Stierkarkopf (2331 m) im Säuleckkamm

Einen Blog am Laufen zu halten ist nicht immer einfach. Manchmal erfährt er Stockungen und Störungen, wie ein Körper seine Müdigkeiten. Ich zum Beispiel benötige mönchisch abgeschiedene Stunden um meine Tourenberichte zu verfassen. Die kostbaren Faktoren Muße, Inspiration und Begeisterung stehen auch nicht beliebig zur unbegrenzten Verfügung.  Zur Zeit hapert es an der nicht vorhandenen Muße und darum dauert es gegenwärtig von Blogeintrag zu Blogeintrag ein wenig länger. Kommt Muße kommt Blogeintrag, wie hier gut zu sehen und zu lesen ist. Endlich habe ich wieder meine Schreibfeder gespitzt und diesen Schmachtfetzen verfasst.

Bei Pruggern fahren wir ins Sattental, bis zum neuen, vorverlegten Parkplatz. Der liegt jetzt ein gutes Stück (immerhin zwei Kilometer) vor der alten Parkmöglichkeit bei der Sattentalalm. Auf dieser Übersichtstafel bekommen wir eine grob orientierte Ahnung unserer heutigen Tour. Wir wollen bei den Goldlacken den markierten Weg verlassen und den Stierkarkopf (2331 m) besteigen und weiter über die Rote Scharte (2099 m), über den Sonntagskarspitz (2291 m) aufs Säuleck (2359 m) wandern.

Auf diesem Bild ist viel Grau zu sehen: Mein treuer, felswandgrauer Vauwe, das durch fortwährende Weisheit ergraute Haupt meines Freundes…

…und der grauwolkige Himmel über unseren Bergzielen. Davon lassen wir uns nicht abhalten. Wir werden uns, wenn’s denn sein muss, einen Weg durch die Wolken bahnen.

Beim Loswandern verweigert Reinhard das Startfoto, manchmal, aber wirklich nur manchmal, geht ihm mein Fotografieren auf die Nerven.

An der Lettmoaralm (Lettmaieralm) und der …

…Perneralm wandern wir vorbei, dem Talschluss eines der wuchtigsten Täler in den Niederen Tauern entgegen.

Kitschidyllisch ist es hier im Sattental. Wie in der Kulisse eines Heimatfilms sammeln sich die Almhäuser der Tagalm am Fuße des Hochwildstellkamms.

Selten ist, dass in einer Umgebung so hoher Gipfel ein kleiner baumbewachsener Hügel auch einen Namen hat. Der Graffelbichl (1491 m) steht sogar mit einem eigenen Eintrag im EnnstalWiki.

Schon bald nach den Häusern endet die Forststraße und geht in einen steinigen Steig über.

Dem Steig entlang zupfen Kühe am Gras. Mitten unter ihnen befindet sich ein kleines, sehr aufgewecktes Schmutzschaf. So würde ich auch aussehen, wenn meine nimmermüde gedankliche Schmutzhaftigkeit für alle sichtbar wäre. Und allen anderen Menschen erginge es nicht anders. Darum trägt ja unsereiner gerne Markenklamotten um seinem Dreckbartel-Dasein einen biederen Anstrich zu verleihen. Bei mir ist das heute Mountain Equipment und Mammut, bei Reinhard Millet!

Zerlumptes Kleid bringt kleinen Fehl ans Licht, Talar und Pelz birgt alles. Hüll‘ in Gold die Sünde,- der starke Speer des Rechts bricht harmlos ab.

William Shakespeare (King Lear)

Im Auslauf der Langschneerinne steigen wir entlang eines Baches durch lockeren Hochwald schon sehr bald sehr steil hoch.

Immer mehr spart die Landschaft an Bäumen, bis in der mittlerweile erreichten Langschneerinne nur noch Sträucher übriggeblieben sind. Die geben den Blick auf die Rote Scharte frei.

Mit einem scharfen Rechtsknick (dort wo Reinhard sich gerade befindet) zieht der Weg auf den aufragenden langgezogenen Rücken über den Stierkarsee.

Es kommt zu einer Wegteilung. Wer den Stierkarsee (1810 m) zum lohnenswerten Wanderziel hat, darf jetzt gut fünfzig Meter absteigen. Die Sonnenbrille auf meiner Stirn outet mich als unverbesserlichen Optimisten. Sonnenschutzmittel habe ich ebenfalls dabei.

Wir wandern am wunderschönen Rücken, hoch über den Stierkarsee,…

…weiter in Richtung Trattenscharte.

Noch ein letzter Blick auf den See bevor wir die nächste Geländestufe beschreiten.

Mit jedem Schritt den wir höher steigen wird die Landschaft karger.

Viele kleine wollgrasbewimperte Wasseraugen befinden sich in diesem…

…gletscherverlassenen Kar.

Wieder steigen wir eine Geländestufe hoch.

Bei uns stellt sich ein Vorgefühl ein, wie wir ohne große Klettereien auf den Stierkarkopf gelangen können.

Das Säuleck (2359 m) sieht für mich unerreichbar weit weg aus – ich frage mich, wie sich das für einen Schneckenwanderer wie mich, mit Wolken an den Beinen, an einem Tag ausgehen soll.

Blick ins Sattental.

Die Hochwildstelle ist von überherrschender Größe. Immerhin bewegen wir uns schon auf fast 2300 m Seehöhe.

An kleinen Schneefeldern vorbei…

…kommt für mich jetzt der schönste Teil der Wanderung.

Moosdunkle Böden leuchten auf, weil sie von wolkendurchblitzenden Sonnenstrahlen…

…herausgeputzt werden. In solchen, auch von innen betrachteten Augenblicken,…

…zeigt sich die ganze filigrane Schönheit der Niederen Tauern.

Alle Formen sind gewonnen und aus ihnen die Harmonie.

Stefan Zweig

In dieser seelenbewegenden Landschaft, erlegt und hingestreckt von der Moospölsterharmonie, habe ich das Gefühl, dass endlich die Jahre des In-mir-Ruhens beginnen.

Kühle Tauernluft und diese einmalige Landschaft (hier beginnen die Goldlacken) verabreichen uns vor allem seelischen Stoff. Der Gipfel ist uns gerade nicht mehr wichtig.

Oder doch? Es ist nicht mehr weit zum selten erwanderten Stierkarkopf.

Ausdauernd blökend wartet eine Herde Schafe auf uns. Keinen Schritt weiter kommen sie uns entgegen. Sie leben in den Bergen, sie haben die Geduld der Berge.

Weil wir gar nichts anzubieten haben, wenden sie sich rasch ab von uns.

Auf Schafspuren und sonst auf eigene Hand…

…suchen wir uns den Weg zum Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Stierkarkopf (2331m),

In diesem Jahr hat es erst  d r e i  Besteigungen gegeben. Im gesamten Vorjahr waren es fünfzehn. Das ist wieder so eine Gipfelrarität in meinem Tourenbuch.

Seltenheitswert hat auch der Inhalt der Gipfelbuchkassette.

In neueren Karten wird die Trattenscharte nur noch mit einem „t“ geschrieben, in allen älteren Kartenwerken mit zwei – ich vermute, dass es sich nur um einen Schreibfehler handelt und bleibe bei der doppelten Schreibweise.

Meine Besteigung der Hochwildstelle mit Stefan, über den hier gut sichtbaren Südgrat, war ein ganz besonderes Erlebnis

Unser geplanter Weiterweg.

Eine Schlüsselstelle wartet im Abstieg auf uns. Unmittelbar über der Roten Scharte sollen glatte Steinplatten den Abstieg gehörig erschweren. Diese Sorge um den Weiterweg schändet uns den Hunger und wir beschließen, erst nach den überwundenen, fast senkrechten Steinplatten zu Bier und Jause zu greifen.

Der Kamm ist nur im ersten Abschnitt sehr schmal und weist gleich nach dem Kreuz eine kurze, ungute Stelle auf.

Nicht schwierig, nur ungut.

Über den sehr steilen, grasbewachsenen Hang steigen wir direkt zur Roten Scharte ab.

Dort treffen wir auf die erwarteten, jausenverzögernden, ungewöhnlichen Gleitschuppen.

Hier haftet kein Tritt eines normalen Wanderschuhs. Aber ich komme trotzdem irgendwie drüber. Wie es Reinhard geschafft hat, kann ich nicht berichten – mein Gruseldusel war viel zu groß und ich konnte einfach nicht hinsehen.

Ein Foto aus der Roten Scharte (2099 m) entschärft jedoch die Situation. Mit einem kleinen Umweg können diese Rutschmauern auch links und rechts umgangen werden.

In einer windgeschützten Ecke machen wir unsere langverdiente Rast. Mit einer Aussicht wie von einem Gipfel.

Ein Abstieg über die Langschneerinne wäre jetzt möglich. Wollen wir aber nicht. Das Wetter hat sich gebessert und wir haben Zeit.

Im Anstieg auf den Sonntagskarspitz begegnet uns eine junge Frau. Sie ist vom Kochofen (1916 m) übers Spateck (2256 m) und den Schusterstuhl (2216 m) hierher gewandert. Wuiii – das ist weit, denke ich mir, die gehört bestimmt zu den Menschen, die an einem Tag um die Erde rennen können. Sie prophezeit uns bis zum Säuleck keine Schwierigkeiten und wir wünschen ihr einen kurzweiligen Straßenrückmarsch zu ihrem Ausgangspunkt.

Diesen Teil der Schladminger Tauern den wir hier durchwandern, beschreibt Liselotte Buchenauer folgendermaßen: „Diese Gegend, zu der man über den langen Kamm und Grat vom Kochofen gelangen kann, gehört zum Wildesten der Schladminger Tauern überhaupt und ist so gut wie nicht bekannt. Vom gut erschlossenen „Heimatberg“ zur Urwildnis führt in den Tauern oft nur ein Schritt!“

Ganz so unbekannt ist der Teil jetzt nicht mehr, aber ursprünglich allemal. Blick zurück auf die breitwuchtige Gestalt des Stierkarkopfs und die Hochwildstelle. Auch ist der Übergang von den Rutsch-Steinplatten auf den grünen Grat der Scharte gut zu sehen.

Entlang dieser Felsmauer (links der Bildmitte) führt ein Steig von der Roten Scharte die Langschneerinne hinab. Das wäre für Reinhard und mich eine Abstiegsoption gewesen. Bestimmt lässt sich mit dem Besuch der Goldlacken, der Besteigung des Stierkarkopfs und vielleicht auch noch mit dem Besuch des Stierkarsees eine wirklich formidable Runde wandern.

Das Gelände ist steil aber unschwierig und schon bald stehen wir am Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Sonntagskarspitz (2291m). 

Die Hochwildstelle (2474 m) zeigt sich heute den ganzen Tag nicht vollständig. Umgekehrt war das 2013 anders. Hier ein Foto von der Hochwildstelle auf den Säuleckkamm. Leider habe ich ihn nicht in seiner ganzen Länge fotografiert, da wusste ich ja noch nichts von meinem heutigen Interesse.

Und hier ein Foto mit dem Umlaufer und seinem Gipfelkreuz (2664 m). Dahinter der Kamm mit dem Säuleck (2359 m), Schusterstuhl (2216 m), dem Spateck (22566 m) und über dem Schladminger Törl (1945 m) der Dromeispitz (2047 m).

Hier halten wir uns gar nicht lange auf und wir wandern weiter in Richtung Säuleck.

Wieder nehmen uns Schafe in ihre Mitte und sie lassen sich von uns in ihrem Alltagstun…

…nicht stören. Jausenzeit auf Lamperlart.

Dieses freundliche Beisammensein müssen wir bald schon beenden. Jetzt wird es ein kleinwenig ernster. In lässiger Männlichkeit schwingt sich ein schmaler Grat zum Säuleck hoch. Wir bleiben lange am Grat und queren erst unterhalb der steinigen, unersteiglich erscheinenden Gipfelpyramide…

…in den steilen, südlichen Hang. Ich vermute, dass man in leichter Kletterei auch direkt aufsteigen kann. Wir haben uns für die vorsichtigere…

…Umgehungsvariante entschieden. Denn der Gipfel ist von seiner östlichen Seite auch für uns packbar.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Säuleck (2359m)

Ich finde von Leopold einen erst kürzlich verfassten Gipfelbucheintrag. Seit er in Gröbming wohnt, zählt ja auch dieser Gipfel zu seiner näheren Heimat. Überhaupt hat mich erst seine Beschreibung einer Stierkarkopfbesteigung (Stierkarkopf und Sonntagkarspitz) auf diese Tourenidee gebracht.

Diese Bildbeschriftung veröffentliche ich nur mit Vorbehalt. Da bin ich mir nicht so ganz sicher.

So würde der Gratweiterweg aussehen den die junge Frau von heute Mittag bereits gewandert ist. Sie war jetzt kein porenfreies Schminkmädchen aber auch keine maskuline Bergzehnkämpferin. So weit ich sehen konnte war das eine kreuznormale junge Frau. In edler Missgunst staune ich über solche Leistungen. Da durchmischen sich Hochachtung und Neid bei mir.

Diese Gipfel landen in ihrer kettigen Aneinanderreihung (ich will sie am Stück überschreiten) in meiner Gipfelvorratsdose.

Ausschnitt aus der Spezialkarte Gröbming und St. Nikolai (Nr. 5052, Kartographisches, früher Militärgeographisches Institut, Wien, 1894)

Der Blick zurück zeigt mir unseren Herweg und darüber die ernsthafte Düsternis um die Hochwildstelle (2747 m).

So sieht der Blick vom Gipfel auf unser Abstiegsgelände aus.

Diesen steinigen Hang über dem Sonntagskar müssen wir irgendwie querend absteigen um zum grünen Schneetalrücken zu gelangen.

Der Abstieg über die wackeligen, riesigen Steinplatten ist langwieriger als gedacht und konzentrationsraubend noch dazu.

Wir erreichen unbeschadet den grünen freundlichen Schneetalrücken und finden sogleich ein einladendes Steiglein.

Blick zurück aufs Abstiegsgelände.

Der Verbindungsgrat zum Schusterstuhl (2216 m).

Der langgezogene Rücken vom Schusterstuhl (2216 m) ins Sattental. Bei einer Überschreitung vom Kochofen (1916 m) hierher wäre das eine gute Abstiegsmöglichkeit.

Uns geht’s gut. Der unbeschreibbare Prozess der Transfusion der heute durchwanderten Landschaft in unsere Seelenadern ist schon fast abgeschlossen.

Die Tour hört einfach nicht auf großartig zu sein.

Ein noch nicht in unseren Karten verzeichneter Ziehweg…

…bringt uns rasch zu der angepeilten Forststraße über der Perneralm…

…und diese führt uns wiederum zurück zum Auto.

Was für ein herrlicher Tourentag. Und Reinhard und mich eint eine gemeinsame Erkenntnis: Wer sich einmal voll und ganz mit den Niederen Tauern eingelassen hat, ist stark gefährdet, geographisch monogame Neigungen zu entwickeln.

Alle unsere heute bestiegenen Gipfel haben Doppelgänger in den österreichischen Alpen. Es gibt einen Stierkarkopf (2366 m) über dem Tappenkarsee, von der Franz-Fischer-Hütte erreichbar. Weiters gibt es über Donnersbachwald, bei der Gstemmerscharte einen zweiten Sonntagskarspitz (1999 m) und ganz nahe ragt noch ein Säuleck (2580 m) zwischen Umlaufer (2664 m) und Gamskarspitz (2491 m) auf. Südlich der Hochalmspitze (3360 m) gibt es dann noch ein Säuleck (3086 m). Immer neue Gipfelprojekte bahnen sich auf diese Weise ihren Weg zu mir. Bald schon werde ich auf einer eigenen Seite „meine“ Bergkuriositäten sammeln und „ausstellen“.

Im Anstieg etwa 1365 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 15 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3 © Christian Dellwo.

Tourenbeschreibung bei Leopold (Paulis Tourenbuch): Stierkarkopf und Sonntagkarspitz (abgerufen am 25.12.2018)

Tourenbeschreibung von Christian (Alpen Yetis Wanderblog): Wandertour Goldlacken – Stierkarkopf – Säuleck – Spateck (abgerufen am 25.12.2018)

Ennstal Wiki – Graffenbichl (abgerufen am 26.12.2018)

„porenfreies Schminkmädchen“ habe ich mir von Anja Rützel ausgeborgt.

„Stockungen und Störungen, wie ein Körper seine Müdigkeiten“ habe ich von Stefan Zweig aus einem anderen Zusammenhang transponiert

Buchenauer(1975): Verliebt in die Heimat. Leykam Verlag, Graz.

Hödl (2006): Bergerlebnis Schladminger Tauern. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren. Verlag Styria, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brandl (2003): Dachstein-Tauern. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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