immer empfänglich. In diesem Fall ist es der ehemalige Jagd-Reit-Steig durch den Budergraben. Der ist wunderschön angelegt…

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…und hätte ich Depp vor Sorge um den Handyempfang weiter unten nicht schon beim Brunnen das Taxi gerufen, könnte ich den Abstieg genießen, denn das Wetter hält offenbar noch länger aus.

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Aber so sause ich im Laufschritt, ohne viel Aufmerksamkeit für die Einzigartigkeit des Weges zu haben,…

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…durch diesen wundervollen Hochwald in Serpentinen bergab.

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Bei dieser Querung bin ich trotz meiner Eile schon über der vereinbarten Abholzeit. Jetzt kann ich nur hoffen, dass das Taxi auf mich wartet.

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Das Taxi ist noch da. Ich schnaufe gehörig durch, und weil ich den Fahrer nicht noch weiter warten lassen will, mache ich keine Fotos mehr. Ich nehme mir gerade noch Zeit, die Daten im Höhenmesser und GPS abzuspeichern, bevor wir losfahren. Der Taxifahrer erweist sich als Cineast und Independent-Musik-Liebhaber. Er erzählt begeistert von besuchten Konzerten und gesehenen Filmen. Somit ist meine Fahrt zurück zum Stausee sehr informativ und kurzweilig. Ich freue mich über die sehr sympathische Gesellschaft und die damit einladende Rückkehr in die oberösterreichische Zivilisation.

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Viele Vorhaben werden mich noch zum Sengsengebirge oder zumindest an seinen Fuß führen. Besonders freue ich mich auf den Besuch der Feichtauseen und Seehaglmauer (1809 m). Der gestern so wehrhafte Spering (1605 m) wartet ebenso auf mich. Den zweithöchsten Gipfel, nämlich die Gamsplan (1902 m) und auch den Hagler (1669 m), will ich ebenso besteigen, wie die Ostseite des Gebirges mit Mayrwipfel (1736 m) und Brandleck (1725 m). Wie ich andernorts schon angemerkt habe, kommen mit jedem  bestiegenen Berg neue Gipfelwünsche auf. Statt sich zu leeren, füllt sich meine Gipfelvorratsdose immer mehr.

ProfilzweiterSengsenbeschriftet

Im Anstieg ca. 585 Hm – im Abstieg ca. 1930 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 13,2 km.

Der Vortag.

Senf dazu? Sehr gerne

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Zusammenfassung:

1. Tag:     Im Anstieg ca. 1690 Hm – im Abstieg ca. 585 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 13,6 km.

2. Tag:    Im Anstieg ca. 945 Hm – im Abstieg ca. 1930 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 13,2 km.

Gesamt:  Im Anstieg ca. 2635 Hm –  im Abstieg ca. 2515 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 26,8 km.

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Information zur Überschreitung des Alpenvereins OÖ.

Auferbauer (2003): Bergtourenparadies Österreich. Verlag Styria, Graz.

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Heitzmann, Harant (1984): Reichraminger Hintergebirge, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

Hochhauser (2008): Oberösterreichische Almen 78 traumhafte Alm- u. Hüttenwanderungen. Verlag Styria, Graz.

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Loderbauer/Luckeneder (2012): Wandern & Bergsteigen Oberösterreich. Kral Verlag, Berndorf.

Neuweg/Peham (2004): Schutzhütten Touren, Wanderwege, Geschichte. Verlag Ennsthaler, Steyr.

Radinger (2009): Wandererlebnis Kalkalpen mit Haller Mauern. Residenz Verlag, St. Pölten.

Senft (1999): Wandern entlang von Enns und Steyr. Verlag Leopold Stocker, Graz.

Sieghartsleitner (2009): Der Nationalpark Kalkalpen Weitwanderweg. Ennsthaler Verlag, Steyr.

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Sengsengebirge (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.