Ouvertüre am Hochangern

Wer schon einmal in der Oper war, kennt das wohlige Gefühl, wenn der Dirigent den Orchestergraben betritt, sich verbeugt, den Stab erhebt und ein Meisterwerk der menschlichen Gestaltungskraft mit der Ouvertüre beginnt. So ähnlich ergeht es mir mit Wanderungen im Hochangernstock. Auf dieser kleinen Fläche findet sich das ganze Tote Gebirge, so wie die Ouvertüre das Thema der ganzen Oper bereits birgt.

Dieser Anblick empfängt mich beim Ausstieg aus dem Auto. Der Dirigent erhebt seinen Taktstock.

Immer wieder bleibe ich stehen, um den riesigen, monolithen Block des Grimmings und den unglaublichen, fantastischen, skurril anmutenden Hochtausing zu bestaunen.

Mein Blick schweift vom Gumpeneck über den Knallstein in die Schladminger Tauern. Ich muss mich jetzt schön langsam entscheiden: Will ich schauen und fotografieren, oder heute irgendwann auch den Gipfel erreichen.

Ungewohnter Blick auf Lahnerkogel (1854 m), Kitzstein (1925 m) und Bosruck (1992 m).

Noch führt ein milder Steig die Abbrüche Richtung Westen entlang.

Auch andere Wanderer erfreuen sich an der Novembersonne in den gestuften Hängen des Nazogls.

Wer heute zuhause geblieben ist, um einzukaufen, sein Auto zu waschen oder den Gartenzaun zu reparieren, ist selber schuld.

Der Nebel über dem Ennstal ergibt sich endlich der Sonne und lichtet sich.

Wie Landschaften einer Modelleisenbahn aus Styropor geformt, schichtet sich der Berg in die Höhe.

Tiefblick zur Hintereggeralm, die Buchsteine und Hochtorgruppe sind leicht zu erkennen.

Geschickt umgeht der steil gewordene Pfad die meterhohen Kalkbänke. Ohne jede Seilsicherung oder sonstige Fortkommenshilfe führt der Steig seitlich der Höllerer Riesen hoch.

Ich erreiche die Abzweigung zum Kosennspitz und betrete für mich Neuland.

Der Steig zieht in sanfter Steigung, zwischen Abbrüchen und Latschenfeldern an Dolinen vorbei…

…in eine Senke und überquert den Hochangern an seiner schmalsten Stelle bis…

…die Mölbinge, der Schrocken und das Warscheneck vor mir aufstehen.

Im Vordergrund ist der Kosennspitz samt Gipfelkreuz zu sehen, dahinter ragt das Spitzerl des Hochtausings vor und dahinter der Grimming. Rechts im Bild sind der Betstein (1836 m) und der Schafberg (1932 m) zu erkennen.

Zumindest an diesem Tag darf sich der Kosennspitz zahlreicher Gäste erfreuen. So selten besucht wie ich annahm, ist er sicherlich nicht. In den wenigen Wanderführern, die zu diesem Gebiet existieren, wird er zumeist nicht einmal erwähnt. Rückblick kurz vor dem Gipfel, wunderbare Wände und Abbrüche über dem Rotenkogel (1269 m).

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Kosennspitz (1962 m).

Nur mit meinem Rucksack, ohne Flügel über dem Ennstal…

Als unvergleichliche Kulisse über den Lärchen und Zirben der Brunnalm ragen auf:

Querlstein (2084 m), Sattelkoppen (2030 m), Mittermöbling (2318 m)  Hochmölbing (2336 m), Kreuzspitze (2327 m), Kaminspitz (2328 m), Schrocken (2281 m),  Elmscharte (2203 m), Pyhrner Kampl (2241 m).

Im Halbrund geht es weiter:

Schrocken (2281 m), Elmscharte (2203 m), Pyhrner Kampl (2241 m), Torstein (2236 m) Rossarsch (2205 m), Liezener (2367 m), Warscheneck (2388 m)

Der Blick nach Westen zeigt in der Bildmitte den Almkogel (2116 m), rechts davon den Großen Briegelsberg (2148 m). Links sieht man Großes und Kleines Tragl (2179 m und 2164 m).

Der lichtkurze Novembertag erlaubt mir keine lange Gipfelpause. Wenn ich meine Runde vor Einbruch der Dunkelheit beenden will, muss ich aufbrechen. Ich will bis zur Abzweigung zurückgehen und nehme damit einige Abstiegsmeter in Kauf. Es soll einen Pfad zum Angerkogel geben, aber das Suchen mit einem Verhauer ist mir zeitlich zu riskant. Das Nazogl gleicht aus diesem Blickwinkel einer steinernen Sprungschanze. Der Aufstieg erfolgt am vor mir liegenden Schenkel.

An der großen Doline oberhalb der Wegteilung vorbei…

…zieht der Weg ohne große Hindernisse hoch.

Der Blick zum Gipfelkreuz täuscht eine größere Entfernung vor.

Ich gehe an riesigen Einschnitten und Dolinen vorbei. Der Weg führt mich über Karren und Platten die schattenlosen Kalkfelsen aufwärts.

Ich erreiche mit dem Nazogl meinen einzigen Zweitausender, welchen ich somit zum dritten Mal bestiegen habe. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto im königsblauen Himmel: Nazogl (2057 m).

„Dieses denkwürdige Gipfelkreuz wurde aus den Trümmern eines Kriegsflugzeuges hergestellt, zum Zeichen des Heiles“ schrieb Pfarrer Josef Schmidt in das Gipfelbuch (Auferbauer 1985).

Eine sehr nebelige Variante des Aufstieges zum Nazogl werde ich in diesem Blog noch nachtragen. Mit dieser Wanderung 2005 habe ich gehörig dazu beigetragen, meinen Kindern das Bergwandern zu verleiden. Ein Foto zum Vorgeschmack…

Jetzt kann ich auch den kleinen pittoresken Bruder des Hochtausings (1823 m) sehen. Im Herbst 2011 habe ich eine unvergessliche Tour auf den Hechelstein (1814 m) unternommen.

Mein nächstes Ziel ist, samt halbwüchsigem Gipfelkreuz und einigen Besuchern, bereits gut zu erkennen. Der Angerkogel ist die höchste Erhebung im Hochangernstock und leicht zu besteigen. Allerdings muss man für den Aufstieg den markierten Weg verlassen.

Der Blick nach Osten zeigt den Bosruck (1992 m), die Hallermauern, Hochtorgruppe und die Buchsteine.

Ich verzichte wiederum auf eine ausgiebige Gipfelrast und gehe weiter. Der Steig führt in einen kleinen Sattel und zieht dann an der Ostseite des Angerkogels hoch.

Rechts im Bild, die wunderbare Westwand des Stubwieswipfels (1786 m) über der Filzmoosalm. Weiters ist der Übergang zur Dümlerhütte (Der Hals) zu erkennen. Westlich davon der heuer von mir bestiegene Mitterberg (1695 m) und die Rote Wand (1872 m). Der langgezogene Rücken rechts im Bild ist der Schwarzkoppen (2035 m). Diesen wollte ich auch noch besteigen, aber Zeitmangel lässt mich davon absehen.

Gipfelfoto: Angerkogel (2114 m).

Das herrliche Wetter wird auf vielfältige Weise genutzt. Mit einem lauten Sirren schwirrt dieser Segelflieger über meinen Kopf hinweg.

Wiederum verweile ich nicht lange am Gipfel und steige in direkter Linie, von Steinmännchen angeleitet, zum markierten Weg ab. Wie es sich für die Nordseite eines Berges um diese Jahreszeit geziemt, gibt es bereits mehr oder weniger tiefe   Schneefelder. Offensichtlich helfen die Markierungen auch den Gämsen bei der Wegfindung.

Im Schatten fühlt es sich sogleich kühler und abweisender an.

Ich gehe auf die rundliche Gestalt der Kitzspitze (1977 m) zu, aber halte mich südlich davon am Steig zur verfallenen Angeralm.

Auferbauer schreibt in seinem Buch: „Die Naturkulisse beeindruckt auch mit weitreichendem Almrasen. Dazu der größte zusammenhängende Zirbenwaldbestand Mitteleuropas. Geriffelte Kalksteinbänder, inselartig den Boden bedeckender Almrausch, dazwischen immer wieder Felsbrocken. Über sie aufwachsende Lärchen. Insgesamt eine Traumlandschaft…“

Jetzt beginnt eine Zauberreise durch die Ostseite des Hochangerstockes. Ich durchschreite eine dunkelhelle, fantastische, lärchengetränkte, steingepolsterte Bergwelt.

Der Wegverlauf ist eigenwillig und überrascht mich immer wieder auf’s Neue.

Wie gerade erst vom Gletscher freigegeben, zeigen sich Steingebilde geriffelt, glattgeschliffen, poliert…

…geformt und ansprechend positioniert…

…Form gewordener Stein.

Immer wieder verengt sich der Graben zwischen Kühfeld (1923 m) und Schwarzkoppen (2035 m).

Obwohl schon der Weg im Schatten liegt, steht er dem herrlichen Aufstieg in nichts nach.

Das Auftauchen der Aipl Jagdhütte unter dem Lärchkogel (1788 m) zeigt mir das letzte Drittel der nicht zu unterschätzenden Wegstrecke vom Angerkogel an.

Es fehlt nur noch der Abstieg durch Waldgelände zur Hinteregger Alm.

Bei einer Holzbank der Bergrettung Liezen beginnt der steile Weg hinab.

Im Licht der schon tiefstehenden Sonne erreiche ich das weite Almgelände.

Diese ursprüngliche Landschaft zwischen Liezen und Hinterstoder werde ich wieder und wieder mit besonders großer Vorfreude besuchen.

Im Anstieg ca. 1260 Hm und zurückgelegte Entfernung ca.13,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Auferbauer (1985): Erlebnis Steiermark: Wandern, Bergsteigen, Schifahren. Verlag Stocker, Graz-Stuttgart.

Frischenschlager  et al. (1996): Ennstal – Vom Dachstein bis zum Gesäuse. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Hödl (2008): Wandererlebnis Totes Gebirge, Almen, Gipfelwege, Hütten. Residenz Verlag, St. Pölten.

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren. Verlag Styria, Graz.

Rabeder (2005): Totes Gebirge. AV Führer, Bergverlag Rother, München.

Senft (1999): Wandern entlang von Enns und Steyr. Verlag Leopold Stocker, Graz.

Epilog

Meine erste Besteigung des Nazogls (8.8.2004) verdanke ich Waltraud. Mit ihrer netten Tochter und meinem gewichtigen Freund Franz wanderten wir diese Runde ohne Besuch des Kosennspitzes.

Nazogl2004014

 

FIN


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Totes Gebirge (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.