Unverschämt grüne Gipfel: Tattermann (2089 m) und Gasseneck (2111 m)

Der Beginn einer meteorologischen Aufwallung bewegt die Atmosphäre, das Wetter kommt in den Wechsel, und ich ernte die Wechselbeschwerden. Diese schwülheißen Tage bescheren mir Hitzewallungen, Schweißausbrüche und Leistungsabfall. Bevor die Glut ihren Höhepunkt erreicht und die Morgentemperaturen schon um die zwanzig Grad ausmachen, will ich das Gasseneck (2111 m) und den Tattermann (2089 m) besteigen. 

Um den Hitzemonstertagen zu entkommen, bin ich vielleicht schon zu spät dran. Denn auch heute gibt sich die Sonne mit einem morgendlichen Glosen nicht zufrieden. Von Tagesbeginn an verfeuert sie alles Brennbare, das sich in ihrem Sonnenkeller befindet.

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Ein Besuch des Freibads von Mößna (24 °C warmes Wasser) wäre eine logische Alternative. Aber nicht für einen Zwängler wie mich.

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Ich parke meinen zartrosa Körper  n i c h t  genussvoll im kühlenden Nass,…

PeterbeimBaden

…sondern lediglich mein felswandgraues  Auto am Parkplatz beim Freibad und wandere los. Nach wenigen Metern wird mir bewusst, dass ich auf der falschen Bachseite wandere. Über den Mößnakarbach kommt man mit trockenen Füßen nicht so einfach hinüber.

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Zum Glück lungert ein umgänglicher Einheimischer am Gartenzaun des letzten (gelben) Hauses und macht mich auf eine überschreitbare Sperrmauer aufmerksam, nur zwanzig Meter bachaufwärts.

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Auf der gegenüber befindlichen Forststraße wandere ich weiter.

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In meiner Karte würde die Markierung über diese Sperrmauer die Straße verlassen. Auch die Schiroute ist so vermerkt. Das kann aber nicht stimmen. Alles ist verwachsen und sieht unbegangen aus. Ich beschließe, auf der Forststraße zu bleiben und eine weiter oben befindlichen Brücke zu überschreiten.

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Meine Überlegung war wohl richtig – die Markierung wurde hierher verlegt. Erst im Abstieg benutze ich aus Neugier den „alten“ Weg, und der ist, wenn ich mich auch zuvor habe täuschen lassen, noch immer gehbar.

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Nach einem knappen Forststraßenkilometer zieht die Markierung im schattigen Wald hoch. Die Schatten sind die Reste vom nächtlichen Dunkel und seiner Kühle – herrlich.

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Bei einer ersten Trinkpause, noch vor den beiden Jagdhütten, gibt es diesen herrlichen Blick auf die Knallsteine. Beim dunkelgrünen Rücken im Vordergrund dürfte es sich um den Jausenkogel (1812 m) handeln. Während ich mir so meine Gedanken über seine mögliche Besteigung mache, erhebt sich von mir noch (fast) unbemerkt,

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…eines der unglaublich schönen leuchtend grünen Berggestirne der Niederen Tauern neben mir. Abermals erliege ich völlig dem Lockruf meiner Lieblingslandschaft. Da will ich – nein – da muss ich heute hinaufpilgern.

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Der Weg bleibt noch in Spritzwassernähe zum Bach. Auch darum ist das Terrain feucht, dumpf und tief. Die Bodenvegetation wuchert ungezähmt. Sträucher, Stauden, junge Buchen beherrschen das Bachufer. Dazwischen strecken sich die Gräser brusthoch dem Licht entgegen. Völlig überraschend ist der Pfad auf einmal sogar ausgemäht. Verrät mir die Mähspur vielleicht den Abzweiger zu den Jagdhütten?

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Nein, tut sie nicht. Schon gleich nach einer Bachüberquerung ist es schlagartig aus mit der Mähgasse. Erst im Abstieg finde ich den gut versteckten Abzweiger – dazu mehr am Schluss des Blogeintrags.

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Ich bleibe noch am markierten Weg, bis ich die Jagdhütte sehen kann.

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An dieser Stelle, mit einem letzten Blick in Richtung Gstemmerscharte und Sonntagskarspitz (1999 m), verlasse ich den markierten Steig und quere über Stauden kletternd und Sträucher stolpernd zur Jagdhütte.

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Erschwert wird die Angelegenheit durch das stark kupierte Gelände und einem vom Wasser gegrabenen, tiefen Einschnitt. Es ist etwas mühsam, fast pfadlos, zum Jagdhaus (1671 m) zu gelangen.

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Von der zweiten Jagdhütte und der Anstiegsmöglichkeit über den Seeleitriegel aufs Gasseneck trennt mich noch ein zweiter Graben. Diesen Einschnitt kann ich auf Pfadspuren umwandern. Zu dieser Jagdhütte gelange ich allerdings nicht mehr, die lasse ich in doppeltem Sinne links liegen.

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Bevor endlich der Gratanstieg beginnt, darf ich noch durch diesen wollgrasgepunkteten Glückswinkel wandern.

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Im tiefwässrigen Boden schmatzen sich meine Schuhe gierig einen nassen Weg durchs Feuchtbiotop.

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Endlich bin ich auf der langen Rampe zum Gasseneck angelangt. Vierhundert Höhenmeter wollen von mir weggewandert werden. Das ist viel kurzweiliger, als es auf diesem Bild aussieht.

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Die Tiefblicke sind die Heuer der Anstrengung.

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Auch wenn ich einmal eines fernen Tages das grüne Irland oder das nicht weniger grüne Island mit meinen langsamen Wanderschritten ausmesse, …

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…werde ich in allen diesen Landschaften doch immer nur die Niederen Tauern sehen: „Hier sieht es aus wie daheim, in den Niederen Tauern“ wird es mir durch den Kopf gehen. Diese Landschaft mit ihrem Ineinander…

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…und Auseinander von Grün trage ich schon lange in mir.

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Diese Zone kennt im Großen und Ganzen nur zwei Farbzustände. Das Weiß des langen Winters und das Grün des restlichen Jahres. Die vielen Blumen sind indes die bunten Anomalien in dieser hohen Landschaft.

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Fast schon oben angelangt, quere ich unterhalb des Gassenecks die steilen Hänge,…

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…um zuerst auf meinen zweiten Tattermann zu gelangen und damit meine Tattermannliste abzuschließen. Meinen ersten habe ich hier bestiegen: Von der Schoberspitze zur Schaabspitze – Gratwandern in Donnersbach.

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Für dieses Gipfelfoto tausche ich meinen gewohnten Heiligenschein gegen einen aus tausenden „Sacra-Mücken“. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Tattermann (2089 m).

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Links im Bild ist meine unmittelbare Zukunft zu sehen. Die Gegenüberberge habe ich im August 2014 besucht und den Blogeintrag ein wenig exzentrisch übertitelt: Grüne Weltabsage im Mörsbachtal oder wie ich zum Stillekoster wurde.

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Das Sölktal mit dem Stausee Großsölk. Daneben ragt das Gumpeneck (2226 m) auf. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand die zerstörerische Kraft der Sommerunwetter, die dieses Jahr über das Tal hereinbrechen werden.

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Mit Gabi und Ria habe ich bereits im Juli 2015 das wunderbare Gumpeneck bestiegen: G wie gewittrig oder G wie genussvoll oder einfach G wie Gumpeneck (2226 m).

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Im Westen dominiert die Hochwildstelle (2747 m) den Horizont…

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…und im Nordwesten der Dachstein.

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Nach einer kurzen Rast wandere ich zum nahen Gasseneck weiter.

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Ich bin hier oben das einzige Tier meiner Rasse, und das finden die Schafe jetzt ungemein interessant. Gar nicht zimperlich stürmen sie auf mich zu.

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Ich werde wie ein Tour de France Radfahrer bei der Bergankunft gröblichst bedrängt. Auch ähneln die Gesichter der halbwahnsinnigen Radfans den Schafköpfen um mich.

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An diesem Tag bin ich der Alberto Contador des Gassenecks:

An den verschwitzten Gurten meines Rucksacks wird geleckt, gebissen und gerissen. Von der Seite werde ich gestoßen, von hinten werde ich gezogen. Für einen Moment ist das sogar beängstigend.

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Als Pazifist fällt mir die Verteidigung schwer. Nur mit Mühe kann ich mich aus der Umzingelung befreien und fliehen. Wenn es welche gibt, die mit dem Wolf tanzen, muss es auch die anderen geben, die vor den Schafen flüchten.

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Mit einem Bergaufsprint kann ich sie abschütteln, aber nicht lange. Das Gipfelbuch steckt in einem Plastiksackerl, und das Rascheln beim Herausnehmen ist für die Schafe das Signal zum Gipfelsturm. Ich vermute, dass der Halter das für die Tiere so wichtige Salz im Plastiksackerl auf den Berg trägt und wie beim Pawlowschen Hund schon alleine das Geraschel den Schafspeichel in Bächen fließen lässt.

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Meinen Platz beim Gipfelkreuz habe ich mir diesmal wirklich hart erkämpft. Darum noch obligatorischer und unverzichtbarer: Gipfelfoto Gasseneck (2111 m).

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Dieser Gipfel überragt die höchste Erhebung meiner Heimatstadt exakt um tausend Meter. Der Wetterkogel (1111 m) ist am 11. November (Faschingsbeginn) ein beliebtes Ziel der Waidhofener Bergwanderer. Ein so viel besuchter Gipfel ist das Gasseneck nicht. Das Gipfelbuch stammt vom September 2005.

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Der Weiterweg führt immer aussichtsreich den schattenlosen Grat entlang.

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Blick zurück aufs felsige Gesicht des Gassenecks und den grünen Rücken des Tattermanns.

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Und dann zeigt er sich völlig überraschend, der Zipfel der Unverschämtheit.

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Symbolbild – mitnichten maßstabsgetreu!

So ein Blödsinn, ich meine natürlich den Gipfel der Unverschämtheit.

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In keiner Karte verzeichnet, aber oft und von vielen Österreichern gerne auch täglich erreicht: Der Gipfel der Unverschämtheit (2086 m).

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Nach dieser, zugegeben einfachen und ein bisserl vulgären Selbstbespaßung tritt wieder die Landschaft in meinen Gedankenmittelpunkt. Den Grat gegenüber habe ich ja bereits einmal überschritten, heute will ich durch den Talgrund zurück wandern. Noch ist es nicht soweit abzusteigen, bis zur Mößnascharte möchte ich noch wandern.

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Zwei felsige Höcker müssen von mir noch überstiegen werden, und dann trennen mich…

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…nur noch wenige flache Meter vom…

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…Gipfel über der Mößnascharte. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Mößnakopf (2077 m).

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Jetzt kann ich auch auf den Schusterboden blicken. Dessen Durchwanderung hat mir besondere Freuden bereitet: Grüne Weltabsage im Mörsbachtal oder wie ich zum Stillekoster wurde.

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Ich steige zur Mößnascharte (ca. 1970 m) ab und halte mich auf Schafpfaden immer über dem feuchten Grund der Talschüssel.

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Es sieht ganz so aus, als würde mich der Himmel mit erhobenem Wolkenstinkefinger zur Eile mahnen. „Über mir steht jetzt ein von Süden aufgezogener, grauschwarzer Unhold, den Bauch voller ausgesoffener Meere“ (Reichert Wolkendienst). Der Wolkenturm schichtet sich ganz von selbst höher und höher, und ich werde schneller und schneller.

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Wenn Einsamkeit auf die Farbe der Mitte trifft, sieht es so aus wie hier. Grün ist die Unparteilichkeit zwischen allen Extremen. Grün ist nie zornig, radikal oder provokant. Es fördert Eigenschaften wie Toleranz und Zufriedenheit, und…

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…die Farbe Grün dient als Heilfarbe. Sie versammelt Kräfte und fördert die Regeneration. Weil sie beruhigend wirkt, ohne zu ermüden, ist sie meine ideale Farbe.

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Auch wenn der russische Maler Wassily Kandinsky gar nicht freundlich meinte: „Das Grün sei wie eine dicke, sehr gesunde, unbeweglich liegende Kuh, die nur zum Wiederkäuen fähig mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet.“

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Nicht nur weil ich Kühe mag, ist für mich das weglose Durchwandern dieses Grünkessels eine zärtliche Tröstung für die kleinen und großen Verletzungen des unsensiblen Alltags. Bald schon komme ich wieder beim Wollgras-Glückswinkel an, und wie bereits Stunden zuvor, blicke ich zum Gasseneck hoch. Der Kreis schließt sich.

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Ich würde ja gerne trödeln, aber die Wolkenhochstapeleien gefallen mir gar nicht. Nach einer kurzen Rast bei der Jagdhütte folge ich einem schmalen Pfad, und dieser bringt mich bis zum Bach, nur drei Meter neben der Brücke, dort wo im Aufstieg die „Mähgasse“ endete (siehe Bildbeschriftung).

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Eiliger als der Bach sause ich am Anstiegsweg dem Tal entgegen. Und bald schon beginnt es zart zu regnen.

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Im Anstieg ca. 1180 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 15,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.3    © 2007 Christian Dellwo

Leopold hat diese Aufstiegsvariante (bei Schnee) ebenso gewählt: Gasseneck und Tattermann (abgerufen am 24.9.2017)

Die Informationen zur Farbe Grün habe ich größtenteils hier gefunden: http://www.seilnacht.com/Lexikon/Gruen.htm (abgerufen am 23.9.2017)

Umfangreiche Aufklärung über Pawlowsche Versuche finden sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Pawlowscher_Hund (abgerufen am 23.9.2017)

Sacra-Mücken sind meine Erfindung. Für einen Heiligenschein braucht es einfach ein wenig „Sacra“ (lat. heilig).

CoverFrischenschlagerSenftWanderführerEnnstal

Frischenschlager et al. (1996): Ennstal – Vom Dachstein bis zum Gesäuse. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

CoverHollNiedereTauern

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

CoverAuferbauerBergtourenparadies

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.