Steigfellmeuterei am Feldl (1696 m)

Allzu oft war ich noch nicht hier, und trotzdem fühlt es sich ein wenig wie Heimkommen an. Die Gegend um Wörschachwald erscheint mir so vertraut und gewohnt, wie immer schon gekannt. Vermutlich liegt es daran, dass jeder meiner Besuche in meine Wohlfühl-Langzeit-Erinnerung eingegangen ist und nicht von der Bin-ich-froh-dass-es-vorbei-ist-Gedächnisspalte verschluckt wurde. Ob jetzt die Besteigung des Gindlhorns oder die Überschreitung des Hechlsteins oder der Besuch des Hochtausings – jede dieser Touren war ein besonders erfreuliches Erlebnis für mich.

Neu ist diesmal nur die Jahreszeit. Im Winter kenne ich diese Ecke des Toten Gebirges noch nicht. Eine jahreszeitliche Premiere sozusagen. Ausgangspunkt für meine kleine Schitour auf das Feldl (1696 m) ist der Spechtenseelift beim Wörschachwalderhof.

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Noch verharrt die Piste unter dem Hechlstein (1814 m) in einer unbevölkerten Stille. Nur das Surren des Schleppliftseiles in den Gummirollen vertont meinen Aufstieg.

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Warm und windstill ist es, genau die richtigen Bedingungen für einen verwöhnten,  Schönwetterschitourengeher wie mich.

Über die noch leeren Hänge könnte ich kreuz und quer hochsteigen, tue ich aber nicht. Artig am Pistenrand wandere ich die leere Piste hoch und erreiche bald schon den äußersten Rand des „Schigebietes“. Gegenüber sehe ich den Leistenstein (1480 m) und den Brandangerkogel (1508 m). Beide Berge, und das Gindlhorn (1259 m), habe ich mit Reinhard erst im Vorjahr bestiegen. Eine meiner schönsten von den schönen Touren in diesem Jahr.

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Am Ende des Schleppliftes folge ich diesen Schi- und Schneeschuhspuren. Die führen mich zu einer Forststraße, und auf der gehe ich westlich…

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…bis zur Markierung des Wanderwegs.

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Viele Spuren zerfurchen den Schnee und weisen auf eine gewisse Beliebtheit dieser Gegend hin. Pauli war heuer schon hier, und für die „cm Bergfexen“ ist es sowieso ein Hausberg.

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Die Nachtkälte hat den Boden betoniert. Obwohl die Temperatur mittlerweile bis ins Angenehme gestiegen ist, bleibt der Untergrund eisig und hart.

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Himmelsbläue, Bäume, Schnee und Stille finde ich vor.

Blauen Himmel, Baum und Schnee kann ich fotografieren aber wie zeige ich die Stille? So „………..“ oder so“ ___________“ oder vielleicht so “       “ ? Die Stille lässt sich schwer mitteilen. Von der Stille erzählen, ist so ähnlich, wie vom Geschmack guten Essens zu berichten.

Diese Einsenkung vor mir kürzt die Forststraße ab, und dahinter…

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…befindet sich schon die Hochtor-Jagdhütte. Spuren führen gerade aus und andere an der Hütte vorbei. Ich gehe in ihre Richtung weiter und vermute richtig, dass ich am Rückweg den anderen Weg nehmen werde.

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Hinter der Jagdhütte steigt die Spur ein wenig an, um danach in einer kurzen Abfahrt hierher zu führen. Rechts im Bild ist der Gipfel schon zu erkennen. Am Hang unter mir beginnt der Aufstieg zum Hochtor. Die Landschaft ist viel unübersichtlicher und kupierter, als man auf der Karte ersehen kann.

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Rund um mich kann ich keinerlei Unordnung erkennen. Das Bett ist gemacht. Ich frage mich, wie es den tierischen Bewohnern gelingt, durch diese Landschaft zu streifen, ohne Spuren ihrer Anwesenheit zu hinterlassen?

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Den Reißverschluss in die weiße Tuchent haben die menschlichen Besucher genäht.

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Nach der kurzen Abfahrt (mit den Fellen am Schi) und mit dem Anstieg aufs Hochtor beginnen meine Probleme. Von der mangelnden Loyalität bei Steigfellen haben auch schon andere Tourengeher berichtet, das ist kein neues Phänomen. Diesmal trifft die fehlende Treue meinen linken Schi. Von diesem löst sich das Steigfell und will einfach nicht mehr kleben, als wenn es überall anders besser wäre. Immer, ausnahmslos auf jeder Schitour, habe ich für solche Fälle ein Klebeband im Rucksack – nur heute, aus unerfindlichen Dummheitsgründen, nicht.

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Am Hochtor (1542 m) bieten sich erste herrliche Ausblicke.

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Der Steigfellstreik beginnt jetzt erst richtig. Auf diesem Bild kann man das losgelöste Fell am linken Schi erkennen. Ganz ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man in einem Haubenlokal sitzt und vor dem Hauptgang die Zahnprothese bricht…

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Der letzte Anstieg aufs Feldl ist der eigentliche Höhepunkt dieser Tour. Ich folge der Spur auf dem rechten Kamm, über dem Schneckengraben.

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Mittlerweile trage ich den linken Schi in der Hand. So hinke ich zu guter Letzt, nicht einmal halb so flinkt wie der einbeinige John Silver, die letzten hundert Höhenmeter hoch. Auf diese wohlfeile Weise kann man sich eine Schitour selber auch verschärfen, da braucht es keine äußeren Umstände, das bringt Monsieur Peter schon selbst zustande.

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Der Gipfelhang ist steiler, als auf diesem Bild zu erkennen ist. Mein einschiiger mühsamer Aufstieg ist eine Anstrengung, die mir vermutlich das Gesicht entstellt. Das sieht zu meinem Glück jetzt niemand.

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Aber endlich oben angekommen, das Gipfelkreuz in Sicht, lachfaltet mein gut durchblutetes Gesicht wieder in gewohnter Manier.

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Leicht zwänglerisch, aber nicht nur darum sehr befreiend: Gipfelfoto Feldl (1696).

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Unbefangen und zufrieden sitze ich am Gipfel. Das Nachlassen der Anstrengung tut mir gut. Für Minuten kippt die Zufriedenheit in blankes Glücksempfinden. Wie schal schmeckt dagegen das gekaufte, gestohlene, geborgte Glück? Wer kennt es nicht? Der Unbeschwertheit meines Gipfelsitzens stehen jene Vergnügungen gegenüber, die man nicht ohne spätere Reue auskostet. Welchen im Moment des Genusses bereits der Geschmack der zweifelhaften Wonne anhaftet.

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Spuren führen hinab zum Stoiringhals.

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Der Kamm bis zum felshauptigen Bärenfeuchtmölbing (1770 m). Unglaublich formschön, ganz spitzig und trotzdem ersteiglich, der Hochtausing (1823 m). Die Überschreitung des Hochtausings und der Weiterweg auf den Bärenfeuchtmölbing im April 2011 gehört zu den bereits erwähnten Wohlfühlerinnerungen.

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Unter dem Stoiringhals die Stoiringalm. Der Weg über die Alm und den Hals wäre eine Variante dieser Tour. Schneerutsche im Südhang zeigen mir wieder, das selbst die einfachsten Schitouren, vor allem wenn ich sie ohne Begleitung gehe, ganz besondere Vorsicht verlangen.

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Blick ins Ennstal.

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Die beiden vor mir befinden sich auch schon länger in meiner Gipfelvorratsdose.

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Wenige Meter unterhalb des Gipfel steht diese Tafel, und zwischen den Ästen…

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…erhasche ich einen Blick auf die Gipfel oberhalb der Tauplitz.

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Wieder zurück beim Kreuz kann ich zusehen, wie sich die Nachmittagsluft bläut.

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Noch ein letztes Zoomfoto vom Hochtausing (1823 m) und seinem einsteinigen Zwillingsbruder,…

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…dem (fast) baugleichen fantastischen Hechlstein (1814 m). Aus diesem Winkel mit dem Dachstein (2995 m) im Hintergrund, und hier…

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…gesellt sich der Grimming (2351 m) und der Kammspitz (2139 m) dazu.

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Keinem Menschen bin ich heute begegnet, wieder einmal, das kommt ja öfter vor, aber dass ich auch keine Wolke erblicken konnte, nicht einmal am äußersten Horizontrand, nicht einmal den kleinsten weißen Wolkenfussel, das ist schon eine seltene Begebenheit.

Für Abfahrtsfreuden sorgt jetzt…

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…der kurze Gipfelhang und das Bewusstsein, das ich die Forststraßen abfahren kann und nicht gehen muss.

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Auf einer gut befahrbaren Skido-Spur weiche ich dem Gegenanstieg bei der Hochtor-Jagdhütte aus und gelange viel zu schnell wieder zum Spechtenseelift.

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Weil meine Abfahrtsfreuden bei dieser Tour zu kurz gekommen sind, erwerbe ich beim Liftwart einen Siebenerblock und erfreue mich an der noch immer menschenarmen, gut präparierten Piste. Mit halblauten Jauchzern und Juchazern, welche nur von vereinzelten inbrünstigen Hollerei-duliös unterbrochen werden, jodle ich den Sonnenhang siebenmal hinab. 

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Bei der Heimfahrt wird mir bei diesem Anblick warm ums Herz: Nebenhorn (1160 m), Gindlhorn (1259 m), Brandangerkogel (1508 m) und der Leistenstein (1480 m). Alle habe ich mit Reinhard im Dezember 2015 besucht.

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Bildmitte das Nebenhorn und daneben, mit Gipfelkreuz, das Gindlhorn.

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Im Anstieg ca. 620 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 9,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Paulis Tourenbuch: Von Wörschachwald auf das Feldl (abgerufen am 21.3.2017).

Die Hausherren kommen öfter hierher: cm-bergfex am 22.1.2017 oder eine etwas andere Variante im Winter 2011 (abgerufen am 21.3.2017)

CoverPürcherErlebnisEnnstalSchladmingerTauern

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren. Verlag Styria, Graz.

CoverRabederAVFührerTotesGebirge

Rabeder (2005): Totes Gebirge. AV Führer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

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Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.