Besteigung eines Unscheinbaren: Mannsberg (1603 m)

Überlebenswichtig für meine Gipfelideen sind die zahlreichen Luftlöcher in meiner so oft verwendeten Gipfelvorratsdose. Denn für das Überdauern der darin befindlichen Gipfelwünsche sind sie von großer Bedeutung. Dazu kommt noch mein sorgfältiger Umgang mit jeder einzelnen Gipfelsehnsucht. Ob sehr hoch oder ein wenig niedriger, ob weithin bekannt oder weniger bedeutend: Jeder Gipfelwunsch wird von mir vorsichtig in amnesiefestes und luftdurchlässiges Sehnsuchtspapier gewickelt. Darin eingeschlagen halten sich die Gipfelbegierden gut und gerne auch zehn Jahre und länger. Wie zum Beispiel mein heutiges Vorhaben.

Schon seit meiner Besteigung des Langsteins (1998 m) im Jahr Zweitausendfünf befindet sich dieses Foto des Mannsbergs auf meiner Festplatte und der Wunsch zu seiner Besteigung in meiner Gipfelvorratsdose. Diese hinterletzten Gipfel sind mir die liebsten.

Acht Jahre später besteige ich mit meinen Kindern, in einer kulinarisch inspirierten Wanderung,…

…den Kleinen Pyhrgas (2023 m): Gowilalm und Kleiner Pyhrgas. Erneut kann ich den Mannsberg erblicken, diesmal allerdings von der anderen Seite. Das beförderte diesen Unscheinbarling in meiner reichlich befüllten Gipfelvorratsdose wieder ganz nach oben.

Jetzt, wieder fünf Jahre später, wickle ich ganz behutsam diesen Gipfelwunsch aus dem amnesiefesten Sehnsuchstpapier, um ihn mir endlich zu erfüllen. Dafür parke ich am hintersten Parkplatz des Biathlonzentrums Innerrosenau bei Windischgarsten. Von hier führt ein markierter Weg zu meinem ersten Ziel, der Laglalm, auf 1324 m Seehöhe.

Viele sind schon unterwegs. Ein nicht mehr ganz junges Triangel verlässt mit mir den Parkplatz. Der Älteste von den Dreien zählt über achtzig Lenze und der Jüngste ist weit über siebzig. Weil mein Morgengesicht arg zerknittert ist, halten sie mich für einen Gleichaltrigen und sprechen darum ganz laut mit mir. Deshalb eile ich nach ein paar Späßchen wie eine Hupfdudel mit federnden Schritten davon – meine Jugend habe ich damit hoffentlich ausreichend bewiesen.

Zuerst geht es nur die Forststraße hoch. Erst nach dem Dambachursprung verlässt die Markierung die Straße…

…und zieht einen steilsteinigen Steig hoch. Der Waldboden scheint aus Licht- und Schattenschnipseln zu bestehen.

Im Grunde geht man auf den abgeworfenen Steinen der abgeschuppten Steinhaut der Hallermauern. Übermoost, überwachsen, übergrünt, überbaumt.

Ein reichlich durchwurzelter und vor allem steiniger Weg. Allerdings sehr geschmackvoll arrangiert,…

…denn das Grau der hellen Buchenstämme harmoniert vollendet mit den angegrauten Felswänden.

So bald die Bäume ein wenig zurücktreten, kann ich mein Ziel sehen.

Wobei die Formulierung „Bäume zurücktreten“ einigermaßen euphemistisch ist. Ein mächtiger Windwurf hat hier viele Flachwurzler flachgelegt.

Aus dem Windwurfgelände zweigt ein nicht markierter Abkürzer direkt zur Laglalm ab. Den lasse ich aber links liegen, und ich bleibe am markierten Steig. Mir gefällt das Gelände durch das er führt.

Der Weg macht eine Schleife, führt an einem Brunnen vorbei, bis er mich zur Alm bringt. Ein erster herrlicher Rundblick ist möglich.

Der Halter ist nicht da, ich hatte aber sowieso nicht vor, jetzt schon eine Rast zu machen. Ich wandere am Sepp Wallner Steig in Richtung Scheiblingstein weiter…

…und gelange zur „Schlüsselstelle“ der ganzen Wanderung. Mitten am Weg befindet sich diese steinige, abschüssige Platte. Mit wenigen raschen Schritten kann ich einfach drüber huschen, vermute aber, dass sie ungeschickteren Menschen ein wenig Überwindung kostet.

Schon bald nach dieser Stelle ist die unübersehbare Abzweigung zum Mannsberg erreicht.

Beschildert, aber nicht markiert.

Das ist nicht mein Ziel, sondern die Laglmauer (1839 m). Der Mannsberg ist noch von den Bäumen verdeckt.

Jetzt trennt mich nur noch dieses Steinwurfgelände vom letzten Aufstieg. Hier heißt es auf Steinmännchen achten.

Ein gut ausgeschnittener und ausgetretener Pfad…

…bringt mich links vom Gipfelaufbau…

…steil und unschwierig…

…auf den umwindeten Gipfel.

Wie eine dunkle vom Wind gebauchte Fahne hisse ich mich selbst am Gipfelkreuz. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Mannsberg (1609 m).

Schon der gute Pfad hat es verraten: dieser Gipfel ist keineswegs selten besucht. Nur die Markierung fehlt – sonst ist alles da. Das Kreuz steht schon seit 1985 hier. Allerdings weist es 1609 m für den Gipfel aus. Ich halte mich bei Höhenangaben und Schreibweisen in meinem Blog wie immer an die Angaben in der BEV Karte. Dort wird der Gipfel mit 1603 m ausgewiesen. Ist das jetzt essentiell? Nein, ist es nicht.

Tiefblick zu Laglalm.

Trotz seiner geringen Höhe kann ich weit ins Land sehen.

Auf vielen Gipfeln befinden sich vermutlich noch von mir hinterlassene Mannerschnittenbrösel und Schweißtropfen.

Von der weiteren Gipfelschau werde ich durch ungewohnte Probleme abgehalten. Mich schmerzen meine Füße in den alten, bereits lange eingegangenen, aber über den Winter neu besohlten Schuhen.

Bei einer Neubesohlung werden auch die Randbänder erneuert, und das kann den Schuh ein wenig verziehen. Also muss ich meine alten Schuhe erst eingehen. Hier das mehr als winterreifentiefe Profil meiner neubesohlten Schuhe am Gipfel des Mannsbergs,…

 

…und hier ein Foto vom Herbst des Vorjahres mit dem zusammengeschliffenen alten Profil.

Zum Thema „Schuhe neu besohlen“ findet man bei outdoormädchen einen gut bebilderten Bericht. Allerdings stimmt die Preisangabe (69,95 €) nur für Lowa Deutschland und leider nicht für Lowa Österreich. Bei uns ist es gleich einmal um fünfzig Prozent teurer.

 

Lowa Österreich verrechnet 104,– € für den privaten Einsender der Schuhe. Ich habe meine geliebten Tibet GTX von einem Sportgeschäft einsenden lassen, und darum sind in den verrechneten 114,– € (Montage/Service) berechtigterweise minimale Porto- und Manipulationskosten einberechnet.

Irgendwann werde ich auch von diesem Paar Abschied nehmen müssen. Das geschieht dann sicher wieder einigermaßen theatralisch-dramatisch. Wie bereits Zweitausenddreizehn, bei meiner Wanderung auf den Sonntagskogel (2229 m). Damals schrieb ich zu diesem Foto:

„Ich könnte so immer weiter wandern – einfach weitergehen und gehen. Und jetzt möchte ich an diesem Ort:an dem Wanderschuhe sich zum Sterben begeben“ von meinen geliebten Freunden und treuen Begleitern auf den meisten von mir besuchten Bergen, über hunderttausende Höhenmeter und hunderte Kilometer, Abschied nehmen. Meine Lowa Tibet, wiederbesohlt und unvergessen!“

                                            —————Trauerminute————–

Mit dieser Trauer bin ich aber bestimmt nicht alleine. Auch Vincent van Gogh hatte ganz bestimmt eine Schuhbeziehung, wie das emotionale Bild „Schuhe“ (1886) zeigt

Nach einer ausgiebigen Fußentlastung, Trinkkur und ernährungsmäßigen Körpertröstung setze ich meine Rundschau fort. Allerdings ist die Unschärfe in meinen Bildern nicht gewollt und das Gegenlicht betrüblich.

Dass der Schafkogel vom Hengstpass eine einfache Schitour oder auch Schneeschuhtour ist, habe ich in diesem Blogeintrag beschrieben und dabei dieses Foto vom Mannsberg gemacht.

Nicht nur der Blick auf die OÖ-Voralpen und die Ybbstaler Alpen ist erfreulich,…

…auch die nähere, höhere Umgebung fasziniert.

Von dieser Seite schaut mir die Laglmauer abweisend, fast schon ein wenig giftig, aus. Das lasse ich bleiben.Testosterondummheiten liegen mir gar nicht. Vielleicht ist sie ja von der anderen Seite besser ersteiglich.

Ich verlasse jetzt den windigen Gipfel. Ein letzter Blick hinab zum Pfad im stark fallenden Gelände,…

…und schon bewege mich in kleinen Schritten, den steilen Anstiegsweg zurück, zur Laglalm (links im Bild).

Auf der Laglalm leiste ich mir einen letzten zufriedenen Blick zurück und steige gemütlich weiter ab.

Jetzt bin ich ausgesöhnt. Nichts mehr in mir kann mir immer wieder zuflüstern: „Geh doch auf den Mannsberg, so lange schon willst du da hin. Such dir einen Weg, du wirst  schon einen finden.“ Dafür taucht jetzt eine andere Stimme auf. Die Stimmlage etwas höher, irgendwie piepsig, weil vermutlich jünger: „Die Laglmauer wäre schon auch einen Besuch wert, geh doch einmal auf die Laglmauer. Such dir einen Weg…“

Im Anstieg ca. 780 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 8,4 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.3    © 2007 Christian Dellwo

Outdoormädchen: Neubesohlung meiner LOWA-Schuhe: Bergstiefel erleben ihren zweiten Frühling. (abgerufen am 29.6.2017)

Die Formulierung: „…an dem Wanderschuhe sich zum Sterben begeben“ habe ich mir von Bill Bryson ausgeborgt.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Ennstaler Alpen (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.