Traweng (1981 m) und der Verschwindezauber: Where is the cross?

Mit dem Traweng gönne ich mir eine gut abgehangene Bergidee aus meiner Gipfelvorratsdose. Und weil ich ein Wanderer bin, der sich viel Zeit nimmt, um nur wenig weit zu kommen, ist das eine Tagestour für mich. Allerdings sind im ausschwingenden Oktober diese Tage schon merkbar kürzer, vor allem an einem lichtkränkelndem Tag wie heute.  

Ich war die letzten Tage etwas angegriffen und dazu mit meinen Zähnen in Zwietracht. Darum scheint mir eine Tour, mit nicht zu vielen Höhenmetern, der Körperlage angemessen. Mir geht es mehr ums trotzdem Draußen sein, als ums Maximum.

Wenngleich die Tauplitz ein vielbesuchtes Schigebiet mit allen dazugehörigen Einrichtungen ist, treffe ich auf eine Landschaft, die unvermutet Poesie besitzt. Wie schon bei meinem Seenslalom mit Gabi auf den Roßkogel (1890 m), gefällt es mir hier besonders.

Der Herbst hat die Lärchen berührt.

Auf dem ausgeschilderten Waldsteig, unter einer grauen Scheinbetondecke, wandere ich auf meinen Berg zu.

Den schmächtigen Tauplitzsee lasse ich noch links liegen.

Irgendwo durch dieses Fels- und Latschengewirr soll ein Weg führen. Erkennen kann ich ihn von meinem Standort nicht. Seinen Anfang nimmt der Weg auf den Traweng…

…dort, wo die Straße in der Bildmitte die Rechtskurve beschreibt. Hier darf ich nicht mehr der Straße folgen, sondern gehe auf Pfadspuren gerade aus. An der Marburger Hütte (im Bild) links vorbei, steige ich eine Rinne hoch…

…und gelange an einen Wegweiser und zur sehr „ausführlichen“ Markierung, die hier erst beginnt.

Ein völlig abgenudelter Steig bringt mich zu dieser Felsabschürfung und einer kleinen Höhle im Berg.

Weiter führt der gut markierte Steig steil bergauf.

Immer wieder changiert das vom Herbst vergoldete Hochplateau der Tauplitz unter mir.

Im mittleren Teil des Anstiegs haben Herden von Wanderern mit ihren Schuhsohlen den Boden abgegrast und ihren Schuhspitzen-Spitzhacken Steine aus dem felsigen Untergrund gehoben. So ist aus dem Weg ein sehr steinbrüchiger Bröseldusselsteig geworden.

Weiter oben wird es wieder besser. Der steile Hang legt sich zurück, und die Markierung zieht rechts weg, bis…

…es zur Spreitzung kommt. Erneut ist rechts abzweigend der übliche Weg markiert und geradeaus die Einmündung der Rundwanderung. Über diesen Weg will ich später, im Abstieg, wieder hierherkommen.

Ein paar größere Felsen und wenig Nebel genügen, und schon ist man aus der optischen Reichweite des Schigebietes.

Ganz gegen meine Hoffnung verschlechtert sich das Wetter. Wind kommt auf, und über meinem Kopf wird es immer trüber. Meine Schritte beschleunige ich so lange, bis aus der mir in die Seite stechende Vorahnung Gewissheit wird: das ungewollte Wettrennen gegen den klatschnassen, peitschenden Nebel…

…auf den Gipfel verliere ich knapp. Gerade um eine feuchte Pinocchionasenlänge erreiche ich nach ihm den Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Traweng (1981 m).

Gespenstisch still ist es. Zu allen vier Seiten kein Menschenlaut.

Zerzaust, wie eine nasse Katze, friere ich dort oben. Völlig nebeldurchnässt kleide ich mich um. Gleichwohl nimmt mein inneres Zittern kein Ende. Zu allem Unglück hat jetzt meine Kamera auch noch begonnen, mit ihrer Objektivzunge am Nebel zu zuzeln. Dabei verträgt dieses sensible Trumm gar kein Wasser. Auf den weiteren Fotos ist der Wassereinbruch an den „verschwommenen“ Bildanteilen zu erkennen. Bevor ich noch verzagen kann, taucht unvermutet aus dem Nebel die rettende Ablenkung auf. Ein weiterer Gipfel – ganz nah. Hat sich der Berg vielleicht verzwillingt?

Ich wandere die wenigen Meter hinüber zur zweiten Gipfelkuppe. Sehen kann ich nichts, aber hören. Nebelgepolstertes Kletterzeugsgeklimper scheppert eilig auf mich zu. Dann schält sich aus den Schwaden ein schlanker, blondbärtiger Bursche in kurzen Hosen und ein ganz jungenhaftes, sichtbar fröstelndes Mädchen. Es sind zwei sportliche, körperschöne junge Tschechen. Sie sind über den relativ einfachen Gamsblick Klettersteig (Schwierigkeit C) aufgestiegen. Ihm steht die Freude ins Gesicht geschrieben. Ihr gelingt bloß ein vages, geheucheltes Lächeln über diese Kletterei. Als Mittel der Verständigung bleiben uns nur Gesten und englische Sprachbrocken. Die werfen wir uns jetzt gegenseitig zu, aber nur so lange, bis die Blogtitelfrage kommt: „Where is the cross?“ Ich antworte mit einem kurzen: „nearby“ und einem weit ausladenden Deuter in Richtung des Westgipfels. Denn mittlerweile habe ich bemerkt, dass ich auf dem Ostgipfel (1980 m) stehe.

Unverweilt enteilen die Bibbernden in die Nebelwand, bis sie verschwunden sind. Das nenne ich einmal Bergmagie oder wie J.K.Rowlings sagen würde: „Verschwindezauber“.

Für meinen Rückweg habe ich die Rundwanderung geplant. Selbst der mit Eiskraupeln kontaminierte Nebel stellt für meine Orientierung keine Erschwernis dar. Der Weg ist großherzig gut markiert.

In leichtem Auf und Ab, immer den Nordabbrüchen des Trawengs entlang, steige ich über nebelfeuchtes Gestein von einem Markierungspunkt zum anderen.

Die Stimmung ist entrisch, und mir gefällt das jetzt sehr. Leid ist mir nur um den verborgenen Ausblick…

…auf den nahen Sturzhahn (2028 m) oder die, in einer unglaublich schönen Wanderung, bereits von mir besuchten Trageln: Der Alleinste von allen: Monsieur Peter im Toten Gebirge.

Eine Vorstellung davon kann dieses Panoramafoto von Gerhard Eidenberger auf Alpen-Panoramen.de geben. Einfach ins Bild klicken.

© Gerhard Eidenberger auf Alpen-Panoramen.de

Bald schon erreiche ich den Steinmann, der den Linksabbieger des Rundwegs anzeigt.

Der Wind wird wütender, und ich finde es einfach atemberaubend, wenn ich von der Natur so angegangen werde.

Einmal noch reißt der Nebel über dem Gipfel auf.

Die Markierung führt am Rand der großen Doline (Schlund) entlang. Dieses Bild wurde nicht von einem teuren Bildbearbeitungsprogramm verfremdet, sondern lediglich vom Wasser in der Kamera.

Jetzt folgt der unangenehme Teil der Wanderung. Der steile Abstieg im nassen, gerölligen Bröseldusselsteig.

Weil ich heute auf mein sonst so zelebriertes orgiastisches Gipfellungern verzichtet habe, bleibt mir noch sehr viel Tag über. Darum beschließe ich, den Rückweg über den Schneiderkogel zu nehmen. Wieder bei der Marburger Hütte angekommen, zweige ich in Richtung Grazer Hütte ab. Vor der geschlossenen Hütte liegt eine Holstein-Friesian am Boden, und es sieht nicht gut für sie aus. Ich komme zu spät. Die Pupillen sind angstgeweitet starr, ihr Blick ist gebrochen,…

…und Puls kann ich auch keinen fühlen. Eine gewisse Totensteifigkeit ist ihr bereits eigen. Letzten Endes ist sie mehr als ein bisschen tot, nämlich ganz und gar tot – mausetot kuhtot. Sollte ihr Mörder dem hinduistischen Glauben angehören, drohen ihm echte Schwierigkeiten mit dem Bauern  u n d  göttlicher Zorn, denn Kühe sind heilig: Der Gott Vishnu weilt in den Hörnern der Kühe, und Brahma bewohnt ihren Kopf. Einer der wichtigsten Götter des Hinduismus, Shiva, weilt in ihrer Stirn. Und um das Unglück für den Mörder perfekt zu machen, sind auch Dung und Urin von einer Göttin bewohnt. In ihnen residiert die Göttin des Glücks, der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Wohlstandes und der Gesundheit: Lakshmi. In der hinduistischen Glaubenswelt ist es nun einmal so: Wer der Kuh zu fressen gibt, bleibt so viele Jahre im Himmel, wie diese Kuh Haare hat. Wer eine Kuh tötet, wird ein Geist. Wer eine Kuh tötet, tötet seine Mutter. Somit ist einem möglicherweise hinduistischen Kuhmörder ein Glaubenswechsel, wohin auch immer, höchst angeraten.

Mit einem Kopf voller Kuhgedanken wandere ich weiter.

Mit jedem meiner Schritte wird es um mich heller. Das zweite ganz andere Gesicht meiner heutigen Wanderung zeigt sich ab dem Tauplitzssee.

Die gekrümmten Wasserfinger…

…der Berge berühren behutsam den Großsee.

Bis auf eine kleine Unterbrechung schlendere ich immer das Seeufer entlang.

Vom Großsee führt der markierte Steig zum viel kleineren Märchensee, am Fuße des Schneiderkogels.

„Die Natur dient einem edleren Bedürfnis des Menschen, nämlich seiner Liebe zur Schönheit. Die alten Griechen nannten die Welt Kosmos: Schönheit. Derart ist der Zustand aller Dinge dass die Urformen wie Himmel, Gebirge, Baum oder Tier uns Vergnügen an und für sich bereiten ein Vergnügen das aus ihrer Gestalt, Farbe,  Bewegung und Anordnung hervorgeht.“

(Ralph Waldo Emerson)

 

Über den Großsee, durch den Osthang des Schneiderkogels, werde ich von einem breiten, viel begangenen Steig geführt.

„Wie lange, bis du ihn vergessen hast – einen Anblick wie diesen?“ (Su Tung-po)

Kippt der Tag bereits jetzt in eine Vornacht? frage ich mich. Es wird wieder dunkler. Wie riesige goldene Leuchtkäfer in gespenstischer Zahl umschwärmen mich glühende Lärchen entlang des Wegs.

Kurze hundert Höhenmeter bringen mich auf den Schneiderkogel.

Blick zum Großsee und auf den…

…(fast schon) urbanisierten Teil der Tauplitz.

Hinter der Bergstation…

…ersteige ich mit dem letzten latschenbewachsenen Schuttkamm den Gipfel.

Den Nachweis meiner Anwesenheit auf dem Gipfel überlasse ich (ohne es zu diesem Zeitpunkt zu ahnen) der Web-Cam auf der Bergstation des Schneiderkogels. Tatsächlich sieht man mich in meiner Regenkleidung am Gipfel (rote Regenjacke und blauer Rucksackregenschutz). So ein Schnappschuss hat mir in meiner umfangreichen Gipfelfotosammlung noch gefehlt.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Schneiderkogel (1765 m).

Die Nordabbrüche in Richtung Kraller und Ödernalm zeigen das ganz andere Gesicht dieses Berges. Schroff und fast senkrecht stürzt er hier ins Tal.

Im Südosten wird das Tauplitzplateau von Gwendlingstein (1645 m) und  Hechlstein (1814 m) überragt.

Es ließe sich der Gratweg in Richtung Lawinenstein fortsetzen bis zur Bauernscharte. Von dort unschwierig hinab zum Gasthof Zand. Ich steige allerdings direkt über die Pistenwiesen ab, denn die Südseite des Berges ist eine freundlich-einladende Angelegenheit. Bald schon bin ich wieder bei meinem felswandgrauen Auto.

Habe ich von dieser Wanderung mit purer Geschwätzigkeit berichtet, oder bloß mit einem kleinen Überschuss an Sprache? Das frage ich micht jetzt am Schluss. Dabei habe ich gekürzt, ganze Absätze gestrichen und Fotos wieder gelöscht. Mehr zu streichen würde meine Wanderung nicht richtig wiedergeben, gar verfälschen. Das Eindampfen auf eine kurze Streckenbeschreibung hätte mit meinem heutigen Erleben nichts zu tun – aber darum gerade geht es mir. Ich kann jetzt nichts mehr streichen. So bleibt’s jetzt.

Im Anstieg ca. 700 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 9,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.3    © 2007 Christian Dellwo

„Zu allen vier Seiten kein Menschenlaut“ habe ich mir aus Weinbergers „Vogelgeister“ ausgeborgt.  (Weinberger Vogelgeister)

„Su Tung-po schrieb: Wie lange, bis du ihn vergessen hast – einen Anblick wie diesen? (Weinberger Vogelgeister)

 

 

Huber (1927): Führer durch das Tote Gebirge, Artaria Verlag, Wien.

Hödl (2008): Wandererlebnis Totes Gebirge, Almen, Gipfelwege, Hütten. Residenz Verlag, St. Pölten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hauleitner (2010): Salzkammergut Ost, Dachstein, Traunstein, Totes Gebirge. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Rabeder (2005): Totes Gebirge. AV Führer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weinberger (2017): Vogelgeister. Berenberg Verlag, Berlin.

Reinisch/Pürcher (1992): Erlebnis Salzkammergut. Verlag Styria, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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