Attraktionsprogamm bei freiem Eintritt: Hohe Trett (1681 m)

Zutritt, Zutritt, meine Damen und Herren, soeben ist Anfang – Beginn einer neuen Vorstellung. Niemand soll den Festplatz Blog verlassen, ohne unserer Vorstellung beigewohnt zu haben. Das Attraktionsprogramm mit der Hohen Trett (1681 m) – die einmalig im ganzen Ennstal ist. Die Dame ist von zentraler Position, völlig liftstützenfrei und nur gering forststraßenbehaftet. Als wohlfeile Zugabe assistiert das unaussprechliche Schmiergereköpfel (1458 m). Beide gewinnen in dieser Vorstellung großartigen Beifall und Ovationen. Kommen Sie und applaudieren Sie mit…

Hereinspaziert

Die pure Vergnügungssucht lässt Reinhard und mich dieses Frühjahr vom Leistungs- und Anstrengungswandern zum Genusswandern wechseln. Diesesmal ist unser Ausgangspunkt wieder einmal Oppenberg. Wir parken das Auto ca. 350 Straßenmeter nach dem Bauernhaus Ebner bei dieser abzweigenden Forststraße. Auf ihr wandern wir hoch.

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Wie gute Freunde bei einer Party trudeln bereits am Beginn der Tour viele Bergbekannschaften ein: Dachstein (2995 m), Kammspitz (2139 m), Grimming (2351 m) und …

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Hochgrößen (2115 m).

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Noch fallen die Schatten der Bäume quer über den Pfad,…

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…und im Duft der Sträucher und im Gesang der unsichtbaren Vögel wandern wir die Forststraße hoch.

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In dieser Lichtung treffen wir auf markierte Pfadspuren, welche vom Blosen (1724 m) zur Einsattelung am Stribing ziehen. Und auf diesen Wegspuren wandern wir weiter,…

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…um sie nur für einen kurzen Abstecher, zwecks Gipfelheimsuchung, zu verlassen.

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Im Vorsommerduft der Vorsommerluft entfernen wir uns vom markierten Pfad und ersteigen die wenigen Meter zum verwachsenen,…

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…moosvergrünten, sehr eigenartigen Gipfel. Aussichtsfrei, obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Schmiergereköpfel (1458 m).

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Wir steigen wieder zum markierten Pfad ab und anschließend diese kleine Wiesenkuppe hoch. Eine Zauberhand lässt die Bäume wie einen Bühnenvorhang zur Seite weichen und macht aus dem Wiesenbergerl eine Schaubühne. Krawuzikapuzi beschreibt die Szenerie am besten.

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Das Ennstal und die grauen Wände des Hochangernstocks mit dem Nazogl (2057 m). Dahinter der Beginn des Toten Gebirges mit Warscheneck (2388 m) und Schrocken (2281 m).

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Die Hallermauern mit dem westlich abgesetzten Bosruck (1992 m) und dem vorgelagerten Pleschberg (1720 m). Rechts im Bild ist der riesige Rücken des Dürrenschöberls (1737 m) gut zu erkennen – ein ebenfalls fantastischer Aussichtsberg.

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Warscheneck (2388 m) und der markante Stubwieswipfel (1786 m) über der Wurzeralm.

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Diese grauen Wände kann man hochwandern – zumindest gibt es einen Weg zum Kosennspitz (1982 m) und dem Nazogl (2057 m).

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Hinter den grauen Wänden erhebt sich das Tote Gebirge in seiner eisigen Lieblichkeit.

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Von dieser begrasten Aussichtsplattform schlängelt ein Steig ca. 100 Hm zum Stribingsattel hinab. Die Hohe Trett haben wir bereits im Blickfeld.

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Das Hinabsteigen verringert die Aussichtsqualitäten dieser Tour keineswegs.

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Wir erreichen die Einsattelung am Stribing (1348 m) heute zum ersten Mal und viele Stunden später ein zweites Mal.

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Manchmal steiler und dann wieder weniger steil, zieht der Weg den gekrümmten Buckel zum Gipfel.

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Links und rechts können wir vom Grat blicken. Fast schon fühlt sich die Begehung dieses langen Rückens hoch über dem Talboden wie eine langsame Fahrt…

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…mit dem Zeppelin durchs Ennstal an.

Luftschiff

Das Mölbegg (2080 m) im Süden und…

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…die Ennstaler Alpen und das Tote Gebirge im Norden.

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Am Grat vertrocknen graue Baumgreise, die jederzeit umfallen können.

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Alle sind schon lange alt.

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Viel zu früh erreichen wir die herrliche Gipfelwiese der Hohen Trett.

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Poseure am Gipfel. Bauch weg, Brust raus und Nordwandblick für das obligatorische und unverzichtbare Gipfelfoto: Hohe Trett (1681 m).

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Die Hohe Trett erweist sich als Bergschaubude der besonders freigiebigen Art.

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Im weichen Gras besinnt sich Reinhard auf seine besondere Gabe des Ruhenkönnens, mitten in unserer beschleunigten Moderne.

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Er gönnt seinem abgemüdeten Körper eine Innenschau,…

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…während ich die Fernschau nicht lassen kann. Die prachtvolle Aufführung kann für mich gar nicht lange genug dauern. Hingeduckt neben dem Grimming ist das Gindlhorn (1259 m) und der darüber aufragende Brandangerkogel (1508 m) und der felsige Leistenstein (1480 m) zu sehen.

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Der Blick zurück ins Ennstal. Diesmal sind auch noch der Buchstein (2224 m) und der Admonter Reichenstein (2251 m) aufgetaucht. Mittlerweile überschreitet unsere Gipfelaufenthaltsdauer die Aufstiegszeit bei weitem. Und trotz des anhaltend guten Attraktionsprogramms müssen wir an den Rückweg denken.

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Nur mit gegurrten Schmeichelworten gelingt es mir, Reinhard aus der Horizontalen in eine vertikale Position zu bringen.

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Geistesträge und mit lahmen Beinen wankt er in Richtung Westen, immer auf den Grimming zu.

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Wir wollen noch das Lärcheck aufsuchen und anschließend nördlich, auf einer unmarkierten Forststraße, zurück wandern. Das stellt sich als Schwachstelle unserer Tourenplanung heraus. Sozusagen verdoppelt es die Wegstrecke, ohne optischen Zugewinn. Überhaupt würde ich die Überschreitung des ganzen Rückens, vom Blosen (1724 m) bis zur Hohen Trett, als Tour empfehlen, allerdings braucht es dazu ein zweites Fahrzeug.

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Die Rehe und Hirsche genießen den ganzen langen Tag diesen erhabenen Talblick. Beim Schlafen, Äsen und Kitzmachen schauen sie hinab auf die Talbewohner, als hätte ihnen der Berg…

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…Flügel verliehen. Alle, die hier wohnen, haben etwas vom sagenumwobenen Peryton.

„Der Peryton besitzt den Kopf, Hals und Vorderbeine sowie das Geweih eines Hirsches, des Weiteren sind seine Hinterbeine und Flügel mit dazugehörigem Gefieder die eines riesigen Vogels. Manchmal wird er aber auch nur als Hirsch mit Vogelflügeln dargestellt. Die Farbgebung soll dabei dunkelgrün oder hellblau sein“. (Wikipedia)

Peryton

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Lärcheck (1550 m). Allerdings ist das Lärcheck ein Scheingipfel, eine völlig verwachsene Rückfallkuppe. Es gibt unwiderstehliche und widerstehliche Gipfel. Das Lärcheck gehört eher zur zweiteren Gruppe.

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Jetzt kommt für Reinhard der herausfordernde Teil der Wanderung. Er ist ausgeruht und entspannt. Darum benutze ich den langen Rückweg, um die Oktoberfest-Geschichte von Karl Valentin völlig stümperhaft nachzuerzählen. Aus dieser Geschichte stammen auch die ersten beiden Sätze der Einleitung zu diesem Blogeintrag. Zuerst erzähle ich Reinhard von Herrn Tafit:

„Herr Tafit ist ein medizinisches Rätsel – er ist normal gebaut, bis auf die Ohren – es sind Riesenohren mit einem Meter Durchmesser (…) In seinen Riesenohren erzeugt Herr Tafit jährlich zwölf Zentner Ohrschmalz, welches er stets an einen Wagenschmierfabrikanten abgibt und an dem Erlös desselben einen ganz schönen Nebenverdienst zu verzeichnen hat. usw.“

Danach muss er sich auch noch die Geschichte von Fräulein Lilly anhören:

„Die Dame ist gegenwärtig zwei Meter dreißig groß und wiegt dreihundertzwanzig Pfund. Die Mutter der Dame ist normal und hat nicht das geringste Talent zu einer Riesin. Um die Größe beizubehalten, ißt die Dame nur längliche Speisen, wie Stangenspargel, Makkaroni, Rhabarber und Salzstangerl. Getränke muss sie sprudelnd heiß trinken, da die im Munde eingenommenen heißen Flüssigkeiten infolge der langen Speiseröhre meistens eiskalt in den Magen kommen und zu einer Magenerkältung führen könnten“.

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Und bevor ich meine furiose Erzählung noch fortsetzen kann, endet die Forststraße, und es wird sprechverhindernd anstrengender.

Obwohl in den Karten das Ende der Forststraße ersichtlich ist, sind wir von ihrem tatsächlichen Ausklingen in der Landschaft doch überrascht. Üblicherweise sind diese Straßen längst fertiggebaut, zusammengeführt oder verlängert. Diesmal allerdings nicht.

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Wenige Höhenmeter, aber dafür viele botanische Hemmnisse, müssen wir unterhalb des Tatschenofens bis zum nächsten Ziehweg überwinden.

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Von diesem Ziehweg ist es nicht mehr weit zum Stribingsattel und hinauf zur begrasten Aussichtsplattform. Hier, rechts der Bildmitte zu sehen.

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In unserer genießerischen Überschätzung dieser Gipfel liegt auch eine Gefahr. Es könnte sich ein gehöriger Unwille zur Besteigung mühsamerer, herausfordernder Gipfel in uns ausbilden. Ich spür’s schon ein bisserl. Anspruchsstolze Bergsteiger werden sich jetzt vielleicht überheblich abwenden, aber sinnenfreudige, weniger elitäre Bergwanderer sollten sich an dieser Attraktion vielleicht auch einmal versuchen. Die Hohe Trett verdient sich jeden Applaus.

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Im Anstieg ca. 1050 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 18,3 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Schulte (1978): Alles von Karl Valentin. R. Piper & Co. Verlag, München Zürich.

Das erste Bild stammt von Elmar Buck: Vision – Raum – Szene. Gemälde, Graphik, Skulptur, Plakat, Foto, Film in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung Schloss Wahn, Universität Köln. Kassel 2001, S.430f . Ich habe es im Blog Schaubuden von Stefan Nagel entdeckt.

Das Bild vom Peryton stammt von Wikipedia: Peryton (abgerufen am 3.7.2016)

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Rottenmanner Tauern (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.