(Fast) ein Munro im Schatten des Grimmings – Gindlhorn (4129 ft)

Weil ich gerne einen Viertausender besteigen möchte, verlege ich unsere heutige Tour gedanklich nach Schottland. Es ist ganz einfach und lediglich eine Frage von fußhoher Fantasie. Die Hätti-wari Version dieser Besteigung geht so: Stünde dieser Berg in Schottland, so würde seine Höhe in Fuß angegeben werden, und mit den damit erreichten 4129 feet, wäre er ein echter Munro, und somit fände sich sein Name sogar in the Tables of the 3000 ft Mountains of Scotland, und ich warat endlich auf einem Viertausender.

Munro-Bagging ist die schottische Version unseres „Tausender-Berge-Besteigen“ (Paulis Tourenbuch). „Es bezeichnet das Sammeln von Besteigungen von Bergen in Schottland mit einer Höhe von mehr als 3.000 Fuß (914,4 m), die Munro genannt werden und von denen es in Schottland genau 282 gibt. Wer alle Berge bestiegen hat, darf sich Munroist nennen“ (Wikipedia). Ich darf mich Hochstapler nennen, wenn ich nach dieser Tour behaupte, auf einem Viertausender gestanden zu sein – obwohl es doch der schottischen Wahrheit entspricht. 

Diese Fantasie beginnt mit unserer Anreise durch ein unwirklich weißes Ennstal. Alle Wiesen, Hecken und Bäume am Straßenrand erstarren in einer dicht-dicken Reifpanier. Am Parkplatz in Pürgg zeigt das Thermometer frostige Minusgrade (- 6 degrees centigrade).

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Der Grimming sticht mit dem weißen Multereck in den blauen Himmel hinein.

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Zähneklappernd (wir sind normale Wintertemperaturen nicht mehr gewohnt) wandern wir zuerst noch auf der Straße, am Naturbad vorbei. „Der Letzte lässt das Wasser aus“ funktioniert offensichtlich eben so wenig wie „der Letzte macht die Türe zu“.

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Das Anbrechen eines schönen Tages empfinde ich in den Bergen immer besonders beglückend.

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Mit jedem Schritt im Sonnenschein wird das Zähneklappern leiser. Schön ist es hier.

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Das genussvolle Gumpeneck (7301 ft bzw. 2226 m) im Hintergrund und der in diesem Jahr ebenfalls von mir besuchte Tressenstein (3923 ft bzw.1196 m) – aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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Der Zustieg ist immer gut ausgeschildert und der Pfad breit und einladend. Das Einzige, das mich jetzt bekümmert, sind sehr prosaische Sorgen um mein Auto. Das befindet sich wegen einer ständig aufleuchtenden Motorkontrollanzeige in der Werkstatt. Diese Werkstatt ruft mich jetzt in eng bemessenen Abständen um diverse Reparaturzusagen an. Dafür dreihundert und dafür zweihundert Euro, und die Bremsscheiben gehören vorne auch getauscht, und den Pickerltermin habe habe ich auch schon um zwei Monate überzogen und überhaupt. Vermutlich bekomme ich ein völlig neues Auto ausgehändigt, nur die schmutzigen Fußmatten werden noch original meine sein.

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Nach dem letzten Telefonat (der sukzessive reparaturmäßige Fahrzeugtausch ist praktisch vereinbart) drehe ich das Handy ab und freue mich wieder ausschließlich über den schönen Weg durch die steile Waldflanke.

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Am Toni Adam Kreuz entledigen wir uns der warmen Jacken, es ist windstill. Toni Adam verunglückte am 24. November 1989  im 75. Lebensjahr beim Abstieg von der Himmelsleiter tödlich. Sein Berg war der Grimming – er war auch der geistige Vater der Grimmingbiwakschachtel. Information dazu finden sich auf dieser Seite: mount-grimming.

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Das Ende der Himmelsleiter wird ihrem Namen nicht ganz gerecht.

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Vom Weg zweigt auf einem kurzen Gratarm ein Pfad, wenige Meter zu einem herrlichen Aussichtspunkt, ab.

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Blick zur nebelfreien Salzkammergut-Straße.

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Der Grimming ist so nah, und er alleine bestimmt das lokale Gravitationsfeld.

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Ausseer Zinken (6081 ft bzw. 1854 m), Sarstein (6478 ft bzw. 1975 m) und Rötelstein (5294 ft bzw. 1614 m).

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Die Johanneskapelle und die Pfarrkirche Pürgg. Nebelumspült wähnt sich das Schloss Trautenfels unsichtbar. Das könnte jetzt auch als Schottisches Hochland durchgehen.

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Nach ca. 1148 ft bzw. 350 Höhenmetern gelangen wir zu den winterbraunen Wiesenflächen der Schröfl Hütte. Ein erster Blick zum Gindlhorn und dem weit vorragenden Nebenhörndl ist uns möglich.

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Mit seinem breiten Rücken lehnt der Bauer am Holz der Schröfl Hütte. Ein wenig wärmt die Sonne ihn, und ein wenig wärmt er die Hütte.

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Wir wechseln ein paar freundliche Worte und wandern auf der Forststraße weiter.

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Allerdings nur 0,236  Miles bzw. 380 Meter. Wir halten Ausschau nach Wegspuren, die uns zum Nebenhörndl bringen sollen. Und im steifen, verstachelten übergedeihlichen Gras finden wir sie auch. Exakt beim Anblick dieses Steines verlassen wir die Forststraße. Reinhard ist links im Bild (rot) gerade noch im hohen Gras zu erkennen.

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Der Zustieg ist selbsterklärend und wenn doch nicht, findet man sogar Zwergsteinmännchen, die die Richtung angeben.

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Vor mir sehe ich schon das Gipfelkreuz. Nur noch eine leichte Kraxelstelle müssen wir meistern, und schon…

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…befinden wir uns am schmalen Grat des Nebenhörndls.

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Ein bisserl Dachstein, viel Grimming und noch mehr (zufriedener) Reinhard.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Nebenhorn oder Wildes Hörndl oder Kleines Hörndl (ca. 3805 ft bzw. 1160 m). Das Gipfelbuch verbirgt sich in einer Büchse im verdorrten, rostroten Latschenstrauch. Mittlerweile (weil ich für meine Tourenberichte viel zu lange brauche) steht hier ein richtiges Gipfelkreuz.

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An dieser Stelle möchte ich cm bergfex und dem Helmut Seiringer danken. Ohne deren großartigen, bildmächtigen Tourenbeschreibungen hätte ich weder vom Nebenhörndl noch von der Möglichkeit, die Südwand zu durchsteigen, gewusst. Verlinkungen dazu gibt es am Ende des Tourenberichts.

Zu Beginn der Wanderung bestand nur eine vage Hoffnung, den Weg zum Nebenhörndl zu finden. Die damit verbundene Durchsteigung der Südwand wollten wir erst bei ihrem leibhaftigen Anblick entscheiden. Der ist jetzt gekommen. Na ja. Eh. Doch!

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Oberhalb der glatten Wandfläche ist das Gipfelkreuz zu sehen. Wir werden unser Glück eher in der Mitte oder rechts der Mitte versuchen.

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Wir sehen keine Besteigungshinweise, keine verräterischen Schmutzspuren am hellen Fels, die uns einen Hinweis auf die Route geben könnten.

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Also suchen wir die Route durch diese sonnenhelle, glückliche Südwand selbst. Ich überrede Reinhard, vor mir zu steigen, denn sollte es in dieser Wand einen lockeren Stein geben, ist es mir lieber, Reinhard findet ihn. Und schon haben wir wieder unsere Lieblingsdiskussion. Er ist nämlich der Meinung, dass viel mehr Erfahrung verloren geht, wenn ihm etwas passiert, als wenn mir etwas zustößt. „Wie heißt Gfrastsackl auf Scots?“ frage ich mich leise.

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Diese Wand ist ein Geschenk. Wie ein guter Lehrer fordert sie uns, ohne zu überfordern. Stets findet sich ein guter Tritt, und nie habe ich Angst, aus der Wand zu fallen. Immer habe ich das Gefühl, dass mir in größter Not die Bäume ihre hilfreichen Asthände reichen würden. Großartig und anregend ist dieser Zustieg aufs Gindlhörndl.

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„Diesen Anblick von Reinhard in der Wand habe ich doch schon einmal gesehen“ denke ich mir beim Hochschauen – ein Bild-Déjà-vu überkommt mich.

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Tatsächlich, ich habe mich nicht getäuscht, die Ähnlichkeit ist frappierend.

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Viel zu kurz ist das Vergnügen, und schon bald erreichen wir die Hochfläche und den Gipfel.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gindlhorn (4129 ft bzw.1259 m).

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Mit dieser tollen Tour haben wir uns selbst überrascht. Das ist ein echtes Gustostückerl.

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Faszinierend, wie das Nebenhörndl aus der Südwand ragt.

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Die Einsamkeit der Schipiste im Winter 2015.

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Der Steinschi wird zukünftig im Leben eines Schitourengehers zum wichtigsten Winterbegleiter:

Im Vordergrund Gwendlingstein (5395 ft bzw.1645 m) und Hechelstein (5950 ft bzw. 1814 m). Deren Überschreitung ist ebenfalls ein großartiges Unternehmen. Dahinter der Tragweng (6498 ft bzw.1981 m), das Steirertor und der Sturzhahn (6652 ft bzw. 2028 m). Sogar das Kleine Tragl (7098 ft bzw. 2164 m) ist zu sehen.

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Aussichtsgasthof Dachsteinblick.

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Den Abstieg nehmen wir über den leiternreichen Normalweg in die Ostseite. Weiter wandern wir ein kurzes Stück auf der Forststraße und danach auf dem feinen, alten Almweg durch die Rieb…

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…zur Brandangeralm. Zum Leistenstein führt zwar keine Markierung, aber dafür gibt es genügend Trittspuren.

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Diese Felsstufe ist einfach zu überwinden, und auf einem guten Steig gelangen wir…

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…zum Leistenstein.

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Auf einem reizvollen und einsamen Berg, obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Leistenstein (4854 ft bzw 1480 m).

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Unser zeremoniöses Gipfelsitzen Gipfelliegen kann beginnen.

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Extrawurstsemmel mit ohne alles. Optisch ist der erste Jauseneindruck nicht so delikat. Irgendwie erinnert sie mich an das intensivgelebte Gesicht von Tom Waits oder einen gebrauchten Airbag.

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Dafür sind unsere Um- und Ausblicke umso glorreicher.

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Der Almkogel (6940 ft bzw. 2116 m), und links von ihm ist das Salzsteigjoch (5684 ft bzw. 1733 m), der Übergang ins Stodertal, zu erkennen.

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Weiter östlich sieht es so aus. Nur noch der Schafkogel und das Sonnwendköpperl befinden sich in meiner Gipfelvorratsdose, alle anderen habe ich bereits besucht.

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Das Ennstal mit den Niederen Tauern.

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Links der Mölbeggkamm und rechts der Kamm von der Schaabspitze (6235 ft bzw.1901 m) bis zur Schoberspitze (6980 ft bzw. 2128 m).

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Die Hohe Trett (5513 ft bzw. 1681 m) und dahinter der Hochgrößen (6937 ft bzw. 2115 m), die Seekoppe (7052 ft bzw. 2150 m) und der Hochrettelstein (7281 ft bzw. 2220 m).

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Tiefblick vom Gipfelkreuz in die steile Südseite zur Leistenalm (3463 ft bzw. 1056 m).

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Auch das allerbeste Gipfelrasten endet einmal, und steifbeinig und steifrückig machen wir uns an den Abstieg. Allerdings nur bis zum Brandanger, denn der Brandangerkogel hat uns zur Visite gerufen.

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Von der Forststraße steigen wir in diese frostverbrannte Wiese und gelangen so…

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…sehr einfach, aber immer mit toller Aussicht, auf den…

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…Gipfel, zum höchsten Punkt unserer heutigen Wanderung am 28. Dezember 2015. Obligatorisch und unverzichbar: Gipfelfoto Brandangerkogel (4946 ft bzw. 1508 m).

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In der müden, bereits schwer atmenden Nachmittagssonne können wir zurück auf die Brandangeralm, den soeben bestiegenen Leistenstein (4854 ft bzw.1480 m) und den sogleich von mir in die Gipfelvorratsdose gestopften Nojer (4893 ft bzw. 1492 m) blicken.

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Schattseitig überdauern Schneereste mehr schlecht als recht diesen warmen Dezembertag.

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Den Abstieg nehmen wir über einen ausgezeichneten, gut angelegten Steig hinab nach Pürgg. Dass uns diese Tour große Freude bereitet hat, muss ich abschließend vermutlich nicht mehr erwähnen. Jetzt heißt es nur noch den Bauch zu füllen, einen Schottischen Scotch Whisky zu kippen und in die Arme der geduldig auf den wagemutigen Abenteurer [sic] wartenden Ehefrau zu finden.

Meine Viertausender-Fantasie endet hier.

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Im Anstieg ca. 965 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 11,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Hauleitner (2010): Salzkammergut Ost, Dachstein, Traunstein, Totes Gebirge. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Prantl (2012): Gipfelbuch. Süddeutsche Zeitung GmbH, München.

Prell (1978): Totes Gebirge; e. Landschaftsbuch über d. Alpen zwischen Traun u. Steyr; mit Tourenvorschlägen für Bergsteiger u. Skiläufer. Oberösterreichischer Landesverlag, Linz.

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren. Verlag Styria, Graz.

Rabeder (2005): Totes Gebirge. AV Führer, Bergverlag Rother, München.

Reinisch/Pürcher (1992): Erlebnis Salzkammergut. Verlag Styria, Graz.

Senft (1999): Wandern entlang von Enns und Steyr. Verlag Leopold Stocker, Graz.

Helmut Seiringers Blogeintrag mit vielen Fotos (abgerufen am 20.2.2016).

cm bergfex (Christiane und Manfred) Picasa Webalbum mit vielen Gindlhornbesteigungen. Hier der Link zu einer dieser kenntnisreichen Schilderungen. (abgerufen am 20.2.2016).

Eine deutschsprachige Seite für Munrobagger (abgerufen am 20.2.2016).

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.2    © 2007 Christian Dellwo.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Totes Gebirge (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.