Auf den meist besuchten von den selten besuchten Bergen: Hagler (1669 m) im Herbst

Farbüberflutete Bilder von buntbelaubten, grellfarbigen Sträuchern und Bäumen dominieren im Moment jede mögliche Seite im Internet. Eine gelb-orange-rote Flutwelle überschwemmt die sozialen Medien, wie noch nie zuvor. Wie hätte dieser windarme Herbst vor vielen Jahren ausgesehen, als es noch keine Digitalfotografie gab und selbst Farbbilder nur „Experten“ vorbehalten blieben?

Ein Ilford S/W Film in einer Voigtländer Kamera war die Antwort meines Vaters auf die Herausforderung zur Herstellung von Erinnerungskonserven.

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Mit jener Kamera wurde auch das Foto dieser geheimnisvollen, androgynen Schönheit gemacht. Es ist niemand anderes als der sehr junge Monsieur Peter auf der Wiese vorm Elternhaus. Wie auch heute noch, trotzt er bereits damals figürlich dem sportiven Magerwahn, und auch seine Frisur taugte allemal zum wilden Klassiker.

Mit den ersten Bildern in diesem Blogeintrag will ich gegen den Strom der bunten Bilderflut schwimmen und eine kurze Zeitreise vortäuschen. In eine Welt, die auf den Bildern zwar farbarm scheint, aber niemals erinnerungsarm ist.

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Wir wollen über den Südgrat den Hagler (1669 m) im Sengsengebirge auf unmarkierten Steigen besuchen. Dazu haben wir uns noch den Tag nach dem Feiertag frei genommen. Wir parken unser Auto am großen Parkplatz im Rettenbachgraben.

Glasklar ist der Rettenbach, und nur wer genau hinschaut, sieht nicht nur die Steine, sondern auch den Bach.

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Wir wandern ca. 800 m auf der Forststraße zurück bis zum einmündenden Forstweg auf den Rießriegl.

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Diese Straße gehen wir nur so lange (wenige Meter), bis ein gut sichtbarer Steig rechts zu erkennen ist. Den wandern wir…

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…weiter hoch. Der Steig ist offensichtlich viel begangen und um einen ganzen Kilometer kürzer, als der Weg über die Forststraße. Er führt an Strommasten, die wie Gipfelkreuze aussehen und an…

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…feinen Häkelgeflechten, die am Boden im Morgenlicht glänzen, in milder Steigung vorbei.

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Wir gelangen auf den wunderbaren Wiesen vom Rießriegl…

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…zu diesem Stadel mit reservierter Aussicht und geschnitzten Wurzelgeistern an der Wand.

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Die Waldberge stehen in farblichem Vollbrand, und nur das darüber aufragende Warscheneck begnügt sich mit Grau- und Weißtönen. Es ist windstill und warm. Sehr warm.

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Meine übermütigen: „Ausziehen! Ausziehen!“ Rufe bereue ich sogleich, und zu meinem Glück befolgt sie Reinhard nur halb.

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Beim Bauernhaus angelangt, können wir den Gipfel, den Südgrat und das Abrißtal überblicken.

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Mit dem folgenden Foto gebe ich die farblose Vergangenheitsbeschwörung auf und erliege der uralten Feuerfaszination der Menschen: Den Bäumen beim Verbrennen zuzusehen, schlägt jeden in seinen Bann, und nicht nur der Wald ist in den nun folgenden Bildern…

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…Feuer und Flamme.

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Durchs Abrißtal steigen wir auf fast nicht vorhandenen Wegspuren hoch.

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Diese geringen Spuren verlieren sich im oberen Drittel, und weglos wandern wir die letzten Meter durchs anschließende Waldstück bis zur…

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…sackgassigen Forststraße. Die endet nämlich dort in den südlichen Abbrüchen. Abkürzer ist das Abrißtal nur metermäßig, zeitlich bringt das keinen Vorteil, man kann ruhig die Forststraße hoch wandern. Hier beginnt ein gut sichtbarer, von Steinmännchen begleiteter, Steig.

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In vielen Kehren führt der Steig durch den lichten Föhrenwald bis zum unglaublich schönen, lärchigen, steinigen, sonnigen Südgrat.

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Kleopatra soll ja in Eselsmilch gebadet haben; und ich halte es ähnlich, ich fühle mich im eigenen Freudenschweiß gebadet am glücklichsten.

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Unter den großen Lärchen…

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…finden sich kleinere Lärchen, und unter den kleineren…

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…noch kleinere. Irgendwo am Grat soll sich eine einfache Kletterstelle befinden – sie dürfte aber unkletterbar einfach sein. Der ganze Grat ist nicht ausgesetzt und wirklich gefahrlos wanderbar.

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Wie mit glühendem Kupfer überzogen glänzen die höheren Lärchen im Sonnenlicht.

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Östlich vom Grat zeigt der zweithöchste Gipfel des Sengsengebirges, die Gamsplan (1902 m), ihr felsiges Gesicht. Dahinter ist noch der Mayrwipf (1736 m) und rechts davon der niedrigere Roßkopf (1536 m) zu sehen.

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Und die ganze Zeit begleitet mich das unglaubliche Wohlgefühl, das immer dann aufkommt, wenn ich mich in der Gesellschaft von Baum, Fels und blauem Himmel befinde.

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Das so stark vom Wesentlichen (dem Gipfel) ablenkende Lärchengeleuchte (Achtung Ironie) endet hier, und endlich habe ich freie Sicht auf Grat und Gipfelkreuz.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hagler (1669 m).

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Schon am Grat ist uns eine gewisse Belebtheit aufgefallen. Am Gipfel wissen wir es genau: Wir stehen am meist begangenen, der selten bestiegenen Gipfel im Sengsengebirge.

Obwohl Wochentag, sitzt eine große Schar farbenfreudig bekleideter Bergwanderer wie bunte Singvögel am Telefonkabel über den Tiefen der Südabbrüche. Von allen Seiten herrscht ein reges Kommen und Gehen.

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Wir genießen die noch gar nicht müde Sonne und versuchen den Bergen rundum ihre Namen zuzurufen. Links im Bild ist der soeben begangene, herrliche Südgrat zu sehen.

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Bosruck (1992 m) und Seespitz (1574 m), Stubwieswipfel (1786 m), Warscheneck (2388 m) und Schrocken (2281 m) und… und… und…

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Die Überschreitung des Tambergs (1516 m) ist Reinhard und mir eine besonders schmackhafte Erinnerung. Dahinter zeichnen sich die Größen des Toten Gebirges ab, wie Spitzmauer (2446 m) und Großer Priel (2515 m).

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Vom Großen Pyhrgas (2244 m) bis zum Tamischbachturm (2035 m) ruckeln unsere Blicke über die nordöstlichen Gipfelgrate. Der lange bewaldete Grat in der Bildmitte müsste der heuer von Reinhard verweigerte Hahnbaum (1453 m) sein. Die Geschichte dazu findet sich hier.

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Im Rücken überragen die Gipfel des Sengsengebirges den vorgelagerten Hagler um fast dreihundert Meter.

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Im Zoom versuche ich unter dem Hochsengs (1838 m) die Biwakschachtel zu finden. Ich weiß wo sie ist, aber erkennen kann ich sie nicht.

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Über der Einsenkung des Knodelbodens rechts der Bildmitte, mit den Schneeresten am Haupt, ist der Hohe Nock (1963 m), sogar mit Gipfelkreuz, zu erkennen.

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Kurz vor dem Wundliegen rappeln wir uns zum Abstieg auf. Der sanfte Zwang der Uhr mobilisiert unsere eingeschlafenen Gipfelverlass-Energien. Mit 5 %, und nicht mehr, würde ein Energiemessstreifen meinen Abstiegswillen anzeigen.

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Wir gehen aber nicht am glanzvollen Südgrat zurück,…

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…sondern schreiten humpelnd (die Glieder sind vom langen Sitzen noch steif) am Gipfelkreuz vorbei…

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…in Richtung Budergrabensteig.

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Im Hintergrund unser einziger Gipfel, und in meinem Mund, die letzte Mannerschnitte des heutigen Tages.

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Irgendwo in diesem goldgepunkteten Gefilde, am Fuße der Gamsplan, führt der Steig hinab.

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In Schattenlagen finden sich selbst im steilen Gelände noch Schneereste.

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Der Steig ist im oberen Teil nicht markiert, aber leicht zu finden. Er mündet schon bald in den von der Koppenalm kommenden Pfad ein.

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Erst nach überraschend langer Gehzeit mündet dieser wiederum…

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…an dieser Tafel in den Budergrabensteig.

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Schon einmal bin ich hier, viel zu schnell, ohne die Schönheit dieses Weges zu würdigen, herabgeeilt. Bei meiner Sengsengebirgeüberschreitung war meine Zeitplanung ein klein wenig mangelhaft.

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Diesmal gehe ich es mit Reinhard genussvoll, langsam an.

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Dieser Budergrabensteig…

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…ähnelt einer verschlungen-kunstvollen Kalligrafie…

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…auf dem vordersten Deckblatt des bewaldeten Sengsengebirges.

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Irgendeine Erhöhung dort oben müsste der Hagler sein.

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Unser Weg führt geradewegs in diesen Farbentumult hinein.

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Bis zum letzen Meter weist uns die Sonne den Weg. Wir waren ja der Meinung, dass wir mit dem Hagler einen eher abseitigen Berg besuchen werden. Aber sein Charme ist offensichtlich nicht nur für Bergvögel wie wir einfach unwiderstehlich.

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Im Anstieg ca. 1100 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 9,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Radinger (2009): Wandererlebnis Kalkalpen mit Haller Mauern. Residenz Verlag, St. Pölten.

Sieghartsleitner(2000): Wandern rund um den Nationalpark Kalkalpen. 45 ausgewählte Familienwanderungen. Ennsthaler Verlag, Steyr.

Auf Bergliste.at findet sich von Andreas eine Beschreibung mit vielen Zoomaufnahmen der umliegenden Berge. (abgerufen am 9.11.2015)

Auf Wizis Bergwelt erweitert sich die Hagler Besteigung um den Weiterweg auf den Hohen Nock und die Gamsplan. (abgerufen am 9.11.2015)


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Sengsengebirge (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.