Versuch über das Bleibenlassen

Mit Doris, Karl und Stefan will ich heute in der Grimminghütte übernachten und morgen über den SO-Grat auf den Grimming steigen. Zwar fühle ich mich von zwei besonders fordernden Arbeitswochen völlig verstümmelt, aber diese gemeinsame Gelegenheit ist viel zu verlockend, um darauf zu verzichten. Ein Besuch bei meiner Wahrsagerin hätte mich eines Besseren belehrt, und weil ich den unterlasse, nimmt alles seinen schicksalhaften Lauf.

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Weil wir eine Überschreitung im Sinn haben, parken wir ein Fahrzeug am Kulm und starten unseren Aufstieg in Niederstuttern.

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Dass meine Fitness eine andere ist, als die der anderen, merke ich schon bald. Darum versuche ich von Beginn an meinen Kollegen den Umstand näher zu bringen, dass wir nicht heute auf den Grimming steigen, dass es keine Tagestour ist, dass ein wenig langsamer auch lässig wäre. Zwischen meinem Blick auf diese Tafel und diesen…

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…Blick auf die Grimminghütte (966 m) liegen gefühlte zehn Minuten und zehntausend Atemzüge. Hier werfen wir unsere Rucksäcke ab und eilen…

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…auf den Tressenstein weiter.

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Schönes, baumwurzeliges Waldgelände…

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…wird überflogen, und wie in einem miesen Western kann ich meinen Mitwanderern nur in den Rücken schießen (fotografisch). Noch nie habe ich so wenige, so unscharfe, so miserable Bilder auf einer Tour aufgenommen.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Tressenstein (1196 m).

„An ihren Frisuren könnt ihr sie erkennen…

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…und am Ladezustand“ so oder ganz ähnlich steht es ja bereits in der Bibel.

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Am Gipfel kann ich wieder mithalten. Beim Schauen bin ich mit meinen konditionsstarken Augen ein gleichwertiger Tourenpartner.

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Der Besuch des Multerecks (2176 m) ist morgen nicht geplant.

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Vom Mölbegg (2080 m) zieht sich der lange Kamm über den Hochstein (2183 m) und die Gstemmerspitzen zur Planneralm. Gegenüber spitzt sich die Schoberspitze (2126 m) in die Höhe.

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Das genussvolle Gumpeneck (2226 m) ist weithin gut zu sehen.

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Rechts der Bildmitte und des Baumes glänzt das hellfelsige Gindlhorn (1259 m). Einen meiner schönsten Tourentage in diesem Jahr werde ich bei seiner Besteigung verbringen. Das weiß ich jetzt aber noch nicht.

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Bis zum Bösenstein (2448 m) und zur Hochhaide (2363 m) können wir blicken. Der Wetterumschwung für den Nachmittag des nächsten Tages soll ja aus dem Südwesten heranbranden,…

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…und da sieht es tatsächlich ganz anders aus.

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Wir steigen zur Grimminghütte (966 m) ab und genießen die späten Nachmittagsstunden. Ich bin selten noch in einer so liebevoll geführten Hütte eingekehrt. 1950 errichtet, bietet dieser Stützpunkt großartige Ausblicke in die angrenzenden Donnersbacher Tauern. Überhaupt ist die Besteigung des Tressensteins und eine Jause auf der wunderbaren Aussichtsterrasse der Grimminghütte ein echter Ausflugstipp.

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Mein Rucksack ist schwer mit seiner mir-könnte-etwas-fehlen-Vollgepacktheit. Zum Gaudium meiner Kollegen packe ich aus und stelle jeden Ausrüstungsgegenstand ob seiner Notwendigkeit zur Diskussion.

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Das lauteste Gelächter gilt meinem Handtuch. Das hätte, so wie ich an diesem Tag,  besser in die Grimmingtherme gepasst.

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Jeden Schnaps in jeder Menge trinke ich natürlich nicht. Ich weiß ja um den langen morgigen Tag, zumindest so lange, bis…

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…jemand zum durstbezwingenden Bier Zirbenschnaps auf den Tisch stellt. Ein anderer,  mit glaubhaften medizinischen Grundkenntnissen behauptet, dass der Saft der sonnen- und bergwindgereiften Zirbenzapfen Kraft schenken wird. Gesundes Biodoping am Tag vor der Entscheidung. Und ich Depp glaub’s gleich fünfmal. Dabei hätte mir der Anblick meiner, nicht nur im Aufstieg vorpreschenden Kollegen, schon Warnung genug sein müssen…

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Natürlich findet auch diese lange, mitunter auch etwas ausschweifende Vorbesprechung (Kanufahren in Kanada kommt hier genau so vor, wie Bergsteigen in Afrika usw.), ein Ende im Bettenlager. Das von uns reservierte, kleinere Lager haben sich andere unter den Nagel gerissen, und wir haben es nicht einmal bemerkt.

Blöd ist nur, dass vor unserem Fenster oder gar im Schlafraum Trompetenfrösche immer wieder garstige, fäulnisverursachte Töne von sich geben. Auch besitzen alle außer mir viel zu kleine Blasen, die regelmäßig entleert werden wollen. Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus. Mit der Dunkelheit wird auch jedesmal mein Schlaf weggeknipst. Wie ein Kinderpyjama wird mir auf diese Art die Nacht zu knapp.

Erster Tag bis zum Tressenstein 475 HM und 4,3 km.

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Die Morgengesichter sind denkbar wenig herzeigbar. Den Föhn spüren wir schon, und Eile ist geboten.

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Weil mehr Platz vor der Hütte, als in der Hütte ist, packen viele Ihren Rucksack draußen.

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Uns schließt sich noch ein Bekannter Karls an. Dieser ist in den Morgenstunden mit seinem Hund zur Grimminghütte aufgestiegen und sieht frischer aus als wir.

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Gleich zu Beginn haperts bei mir. Ich wandere wie ein schlechter Schlagzeuger, ich kann einfach das Tempo nicht halten. Dass dieser wenig ehrenvolle Tourenbeginn kein glückliches Ende für mich haben kann, versteht sich von selbst. Zu diesem Zeitpunkt hoffe ich aber noch. Wie schon am Vortag bleibt mir nur der Kameraschuss in den Rücken.

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Doris ist in großartiger Verfassung und verliert nie den Anschluss, obwohl ja vielleicht diese wissenschaftliche Erkenntnis eine Erklärung für die starke Performance der Männer ist:

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Es ist nicht nur das hohe Tempo. Meine Füße, der linke wie der rechte, setzen einfach nicht richtig auf, bei jedem Schritt knickt einer ein, rutscht ab, stößt mit den Zehen an Steine und Wurzeln. Ich halte den ganzen Tross auf, keiner sagt etwas zu mir, aber glücklich können sie mit mir nicht sein. Und bevor die Tour ernsthaft beginnt, trete ich in stille Verhandlungen mit mir ein. Die Ausläufer einer harten Arbeitswoche und einer halbdurchzechten Nacht sind voll bei mir angekommen. Ganzkörpermüde bin ich und geistig schwach.

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Ich entwickle ein dialogisches Verhältnis zu mir selbst, weil ich nicht weiß, in welcher Richtung die richtige Zukunft für mich liegt. Vor mir oder hinter mir? Weitergehen oder umdrehen? C’est moi qui décide – ich bin es, der die Entscheidung trifft!

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Nach diesem ersten berherzten Anstieg trifft das sich dahinschleppende Bündel seine Wahl, denn es muss entschieden werden, zwischen einem schnellen Leid und einem schleppenden. Und sein Entschluss lautete Bleibenlassen.

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Heute ist nicht der Tag glücklich auf den Grimming zu steigen. Dieser Tag ist offensichtlich ein andermal, und darum beende ich das Dilemma sofort und nicht erst eine mühsame Stunde später. Mein Freund im Geiste, Sancho Panza, der größte Knappe aller Zeiten, meint in einem ähnlichen Fall zu seinem Ritter Don Quijote:

„Ein Rückzug ist keine Flucht und Standhalten nicht klug, wenn die Hoffnung der Gefahr nicht standhalten kann. Der Weise spart sich auf, setzt nicht alles auf eine Karte und steckt nicht alle Braten an einen Spieß.“

Und weil sogar Don Quijote diesem Rat Folge leistet und wir beide „Ritter von der traurigen Gestalt“ sind, kann ich das in dieser Situation auch.

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Das Versprechen, immer wieder auf mich zu warten, glaube ich meinen Kollegen gerne, nur das erspare ich ihnen und mir. Von Karl lasse ich mir den Autoschlüssel geben, denn ich will sie am Kulm abholen. Bald schon höre ich ihre Stimmen nicht mehr.

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Mein Schmerz über den heutigen Verlust des Grimminggipfels geht nicht besonders tief. Eher bin ich über die getroffene Entscheidung erleichtert und genieße das wundersame Schweigen um mich. Einzig dem aufkommenden Wind erzähle ich mein sanftes Unglück. Später beschließe ich die Besteigungswiederholung des Tressensteins.

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Von einer großen Last befreit und gar nicht betrübt spaziere ich…

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…über laub- und moosfelsigen Untergrund zum steinigen Aufbau des Tressensteins. Der felsige Untergrund treibt das Geflecht der Sehnen und stärksten Adern der Bäume an die Oberfläche.

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Links der Bildmitte (begrünt) ist der SO-Grat zu sehen. Weit ist es bis zum Gipfel. Das hätte ich heute nicht zustande gebracht.

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Diese Bank habe ich beim gestrigen Laufaufstieg gar nicht bemerkt.

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Das ist schon ein mächtiger Brocken, der Grimming.

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Mich wundert’s, dass ich so wenig traurig bin. Vielleicht weiß ja meine Seele schon beim Blick auf die Tauplitz und die aufragenden Tragln (2179 m), dass mir noch im November, mit deren Besuch, eine meiner allerschönsten Touren gelingen wird.

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Während ich hier sitze und den Vögeln Gesellschaft leiste, sitzen meine Kollegen vermutlich schon am Gipfel und können den Flugzeugen ins Cockpit blicken.

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Vom nahen Flugplatz schleppt ein Flugzeug einen nichtmotorisierten, geflügelten Kollegen…

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…über den angegrauten Himmel. So einen Abschlepper hätte ich mit meinem stotternden Motor heute auch brauchen können.

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Das Wetter beginnt sich tatsächlich zu drehen, und ich beschließe den baldigen Abstieg.

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Ich rechne mir in etwa aus, wie lange die Überschreitung dauern kann, davon ziehe ich eine Stunde ab und werde mit dieser Schätzung auf die Viertelstunde genau, richtig liegen.

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Ich gönne mir auf der Grimminghütte noch meine liebste Lieblingssuppe, plaudere noch ein wenig mit anwesenden Wanderern und steige danach ab.

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Tatsächlich muss ich am Kulm nicht lange warten. Meine Kollegen hatten einen wunderbaren Bergtag, schildern die wenigen Schwierigkeiten und sind über ihren geglückten Tag herzlich froh. Das erzählen sie mit glühenden Gesichtern in meine doch aufkommende stille Melancholie hinein. Ein andermal werde ich die Besteigung über den SO-Grat nachholen, vermutlich alleine.

 

versuchuebermuedigkeitDie Blogüberschrift hätte treffenderweise auch „Versuch über die Müdigkeit“ heißen können, aber den Titel hat Peter Handke schon für ein „Versuch über…“ Buch  verwendet, und darum ist es der von Handke noch nicht geschriebene Titel „Versuch über das Bleibenlassen“ geworden.

 

 

 

Im Anstieg ca. 966 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 11,8 km.

Erster Tag bis zum Tressenstein 475 Hm und 4,3 km.

Zeiter Tag wieder bis zum Tressenstein mit kurzem Anstiegsversuch 491 Hm und 7,5 Hm

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Den Titel dieses Blogeintrags habe ich an Peter Handkes Versuche angelehnt. Versuch über die Müdigkeit, Versuch über die Jukebox, Versuch über den geglückten Tag, Versuch über den stillen Ort und Versuch über den Pilznarren finde ich großartig. Ich mag diese Texte sehr.

Neuweg/Peham (2004): Schutzhütten Touren, Wanderwege, Geschichte. Verlag Ennsthaler, Steyr.

Pilz (2007): Zwischen Ötscher und Wilden Kaiser. Ennsthaler Verlag, Steyr.

Pürcher (2004): Dachsteingebirge, Grimming, Gosaukamm: Hochalpine Touren und Wanderungen für die ganze Familie. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.